"Wir sind heute besser aufgestellt"

Interview - Martin Kapp

Aufgrund der jüngsten Entwicklungen des Auftragseingangs blickt Martin Kapp, der neue Vorsitzende des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) wieder optimistisch in die Zukunft.

26. März 2010
»Die Chinesen kommen von unten. Da wir in der technischen Hierarchie ganz oben sind, würde ihre Offensive uns als Letzte treffen.« Martin Kapp, Vorsitzender des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW)
Bild 1: "Wir sind heute besser aufgestellt" (»Die Chinesen kommen von unten. Da wir in der technischen Hierarchie ganz oben sind, würde ihre Offensive uns als Letzte treffen.« Martin Kapp, Vorsitzender des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) )

Herr Kapp, die Messen der letzten Monate liefen super, sowohl was die Zahlen als auch was die Stimmung anbelangt. Hat das einen realen Grund, oder hält man sich an das Prinzip Hoffnung?

Jetzt schon eine Super-Stimmung zu konstatieren, ist sicher reichlich verfrüht. Richtig ist, dass wieder mehr Bewegung im Markt ist, und das hat nach unseren Erkenntnissen auch einen realen Hintergrund: Zum einen war der Absturz Ende 2008 Anfang 2009 zwar beispiellos, aber nicht so heftig wie befürchtet; zum anderen gab es ab Mitte 2009 erste Anzeichen dafür, dass die Talsohle durchschritten ist und die Bestellungen wieder zunehmen.

Was heißt das in Zahlen?

Der VDW hatte Mitte 2009 noch einen Rückgang der Werkzeugmaschinenproduktion von 40 Prozent gegenüber 2008 erwartet; es wurden aber mit einer Produktion von 9,9 Mrd. € ›nur‹ minus 30Prozent. Das lag unter anderem daran, dass der Auftragsbestand aus dem vorangegange-nen Boom länger getragen hat als ursprünglich angenommen.

Wie haben die Unternehmen Ihrer Branche das verkraftet? Schließlich war der Einbruch fast so heftig wie der Anfang der 90er-Jahre. Nur erstreckte er sich damals über vier Jahre und nicht über nur vier Monate. Und damals gab es eine gründliche ›Marktbereinigung‹.

Die deutschen Unternehmen sind heute wesentlich besser aufgestellt als damals. Es gab bisher so gut wie keine Insolvenzen.

Der Staat hat beispielsweise durch die Kurzarbeitsregelung dazu beigetragen, nicht nur die Kosten zu verringern, sondern gleichzeitig die Kernbelegschaft zu halten, sodass sich die Beschäftigtenzahl vergleichsweise moderat um 10 Prozent verringert hat – auf etwa 66000 Ende 2009.

Wie wird es Ende 2010 aussehen?

2010 wird nochmals sehr schwierig. Dennoch sind wir zuversichtlich. Der Auftragseingang hat deutlich zugenommen und war im vierten Quartal um 12 Prozent höher – im Dezember sogar um 70 Prozent – als im Vergleichszeitraum 2008.

Für 2010 erwarten wir ein AE-Plus von etwa 40 Prozent. Aber das wird die Lücke bei den Bestellungen aus dem Vorjahr nicht ausgleichen können, sodass wir mit einem weiteren Produktionsrückgang von etwa 10 Prozent rechnen.

Erst 2011 wird wieder ein Wachstumsjahr für den deutschen Werkzeugmaschinenbau sein.

Rechnen Sie mit einem anhaltenden Wachstum?

Ja. Die Nachfrageerholung wird vom Auslands- und Projektgeschäft getrieben. Die großen Schwellenländer China und Indien haben sich rasch von der Finanzkrise erholt. Russland und Brasilien beginnen wieder zu wachsen. Selbst die EU, unser wichtigster Markt, der stark gebeutelt war, zeigt wieder Lebenszeichen.

Wie sind die deutschen Werkzeugmaschinenbauer aufgestellt. Können sie auf den anfahrenden Zug aufspringen?

Die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie hat in den Boom-Jahren bis 2008 gut gewirtschaftet und Polster angelegt. So wurde die Eigenkapitalquote im Durchschnitt auf fast 36 Prozent gesteigert. Die Bruttoumsatzrendite betrug in guten Jahren bis zu sieben Prozent. Die durchschnittliche Investitionsquote war auf über fünf Prozent gestiegen.

