Wo kein Jäger, da …

Editorial

»Industrie 4.0 ist unter dem Aspekt Datensicherheit kein Sonderfall. Nur die Datenmenge wächst.«

04. September 2015

Was haben Massaker im Bayerischen Wald, NSU-Morde und NSA-Spionage miteinander zu tun? Gleich! Und was das alles mit dem Werkzeugmaschinenbau und dieser bbr? Später.

Stellen Sie sich vor, Sie würden beim Bummel durch eine Kleinstadt überfallen und beraubt! Der zufällig anwesende Polizist schaut zufällig in die andere Richtung und reagiert sehr zögerlich: Personalien, Täterbeschreibung, Beschreibung des Gestohlenen … Dann macht er sich auf, den Täter zu verfolgen: gemessenen Schrittes und in der falschen Richtung. Denn der Polizist ahnt, wen er verfolgt: einen Stammtischler, gut vernetzt in Bauern- und Jägerschaft, im Sportverein, in der Politik. So einen zu entlarven wäre das gesellschaftliche Aus für Dorfpolizisten. Also schweigt man lieber: Omertà heißt das in so ehrenwerten Gesellschaften.

Auf solch ein Geflecht aus Unwillen, Unfähigkeit und Verschwiegenheit könnte es zurückzuführen sein, dass selbst die bisher entdeckten Massaker an Luchsen nicht aufgeklärt wurden. In Spanien, wo man Wilderei inzwischen mit kriminalistischen Standardverfahren (CSI) untersucht, liegt die Aufklärungsquote bei 80, im Landkreis Regen bei 0 Prozent. Vielleicht hülfe es, die Belohnung zu verzehnfachen – ein Klacks im Vergleich zum Schaden.

Unfähigkeit, Unwillen, gar Verstrickung sehen viele Mitbürger auch hinter den Aufklärungspannen nach den Morden des sogenannten NSU: Untersuchungen fast nur in die falsche Richtung, Irreführung von Behörden durch Behörden, Vernichtung von Beweismitteln. Warum kam man nur durch Zufall auf die richtige Spur? Sind Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden wirklich von Sympathisanten durchsetzt, wie manche befürchten?

Im Falle NSA gab es wenigstens personelle Konsequenzen: Ein Unfähiger ging - wie passend - zur Bahn, ein Unwilliger in den Ruhestand; auch das passt. Manchmal strafen Regierungen ihre Mitarbeiter wirklich hart. Auch richtig hart ist es, jemanden zu einer befreundeten Regierung zu schicken, um mit dem Zeigefinger zu wackeln: »Also, unsere Presse erwartet, dass ich euch streng rüge. Also, lasst euch bitte nicht nochmal erwischen! Also, für mich ist der Fall dann erledigt. Tschüss denn!« Die befreundete Regierung daraufhin: »...[nicht druckbar]! Wir sind die Mächtigeren. Wir machen weiter wie bisher, ob es euch passt oder nicht. Ihr könnt sowieso nichts dagegen tun.« Doch: hiesigen US-Einrichtungen für einen Tag Strom und Wasser abstellen zum Beispiel. Das wäre weder legal noch diplomatisch und schon gar nicht klug, aber das sind die Abhöraktionen auch nicht. Stattdessen: »Passt schon! Nix für ungut!« Schaden vom Volk abwenden geht anders. Weniger befreundete Regierungen und Geheimdienste schlossen sich insgeheim der befreundeten vollinhaltlich an, hoch erfreut, dass man sie gerade mal nicht im Fadenkreuz hatte.

Teile der Presse und der Opposition wollten sich nicht mit Bauernopfern zufriedengeben und deshalb mehr. Zwar sind Regierungschefs schon aus nichtigeren Gründen zurückgetreten und aus wichtigeren Gründen nicht (fragen Sie nicht nach Namen, da werde ich sehr einsilbig), doch sollte man Opfer von Straftaten nicht auch noch zu Opfern politischer Aufplusterei machen.

Nun kann man politische, zwischenstaatliche Spionage als friedenstiftend gutheißen, denn wer sich unter Beobachtung weiß, agiert vorsichtiger. Wirtschaftsspionage dagegen ist alles andere als witzig, vor allem wenn damit ein Hightech-Standort wie Deutschland ausgeplündert wird. Deshalb schirmen IT-Leute ihre Netze gerne komplett gegen Anfragen fremder Rechner ab, und sie hindern auch die eigenen Rechner, Daten an fremde abzugeben. Im Prinzip richtig und verständlich, doch sollte man differenzieren, denn Totalblockade verhindert so nützliche Maßnahmen wie Fernwartung und Prozessoptimierung durch die Maschinenlieferanten - und sie würde Industrie 4.0 erheblich erschweren. Ein gesundes Mißtrauen ist sicher überlebenswichtig, aber gegen einen Maschinenlieferanten, einen Partner, der Produkte und Prozesse ohnehin bis in die Einzelheiten kennt, ja kennen muss, für den Diskretion nicht nur Ehrensache, sondern Existenzgrundage ist...? Die Sicherheit der Daten ist ein Aspekt in unserer Diskussion über Industrie 4.0 in der Praxis, die auszugsweise im Sonderteil ›Future‹ nachzulesen ist.

Es ist in der IT-Welt wie im Alltag: Je schwieriger ein Einbruch, ein Diebstahl gemacht wird, desto riskanter wird er, desto weniger lohnt er sich. Wer freilich seine Daten in einer Cloud, also auf fremden Rechnern, ablegt oder sein Gelände so schlecht abschirmt, dass man den Datenverkehr im Taxifunk als Störung hören (und mit geeigneter Hard- und Software decodieren) kann, sollte sich nicht wundern, wenn ihm etwas abhanden kommt. Wer seine Brieftasche im offenen Auto liegen lässt, erwartet ja auch nicht, dass ihm jemand eine zweite dazulegt.

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 05/2015