Zürichs autogene Szene

Fokus

Oft bilden in der Fertigungspraxis der Eisenbahn eher Spezialanfertigungen in Losgröße 1 den Normalfall als größere Serien. Dann muss die trenntechnische Anlage hoch flexibel für die unterschiedlichen Anwendungsfälle anpassbar sein.

29. August 2016
Schnitte mit Rundungen und Freiformen können die Züricher mit der Oxytome 25 HPC jetzt problemlos ausführen. Zuvor hatten sie den Bohrer für den Einstich und oft zusätzlich die Trennscheibe einsetzen müssen. Bildquelle: Trommer
Bild 1: Zürichs autogene Szene (Schnitte mit Rundungen und Freiformen können die Züricher mit der Oxytome 25 HPC jetzt problemlos ausführen. Zuvor hatten sie den Bohrer für den Einstich und oft zusätzlich die Trennscheibe einsetzen müssen. Bildquelle: Trommer)

Tom Kostbade arbeitet als Teamleiter im regionalen Bahntechnikcenter Ost der SBB AG. Er verantwortet unter anderem die Instandhaltung der Maschinen, Messmittel und Geräte (MMG). »Was an transportablen Stahlprodukten am Gleis gebraucht wird, ob zur Wartung und Reparatur der Schienen oder Geräte für den Bau von Fahrleitungen, auch die Fertigung der Stahlmasten entlang der Gleise – das ist unser Job«, so umreißt der gelernte Industriemeister das Tätigkeitsspektrum in der betriebseigenen Schlosserei. Er ergänzt: »Im Bereich der Bahnproduktion sind wir der kompetente Ansprechpartner für die Region Ost und für die Schweizer Bundesbahn.«

In der entsprechenden Aufgabenvielfalt, üblicherweise Sonder- und Spezialfertigungen, ähnelt das Kompetenzfeld dem in vielen klein- und mittelständischen Metallunternehmen. Die Werkstatt an der Züricher Pfingstweidstraße ist eingebunden in die Konzernstruktur der traditionsreichen Schweizerischen Bundesbahn.

»Unser Standort Zürich ist mit allen Ein- und Ausfahrten der Nahverkehrs-, landesweiten bis internationalen Züge einer der am höchsten frequentierten Bahnknotenpunkte der Welt«, erklärt Tom Kostbade. Minütlich rollen Züge über die Gleise dicht neben der Werkstatt. Das Gebäude ist voriges Jahr auf die doppelte Fläche erweitert worden. Ein umfangreiches Lager an Stahlhalbzeugen vor der Einfahrt hält Material bereit.

Hier arbeiten drei Schlosser mit unterschiedlichen Bearbeitungstechnologien, so auch dem Schweißen und dem thermischen Trennen. Sie führen vorrangig Sonderanfertigungen aus, bei denen ihre reiche Berufserfahrung ebenso einfließt wie das langjährig gesammelte bahntechnische Know-how der SBB. Der überwiegende Teil aller verarbeiteten Bleche, zirka 80 Prozent, hat Dicken zwischen fünf und 50 Millimetern und besteht aus üblichem Baustahl. »Für die Qualität jedes einzelnen Teils entsprechend den intern geltenden Vorschriften stehen die jeweiligen Mitarbeiter mit ihrer Unterschrift auf dem Auftragsdokument ein«, führt der Teamleiter aus.

Autogen mit Option Plasma

Tom Kostbade präsentiert die Schneidanlage Oxytome 25 HPC von Oerlikon mit Absaug-Einrichtung und berichtet: »Die Entscheidung war bereits für die 20er Oxytome gefallen, doch unter anderem wegen des Liefertermins zum 2014er Jahresende haben wir jetzt die 25er. Wir sind damit für eventuelle funktionale Erweiterungen gerüstet: Die Oxytome 25 HPC ist für das Plasmaschneiden vorbereitet – zusätzlich zum autogenen Schneiden.« Tom Kostbade legt die konkreten Gegebenheiten dar: »Zu unserem vorhandenen Tisch sollte die neue Maschine passen und daneben noch Platz lassen, um große Werkstücke, zum Beispiel Auslegermasten, aufbauen und direkt schneiden zu können. Außerdem eine moderne Steuerung zum Schneiden von Geraden, Radien und Freiformen in einem Arbeitsgang inklusive Einstechen, so dass wir das bis dahin bei uns praktizierte Vorbohren einsparen.«

