Zurück im Haifischbecken

Welches strategische Kalkül verbirgt sich hinter der Allianz eines »Spaners« und eines »Umformers«? bbr ging der Sache in Pforzheim auf den Grund.

16. November 2006

Als Raster Maschinenbau, Ötisheim (Pforzheim), im Oktober vergangenen Jahres Insolvenz anmeldete, war an ein schnelles Comeback nicht zu denken. Doch dann trat die Klink Holding auf den Plan und Raster Technology, wie sich die Stanz- und Umformautomatenbauer heute nennen, war zurück im Haifischbecken. »Der ruinöse Preiskampf hatte uns in die Insolvenz getrieben.« Der Satz, ausgesprochen vom Vertriebsleiter der heutigen Raster Technology GmbH, Reinhold Merkel, klingt nur allzu bekannt in den Ohren. Denn hohe Qualität und solider Maschinenbau sind längst nicht mehr »die« Kaufkriterien. Sie gelten als Selbstverständlichkeit. Was zählt, sind neben der Qualität technische Alleinstellungsmerkmale - Technologievorsprung lautet da ein Schlüssel zum Erfolg.

Klare Strategie

»Für uns war der Kauf von Raster eine wichtige strategische Entscheidung«, Dr. Heiner Lang, zuständig für Technik und Entwicklung innerhalb der Firmengruppe, erläutert, wie es zur Partnerschaft mit dem Umformer Raster kam. »Wir suchten neben unserem Geschäftsbereich Räumwerkzeuge und Maschinen ein weiteres Standbein, eine ergänzende Technologie. Da sehen wir die Umformtechnik als eine ideale Ergänzung. Der Kauf von Raster ist ein strategischer Zukauf.« Seit März diesen Jahres steht Raster wieder auf festen Beinen, als »selbstständige Tochter«, wie Reinhold Merkel anmerkt. Eine Tatsache, die ein positives Licht auf die neue »Mutter« wirft ist, dass Klink 35 der ursprünglich 70 Ras­ter-Mitarbeiter zurückgewinnen konnte, »Leute in Schlüsselpositionen und Know-how-Träger«, wie Dr. Lang erfreut anmerkt. Damit ist eine solide Basis geschaffen, von der aus weiter aufgebaut werden kann. Also alles klar? »Mitnichten«, wie Reinhold Merkel meint, denn gerade in der Insolvenzphase von Raster gab es große Verwirrung bei den zahlreichen Kunden des Stanz- und Umformautomatenbauers aus Pforzheim (allein in NRW stehen 1.300 Raster-Pressen). Und Merkel sieht es an der Zeit, endlich Licht in diese Angelegenheit zu bringen: »Wir agieren als selbstständige Tochter der Karl Klink GmbH. Außer unserer Logofarbe (vorher violett, heute »Klink-Blau«) und dem Anhängsel Technology statt Maschinen hat sich für unsere Kunden zunächst nichts grundlegendes verändert.« Dass auch einige Servicebetriebe für die zahlreich installierten Raster-Maschinen Serviceverträge anbieten, ist sicher noch ein Punkt, der den Vertriebsleiter wurmt. »Wir wollen unseren Service ausbauen, und das gleiche gilt für unser Produktportfolio, das wir erweitern werden. Konstruktion und Vertrieb sind auch unter unserer Mutter Karl Klink identisch geblieben.« Raster Technology befindet sich derzeit also in der Anlaufphase, und es gilt auf den in langen Jahren erworbenen guten Ruf aufzubauen.

Synergieeffekte

Dass die Entwickler von Klink ihr Know-how im Maschinenbau einbringen werden, um gemeinsam mit den Raster-Entwicklern neue Denkansätze maschinentechnisch umzusetzen, daran lässt Klink-Chefentwickler Dr. Heiner Lang keinen Zweifel: »Ich denke, dass wir aus unserem Erfahrungsschatz in der Antriebstechnik, Mess- und Steuerungstechnik sowie der Automation neue Lösungsansätze für die Umformtechnik entwickeln werden. Ein Projekt hat hier schon konkrete Formen angenommen. Es betrifft frei programmierbare Geschwindigkeitsprofile über dem Pressenhub. Hier setzen wir auf unsere Erfahrungen in der Antriebstechnik, beispielsweise mit Spindel-Servomotorkonzepten oder hochdynamischen hydraulischen Antrieben, die uns jedes erdenkliche Geschwindigkeitsprofil erlauben. Auch ›intelligente‹ Kombinationen unterschiedlicher Antriebskonzepte sind in der Diskussion.« Auch in Sachen Pressenvorschübe gehen die Maschinenbauer eigene Wege. »Wir werden unseren elektromotorischen Zangenvorschub (VZ-Linear 300A) auf der Euroblech erstmals vorstellen«, so Reinhold Merkel.