Ein Großteil des deutschen Werkzeugmaschinengeschäfts basiert auf kundenorientierten Speziallösungen. Damit ist die Branche im internationalen Wettbewerb sehr erfolgreich – relativ gesehen sogar in der Krise: In Japan war der Einbruch doppelt so stark wie bei uns, sodass die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie 2009 mit zirka 21 Prozent Weltmarktanteil etwa um die Hälfte höher liegt als die japanischen Hersteller mit 14 Prozent Anteil; China liegt mit – bereinigt – knapp 19 Prozent Weltmarktanteil bereits zwischen diesen beiden Ländern auf Platz 2.

Könnte der Aufschwung aus Ihrer Sicht schneller kommen, wenn die Liquidität vor allem der mittelständischen Werkzeugmaschinenkäufer besser wäre? Und was können die WZM-Anbieter hier tun?

Wir haben große Sorgen, dass die Finanzierungssituation enger wird. Ohne die Banken wird der Aufschwung nicht anlaufen. Genau hier liegt das Problem. Die Unternehmen müssen Material und Personal vorfinanzieren, bevor das Produkt mit der Rechnungsstellung den Kapitalrückfluss bringt. Dafür benötigen sie Finanzpartner, die eine Langfriststrategie fahren und nicht nur zurückschauen.

Die Banken selbst kommen derzeit, dem Steuerzahler sei Dank, so günstig an Mittel wie schon lange nicht mehr, um sie an die Wirtschaft weiterzugeben. Das müssen sie auch tun, statt sich hinter Basel II zu verschanzen.

Werkzeugmaschinenhersteller sind traditionell solide Kaufleute – im Gegensatz zu diversen Bubble-Companies aus dem Dotcom-Bereich. Das gilt auch für die potenziellen Werkzeugmaschinenkäufer. Deshalb versuchen zumindest die großen Hersteller, ihre Kunden durch die Vermittlung von Leasing-Angeboten und ähnlichen Finanzierungsmöglichkeiten zu unterstützen. Manche bieten auch selbst Leasing, Miet- oder Ratenkauf an. Das können viele kleinere Unternehmen jedoch nicht darstellen.

Fehlt es den Banken an Sachverstand?

Es fehlt Sachverstand. Teilweise ist auch kein Sachverstand gefragt. Es wäre zudem schwierig, Sachwissen bei den Banken in der erforderlichen Breite aufzubauen. Man muss einfach Vertrauen zurückgeben. Die örtlichen Banker kennen ja ihre Kunden und können sich auch vor Ort ein Bild machen. Doch das wird vielfach gezielt ausgeschlossen. Heute entscheidet der ›Analyst‹ über Kreditvergaben. Soft-facts spielen leider immer weniger eine Rolle. Daher ist auch die Politik gefragt, um für die Banken Entlastung zu bringen.

Kommen wir zu Erfreulicherem, nämlich dem VDW und Ihrer neuen Funktion. Ist Verbandsarbeit Neuland für Sie?

Nein, ich bin schon seit einigen Jahren im VDW und im Vorstand des VDW tätig, sowie im Vorstand des VDMA Bayern und verschiedenen anderen Organisationen.

Was sehen Sie als Ihre vordringlichste Aufgabe als neuer VDW-Vorsitzender an?

Der VDW als Vertretung der Werkzeugmaschinenindustrie hat sicher die Aufgabe, der Öffentlichkeit Funktion und Schlüsselstellung von Werkzeugmaschinen für die Industrie angemessen zu erklären, damit wir politisches Gewicht gewinnen und man mit uns spricht, wenn es um Finanzierungsprobleme oder Ähnliches geht. Da heute viele Gesetze nicht mehr aus Berlin kommen, sondern aus Brüssel, wird auch die Zusammenarbeit mit dem europäischen Verband immer wichtiger.

In der Krise kommen aber doch sicher noch zusätzliche Aufgaben dazu?

Ja, das ist vollkommen klar. Ein wichtiges Thema, die Finanzierungsproblematik, haben wir schon angesprochen. Hinzu kommt ein ganzer Strauß von Aufgaben. Zum Beispiel sind auch Messeveranstaltungen für uns sehr wichtig.

Viele mittelständische Unternehmen sehen ihre Existenz gefährdet, machen sich Gedanken über Wege aus der Krise. Müsste nicht der Verband hier eine Vorreiterrolle übernehmen?

Wir fahren im Moment zwei Strategien. Die eine wirkt von unten nach oben. Dazu sprechen wir lokale Politiker an, damit sie verstehen, wie die Mechanismen in der Wirtschaft ablaufen. Da gibt es großen Nachholbedarf. Die zweite Strategie sieht vor, oben in der Politik anzusetzen. Dafür ist der VDW als einzelner Verband zu klein. Deshalb unterstützen wir alle Aktivitäten des VDMA, die auf die obere Schiene abzielen, denn der VDW ist ja zugleich ein Fachverband im VDMA.