Kostbade fährt fort: »Zu all dem brauchen wir eine leicht bedienbare Software, mit der unsere wenig elektronikerfahrenen Mitarbeiter die Zeichnungen problemlos einlesen können. Wichtig ist uns das Gesamtpaket aus Hard- und Software mit einem Ansprechpartner möglichst in der Nähe. Und selbstverständlich spielte auch der Preis eine Rolle.« Die Entscheider um den Teamleiter prüften mehrere Angebote, und ihre Wahl fiel auf Oerlikon. »Was die Partner vom Standort Niederhasli bei Zürich boten, passte. Dazu kam das Vertrauen, das sich aus langjähriger guter Erfahrung mit dem Service zum Beispiel für unsere beiden Oerlikon-Schweißmaschinen gebildet hat. Bei überaus engem Zeitrahmen für die Lieferung haben wir bekommen, was wir wollten. Im Dezember 2014 stand die neue Oxytome 25 HPC betriebsbereit in unserer Werkstatt«, resümiert Tom Kostbade.

Laserpointer, Netz und Support

Nachdem die Frage der Investition in ein modernes System zum thermischen Trennen beantwortet war, erwogen Tom Kostbade und seine Kollegen zunächst die Optionen Plasma oder autogen. Dazu betrachteten sie die technischen wie die wirtschaftlichen Faktoren. »Den Wunsch nach einem Plasmaschneidsystem hatten wir, doch eine genauere Bedarfsprüfung und ein Blick auf die Praxisbedingungen der Werkstatt ergab, dass wir schließlich den autogenen Brenner wählten. Wir schneiden fast ausschließlich Baustahl. Schneidgeschwindigkeit, Präzision und Ergebnisqualität beim Autogenschneiden erfüllen unsere Anforderungen vollauf. Und der Hauptgrund: Wir schneiden oft 50 Millimeter dicke Bleche; das wäre für uns mit Plasma nicht wirtschaftlich. Hinzu kommt, dass der Platz bei uns knapp ist, den wir für die Absaugeinrichtung einer Plasma-Schneidanlage benötigten.« Die Option Plasma haben Kostbade und die Schlosser vom Züricher Bahntechnik Center Ost dennoch inklusive: Die Oxytome 25 HPC ist für die Erweiterung auf Plasmaschneiden vorbereitet, ebenso auf eine Fahrbahnverlängerung bis um drei Meter, die möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt erforderlich wird.

Den präzisen Startpunkt der Trennfuge im Blech zeigt ein Laserpointer oder auch ein Fadenkreuz aus Laserlicht. Die CNC und die Steuerung des Schneidprozesses sind miteinander verknüpft, so dass der Anwender alle Eingaben von nur einem Bedienelement aus tätigt.

Zwei Möglichkeiten hat der Bediener zum Programmieren eines Schnittes mit definierter Geometrie: die Eingabe der Daten am Display oder über die Software am Rechner, etwa einem Laptop. Per USB-Stick oder LAN-Kabel kann er die Informationen dann auf die Maschine übertragen. Bei der SBB ist der Anschluss im SBB-Intranet aus Datensicherheitsgründen nicht zulässig.

Im komplett integrierten Speicher der Oxytome 25 HPC baut sich im Zuge neuer Schneidaufgaben eine anwenderspezifische, konfigurierbare Datenbank auf. Sie bringt unter anderem bei wiederkehrenden, ähnlichen Trennaufgaben hohen Nutzen. Dann sind am Laptop lediglich die unterschiedlichen Daten zu ändern. Dieses Variieren, Modifizieren und Anpassen reduziert den Programmieraufwand beträchtlich.

»Die lernbereiten Schlosserkollegen mit großer Berufserfahrung, doch wenig PC-Kenntnissen haben nach zweitägiger Einweisung vor Ort die Maschine bedienen können. Das heißt, sie realisieren jetzt an jedem Arbeitstag den Hauptvorteil der Maschine: mehr Werkstücke in einem Arbeitsgang. Zuvor hatten sie den Bohrer für den Einstich und oft zusätzlich die Trennscheibe einsetzen müssen – mit deutlich höherem Aufwand. Rundungen und Freiformen konnten sie nicht ausführen. Jetzt gelingt jeder der Schnitte sauber von Anfang bis Ende«, beschreibt Tom Kostbade die Arbeitsbedingungen beim thermischen Trennen.

Die neuen Potenziale, etwa von der Zeichnung des Bauteils ausgehend direkt einen definierten Schnitt in das Werkstück zu setzen, gilt es den Kollegen in den Konstruktionsbüros zu vermitteln. Tom Kostbade und seine Teammitglieder treten jetzt aktiv an die Konstrukteure heran. Sie sind sicher, dass von der neuen Oxytome 25 HPC kreative Anregungen ausgehen werden und erwarten neue interne Kunden, Anfragen und Aufträge.

Gerd TrommerFachjournalist aus Gernsheim

Erschienen in Ausgabe: 05/2016