Ressourcenfrage

Was Dr. Lang bereits angesprochen hat, die weitreichenden technischen Analogien zwischen den Räummaschinen (von Karl Klink) und den Stanz- und Umformautomaten (von Raster), erlauben einen einfachen wie effektiven Ressourcentausch. »In den Abteilungen Konstruktion, Montage und Service und den Bereichen Mechanik, Elektrik und Hydraulik werden sich unsere Mit­arbeiter prima ergänzen. Das kommt insbesondere der Auslastung unserer Betriebe zu­gute. So werden in Stoßzeiten sicher Raster-Mitarbeiter in unserer Fertigung zu finden sein, wie auch umgekehrt.« Da Maschinenbauer die gleiche Sprache sprechen ist das sicher ein realistisches Zukunftsszenario. Bereits heute fertigt Klink auf seinen großen Fertigungszentren die mächtigen Pressenteile der Raster-Pressen. »Wir haben in unserem Betrieb gar nicht die technischen Möglichkeiten«, so Reinhold Merkel. Dass diese Zusammenarbeit zudem für eine effiziente Maschinennutzung des umfangreichen Werkzeugmaschinenparks von Klink sorgt, ist nur ein Baustein dieser fruchtbaren Mutter-Tochter-Beziehung - wirtschaftlich gesehen, ein entscheidender.

Zukunftsszenarien

Dass man bei Klink Großes mit der Raster-Tochter vorhat, darüber freut sich Reinhold Merkel besonders: »Wir stehen in Kontakt mit einem ausländischen Pressenbauer, um eine strategische Allianz einzugehen. Wir stehen hier noch mitten in den Verhandlungen, doch so viel kann ich verraten: Mit dieser Allianz könnten wir Presskraftbereiche bis 3.500 Tonnen abdecken und so unseren Kunden ein weites Spektrum von der 100-Tonnen-Presse bis zur Großpresse anbieten.« Dass der Service noch ausbaufähig ist, wurde bereits erwähnt. Ein Grund liegt sicher in den längeren Produktionszeiten, in denen die Pressen von den Kunden genutzt werden. »Heute gehe ich von einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von etwa 18 Jahren aus. Das bedeutet, dass die Wartung und damit Wartungsverträge über den gesamten Lebenszyklus einer Presse von zunehmender Bedeutung sein werden«, so Merkel. Hinter verschlossenen Türen gedeihen also nicht nur technische, sondern auch strategische Pläne, und eifrig werden die Synergien in Bezug auf Vertrieb, Einkauf und Technik ausgelotet und besprochen. Dr. Heiner Lang freut sich hier von Seiten der Technik auf viele spannende Gespräche mit den Raster-Konstrukteuren, die zum gegenseitigen Nutzen laufen sollen: »So, wie wir unser Know-how einbringen werden, wird auch Raster sein Know-how bei uns einbringen. Viele Dinge, für die wir bisher eine rein spanende Lösung hatten, lassen sich in gewissen Graden auch umformtechnisch lösen. Gerade in Bezug auf Materialersparnis und Gewichtsreduktion der Bauteile erwarte ich hier einige entscheidende Weiterentwicklungen in unserem Hause.«

BackgroundDie Klink Holding

Karl Klink GmbH (100%) - Räumen

Werkzeuge + Maschinen + Services für Automobil- und Zulieferindustrie sowie die Produzierende Industrie, rund 180 Mitarbeiter.

SOB, France (100%) - Räumen

Werkzeuge + Services für Automobil- und Zulieferindustrie sowie produzierende Industrie (Französischer Markt)

Vollmer + Boch GmbH Präzisionstechnik (100%) - Fertigen

Komponentenfertigung für Automobil- und Zulieferindus­trie sowie Fertigungsindustrie und Medizintechnik

Raster Technology GmbH (100%) - Pressen

Stanzen + Umformen + Services für die Prod. Industrie

Hoffmann/Lapointe GmbH (50%) - Räumen

Werkzeuge + Maschinen + Services für die Turbinenindustrie (Produktionsgesellschaft)

Erschienen in Ausgabe: 10/2006