Ist diese Schiene überhaupt groß genug? Kommen Sie hin, wo Sie hinwollen?

Größer als der VDMA ist kein Verband in Europa. Er wird von der Politik gehört – wenn auch noch nicht ganz so, wie wir uns das vorstellen.

Andere Interessenvertreter verschaffen sich lauter Gehör, denken Sie nur an Opel!

Das ist natürlich eine ganz andere Dimension, und Opel spricht für sich selbst. Da wird die Politik wach. 66000 Mitarbeiter im Werkzeugmaschinenbau, auf viele kleine und mittlere Unternehmen verteilt, interessieren keinen Politiker. Wie gesagt: Hier müssen wir zusammen mit dem VDMA die nächste Größenordnung erreichen. Und das schaffen wir auch. Aber das ist eine mühsame Arbeit, die viel Zeit erfordert.

Wie ist momentan die Situation in Ihrem eigenen Unternehmen, der Kapp-Gruppe in Coburg?

Wir haben uns in den vergangenen Jahren gut aufgestellt und werden sicherlich durch diese Schwierigkeiten hindurch kommen. Aber natürlich ist es nicht so, dass es gerade Spaß macht.

In der Gesellschaft ist ein gewisser Konsens festzustellen

Man sieht, dass die Schuld an der Misere nicht bei den Unternehmen liegt, sondern von außen kommt. Es ist wichtig, die Arbeitsplätze in Deutschland zu halten – egal, was es jetzt kostet. Sind die Arbeitsplätze erst einmal weg, ist die Rückholquote gering.

Wie lässt sich verhindern, dass Know-how und in der Folge auch Arbeitsplätze ins Ausland abwandern?

Das ist schwer einzuschätzen, aber eine gewisse Gefahr ist sicher da. Wir müssen das gemeinsam im Blick behalten.

Dazu gehört zum Beispiel das Thema Erbschaftssteuer. Sie ist sicher ein Grund dafür, warum Unternehmen den Eigentümer wechseln. Die Chinesen sind sehr finanzstark und stehen bereit. Daher sollte man es deutschen Unternehmern nicht unnötig erschweren, Familienunternehmen zu bleiben.

Die Standortbedingungen sollten gestatten, in Deutschland zu wachsen und genügend Kapital aufzubauen, um in einer Krise nicht gleich von Ausländern gekauft zu werden.

Sind die Chinesen eine Bedrohung für die deutschen WZM-Hersteller?

Die Chinesen kommen von unten. Da wir in der Technologiehierarchie ganz oben sind, werden wir die Letzten sein, die es irgendwann einmal treffen würde. Aber wir müssen uns täglich neu aufstellen und vorne dran bleiben – das ist Tagesgeschäft.

Viele Unternehmen sehen sich in neuen Abnehmermärkten um. Wo sehen Sie hier langfristig Chancen?

Es gibt nicht so viele Ersatzmärkte für die Automobilindustrie. Bei fairem Umgang miteinander profitieren die Automobilisten und die Werkzeugmaschinenhersteller von der Zusammenarbeit.

Die Frage ist doch, warum sich Ausrüster jetzt nach neuen Märkten umschauen. Vor der Krise wurden noch Maschinen bestellt, dann kam die Krise, und alle Bestellungen wurden storniert. Teilweise wurden nicht einmal Stornierungsgebühren bezahlt. »Höhere Gewalt, Pech gehabt«, hieß es da nur. Das ist eben kein fairer Umgang.

Wo sehen Sie die deutschen Stärken?

Wir haben in Deutschland ein hocheffektives Netz von großen, mittleren und kleinen Unternehmen. Man muss die Bedeutung dieser Strukturen erkennen. Gerade in kleinen Unternehmen wird etwas auf die Beine gestellt, beispielsweise Innovationen für den Automobilbau. Von den tollen Ideen dieser Leute profitieren wir alle.

Eine weitere Stärke ist zweifellos das Potenzial der sehr gut qualifizierten und motivierten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Manfred FlohrChefredakteur von maschine + werkzeug

Zur Person

Martin Kapp, geboren 1951, ist im Hauptberuf Geschäftsführender Gesellschafter der Kapp-Gruppe in Coburg. Nach dem Maschinenbaustudium an der TU Stuttgart begann er seine berufliche Laufbahn in der Schweiz. 1980 ging er für drei Jahre als Leiter des Service-Zentrums von Pfauter in die USA. 1984 stieg er in das elterliche Unternehmen in Coburg ein, für das er 1988 die komplette Verantwortung übernahm. Martin Kapp ist seit fast 20 Jahren für den VDW aktiv.

Erschienen in Ausgabe: 02/2010