Wir sind und bleiben schwäbisch!

Interview Mink Bürsten

Einst galten die Bürstenbinder als die Ärmsten der armen Handwerker – bettelarm, und wie Bettler zogen sie von Haus zu Haus, um ihre Ware loszuwerden. Mink Bürsten hat am Ortsrand von Jebenhausen bei Göppingen eine Fabrik, die alles andere als ärmlich aussieht.

01. Oktober 2012

Heute sind handgefertigte Bürsten und Besen Luxusgegenstände die in Europa nur noch in ausgewählten Manufakturen gebunden und von entsprechenden Vertriebsorganisationen unters nicht ganz so gemeine Volk gebracht werden. Normalerweise werden heute Bürsten von Maschinen in aberwitzigen Stückzahlen hergestellt – aber nicht nur von, sondern auch für Maschinen.

Bürsten und Maschinen – was hat denn das miteinander zu tun? Bürsten an oder in Maschinen, das ist etwas zwischen unauffällig und unsichtbar. Und doch würden viele Maschinen – gerade in der Blechbearbeitung – ohne Bürsten nicht so gut funktionieren. Bürsten dämpfen und dämmen, dichten und schützen, transportieren und lagern, halten und führen und und und … Und in diesen scheinbar simplen Borstenbüscheln steckt eine Menge Know-how. Andreas Fuchs, Leiter Gesamtvertrieb, und Martin Knödler, Leiter Marketing, geben Auskunft über die August Mink KG und deren Produkte.

Wie lange gibt es Mink Bürsten schon?

Andreas Fuchs: Die Bürstenfabrik wurde 1845 von August Mink in Stuttgart gegründet. 100 Jahre später war nach einem Bombenangriff alles kaputt, und 1948 fing man in Uhingen mit fünf angestellten Mitarbeitern wieder von vorne an. Einen zweiten Umbruch brachte die Entscheidung des damals neuen geschäftsführenden Gesellschafters Peter Zimmermann, sich auf hochwertige technische Bürsten zu konzentrieren. Bis zu jener Zeit hatte man noch Bürsten für jeden Bedarf gefertigt, beispielsweise auch Kehrbesen, wie wir sie in jedem Haushalt gebraucht werden.

Besonders hier im Herzen Schwabens!

Andreas Fuchs: Stimmt! Seit 1980 sind wir in Jebenhausen südlich von Göppingen, und seit 1988 haben wir Niederlassungen in anderen Ländern, etwa in Italien, Großbritannien, Dänemark – stellvertretend für Skandinavien –, Holland und Frankreich.

Wie sieht es außerhalb Europas aus? Sind Sie beispielsweise in Asien konkurrenzfähig?

Martin Knödler: Wir liefern weltweit und haben zufriedene Kunden in Asien und Amerika. Ob wir konkurrenzfähig sind, hängt vor allem von den Qualitätsansprüchen des Kunden ab. Wir haben einen guten Ruf im Maschinenbau, der auch in fernen Ländern von den dortigen Konstrukteuren geschätzt wird.

Sie können da sicher auf ein Baukastensystem zurückgreifen. Wie viele Positionen umfasst Ihr Produktspektrum?

Martin Knödler: Etwa 120000 alleine im Standardbereich. Das multipliziert sich aber sehr schnell über Fasermaterial, -dicke, -durchmesser, -anzahl, -anordnung und so weiter. Gerade die Kunststofffasern eröffnen uns fast unendlich viele Möglichkeiten. Wir verarbeiten aber auch Naturfasern wie Ziegenhaar oder Schweineborsten.

Die Firma ›Mink Bürsten‹ beschreibt das Produktspektrum längst nicht mehr vollständig!

Andreas Fuchs: Eigentlich lässt sich schon alles, was wir machen, mit dem Begriff Bürste bezeichnen; insofern trifft die Firmierung genau zu. Unsere Herausforderung ist aber, die Produkt- und Funktionsvielfalt zu vermitteln. Im Ingenieurstudium kommt die Bürste als technisches Element praktisch nicht vor. Aber ein Schlitz, der elastisch zu verschließen ist, kommt sehr wohl vor. Da müssen wir sehr viel Überzeugungsarbeit leisten – eine echte Mission.

Martin Knödler: Wir haben die Anwendungen Abdichten, Reinigen, Entgraten, Breitstrecken, Transportieren … und diese Oberbegriffe kann man dann weiter auseinandernehmen. Zum Transportieren gehören zum Beispiel Fixieren, Führen, Gleiten und so weiter.

Andreas Fuchs: Unseren technischen Vertrieb haben wir nach den Hauptanwendungen Abdichten, Breitstrecken, Transportieren und der Oberflächenbearbeitung strukturiert. Damit können unsere Kunden von unserem breiten Anwendungs-Know-how branchenübergreifend profitieren. Der Transport hochglanzlackierter Küchenfronten im Produktionsumfeld hat ähnliche Anforderungen wie der schonende Transport von Edelstahlblechen auf Blechbearbeitungsmaschinen.

Worauf beruht Ihr Erfolg vor allem?

Andreas Fuchs: Die Innovationskraft ist vielleicht das Entscheidende. Wir haben Know-how, wir haben Erfahrung. Wir können uns nicht nur schnell in die Anforderungen unserer Kunden hineindenken, mit ihm mitdenken, sondern können dank unserer enormen Fertigungstiefe auch schnell, flexibel und individuell darauf reagieren. Diese hohe Fertigungstiefe und Fertigungskompetenz ist ebenfalls ein ganz entscheidender Vorteil, da wir damit in der Serienbelieferung eine konstante Qualität über Jahre sicherstellen. Das schätzen unsere Industriekunden.

Die Individualität sichert auch den OEM, unseren direkten Kunden, ab. Er muss nicht befürchten, dass das Ersatzteilgeschäft an ihm vorbeiläuft.

Sie entwickeln aber nicht nur auf Zuruf, sondern auch selbständig. Was ist das kürzlich vorgestellte Guard-System?

Andreas Fuchs: Das Mink-Guard-System (kurz: MGS) ist eine Ergänzung zu handelsüblichen 28-mm-Rohrsystemen, die sich in den Produktionen etabliert haben, die nach Lean-Prinzipien gestaltet wurden. Die Rundrohrsysteme eignen sich sehr gut zum Bau von Tischen, Vorrichtungen, Transportwagen und so weiter. Das funktioniert bestens. Aber wenn es darum geht, sensible Teile, wie lackierte Bleche, zu schützen, musste bislang improvisiert werden, mit Tapes, Teppichen und so weiter. Da beschlossen wir, ein einfaches und preisgünstiges Produkt zu entwickeln, das genau diese Funktionen erfüllt.

Das klingt einfacher, als es war. Von der Idee zum marktreifen Produkt war es durchaus ein weiter Weg. Das Element sollte ja möglichst wenig Platz in der Konstruktion einnehmen. Auch die Montagefreundlichkeit spielte eine wesentliche Rolle: Einerseits soll man die Elemente leicht überall aufklipsen und positionieren können, andererseits müssen sie dort verdrehsicher verharren – alles ohne Werkzeug. Das Ergebnis ist das patentierte Mink-Guard-System.

Welche Bedeutung hat die Metallbearbeitung für Sie?

Andreas Fuchs: Das ist ein ganz wichtiger Bereich! Denken Sie nur an die Abdichtungen an den Schutzkabinen von Maschinen, an die Abdichtungen von Kabeldurchführungen, an das Reinigen von HSK-Werkzeugaufnahmen.

Auch in der Blechbearbeitung setzen immer mehr Hersteller unsere Bürstenplatten als Ersatz für Kugeltische ein, weil Bürsten das Material schonen und Geräusche dämpfen.

Sehr wichtig sind unsere Bürsten aber auch für den Weitertransport der Teile, und da werden die Anforderungen immer individueller – was uns sehr entgegenkommt. Wir fahren da zweigleisig: Einerseits versuchen wir Standardprodukte zu empfehlen, andererseits sind wir in der Lage, für den und mit dem Kunden ganz individuelle Lösungen zu gestalten.

… woraus wieder neue Produktideen entstehen können.

Martin Knödler: Da wäre zum Beispiel das neue Eindrücksystem für Aluminium-Strebenprofile zu nennen. Es gibt rechteckige Aluminiumstandardprofile bekannter Hersteller mit 8- oder 10-mm-Nuten. In diese Nuten können Sie unsere Eindrückprofile eindrücken, was zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten eröffnet: Tragen, Abdichten, Führen – Sie kennen das inzwischen. Schon länger auf dem Markt, aber immer noch stark gefragt, ist das Mink-Care-System, denn der schonende Umgang mit dem Material wird immer wichtiger.

Werden Sie zur Euroblech neue Produkte vorstellen?

Andreas Fuchs: Wir haben unsere Neuheiten wie das Mink Guard System bewusst vor der Euroblech vorgestellt und wollen die Messe nutzen, um den Markt in der Breite zu erfassen. Auch sonst ist es eine Herausforderung unsere Neuvorstellungen auf Messetermine abzustellen, weil unsere Produkte in nahezu allen Branchen eingesetzt werden. In diesem Jahr nehmen wir an mehr als 20 Messen im In- und Ausland teil.

Bleiben Mink Bürsten schwäbisch oder wollen Sie auch einmal in Asien produzieren?

Andreas Fuchs: Wir sind und bleiben schwäbisch. Aber wir nehmen auch zukünftig die Anforderungen unserer Kunden ernst, und wenn diese eine intensive lokale Betreuung wünschen, werden wir eine wirtschaftliche Lösung finden. So wie sie es von Mink erwarten dürfen.

Hans-Georg Schätzl

Euroblech Halle 12, Stand H29

Erschienen in Ausgabe: 05/2012