»Wir sehen uns als Mitarbeiter des Kunden«

Titelstory

Technische Bürsten sind heute Hightech-Produkte, nicht mehr zu vergleichen mit dem, was man noch vor einigen Jahrzehnten darunter verstand. Das gilt auch und vor allem für die Bürsten der August Mink KG.

25. November 2014
Peter Zimmermann, Geschäftsführer der August Mink KG: »Einen guten Ruf bekommt man nicht geschenkt. Dahinter steckt harte Arbeit über Jahrzehnte.«
Bild 1: »Wir sehen uns als Mitarbeiter des Kunden« (Peter Zimmermann, Geschäftsführer der August Mink KG: »Einen guten Ruf bekommt man nicht geschenkt. Dahinter steckt harte Arbeit über Jahrzehnte.«)

Die heutige August Mink KG wurde 1845 von August Mink in Stuttgart gegründet, wo man fast 100 Jahre erfolgreich tätig war. In den letzten Tagen des 2. Weltkrieges wurde der Betrieb ausgebombt, und man fing in Uhingen neu an. 1975 übernahm Peter Zimmermann, damals gerade 30, die Unternehmensleitung, die er heute noch innehat. Ihm zur Seite stehen sein Sohn Daniel als Kaufmännischer Leiter, Andreas Fuchs als Gesamtvertriebsleiter und Michael Müller als Technischer Leiter, alle drei kamen in den 70er-Jahren zur Welt, sowie etwa weitere 370 Mitarbeiter.

Peter Zimmermann traf gleich bei seinem ›Amtsantritt‹ zwei Entscheidungen, die, wie sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte herausstellte, von strategischer Bedeutung und entscheidend für die heutige, herausragende Marktstellung der August Mink KG waren: Zum einen beschloss Peter Zimmermann, künftig ausschließlich Technische Bürsten zu fertigen, zum anderen blieb er beim Bündelsystem. Das aufwendigere Bündelsystem kam damals, Mitte der 70er-Jahre, gerade außer Mode, doch es versprach andererseits eine höhere Qualität und Zuverlässigkeit.

Wie aber überzeugt man die Kunden, zu hochwertigen Produkten zu greifen? Peter Zimmermann: »Wir überzeugen die Kunden durch den Nutzen, den sie durch unsere Bürsten haben. Ich betone: Überzeugen. Überreden ist bei uns quasi verboten. Es wäre leicht, dem Kunden irgendetwas aufzutischen; schließlich versteht er von Bürsten weit weniger als wir.« Das Erfolgsrezept: »Wir setzen alles daran, die Wünsche unserer Kunden so gut wie möglich zu erfüllen. Jeder von uns sieht sich als ›Mitarbeiter des Kunden‹.«

Ein großes Wort. Mink unternimmt daher auch erhebliche Anstrengungen in Forschung und Entwicklung und investiert dafür 8,5 Prozent des Umsatzes, der 2014 voraussichtlich 42 Millionen Euro überschreitet – nach 37,5 Millionen im letzten Jahr. Die Investition hat sich gelohnt, denn mehr als 15000 aktive Kunden konnte man auf dieser Basis überzeugen. Und weil wir gerade bei Zahlen sind: Über sechs Millionen Bürsten aus einem Portfolio von über 200000 konstanten Artikeln liefert man pro Jahr aus.

Aus dem beengten Betriebsgelände in Uhingen heraus wäre das schon lange nicht mehr möglich. Schon 1980 war man nach Göppingen-Jebenhausen umgezogen, und seit 2005 wächst auf der nicht nur sprich-, sondern wortwörtlichen grünen Wiese ein neues Betriebsgelände ebenfalls in Jebenhausen, das bereits mehrfach erweitert werden ›musste‹. 2014 schließlich konnten die Bürstenhersteller den ›Mink Campus‹ eröffnen.

Mink betreibt außerdem eigene Niederlassungen in Italien, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und in Dänemark; in etlichen anderen Ländern Europas, Amerikas und Asiens ist das Unternehmen durch Außendienstmitarbeiter vertreten.

Nun werden Bürsten gemeinhin für sehr einfache Produkte gehalten, hochautomatisiert gefertigt und billig. Wie passt das zur Hochlohnregion Schwaben? Helfen da der Name Mink und das Gütemerkmal ›Made in Germany‹? Offensichtlich, wie Peter Zimmermann begründet: »Das hilft sicher, aber das bekommen Sie nicht geschenkt, und dafür bekommen Sie auch nichts geschenkt. Dafür müssen wir, wie auch frühere Generationen, hart arbeiten. Wir müssen uns immer wieder neu beweisen: durch Qualität; durch kundennahe, kundenspezifische Entwicklung; durch Service und so weiter. Das schlägt sich natürlich im Preis nieder – trotz der hochautomatisierten Fertigung. Zwar setzen unsere Maschinen bis zu 1200 Bündel pro Minute, aber hinter jedem Produkt stecken der genannte F&E-Aufwand, Beratung und Service. Und dieses Know-how bleibt auch hier in Göppingen.«

Und es folgt ein Satz, den man hierzulande – zum Glück für unsere Wirtschaft – oft hört: »Entscheidend ist der Nutzen für den Kunden über den gesamten Produktlebenszyklus. Der Kunde wünscht minimale Stückkosten über den gesamten Produktionszeitraum. Und da brauchen wir uns vor niemandem verstecken.«

Ein wichtiger Aspekt ist hier die Zuverlässigkeit, und da kann das Bündelsystem nach wie vor seine Vorteile ausspielen, auch wenn es nicht neu ist, sondern schon 1928 erfunden wurde. Das Prinzip: In ein Loch im Grundkörper der Bürste wird ein Faserbündel gedrückt, das von einer Drahtklammer zusammengehalten wird. Diese Drahtklammer wird im Loch verquetscht und so fest verankert. Diese stabile Verankerung sorgt für die Haltbarkeit und Überlegenheit des Bündelsystems.

1200 Bündel kann eine Maschine bei Mink pro Minute setzen. Nun weisen ein hoher Automationsgrad und die hohe Geschwindigkeit aber auf Massenfertigung hin. Und das ist doch heute eine Domaine Asiens, oder? Peter Zimmermann: »Asiatische Hersteller machen in der Regel nur Massenfertigung. Wir dagegen fangen mit Losgröße 1 an.«

Eine weitere Frage drängt sich auf: »Wenn das Verfahren im Grunde ein ›Alter Hut‹ ist – wo steckt dann das spezielle Know-how von Mink? Antwort Zimmermann: »In der Faser. Darin liegt die Berechtigung einer Bürste, und darauf legen wir größten Wert. Wir sprechen auch lieber von Fasertechnologie als von Bürsten – nicht nur, weil es anspruchsvoller klingt, sondern weil es auch mehr der Realität entspricht.«

Die Faser, und damit auch die Bürste, begründet Peter Zimmermann, ist heute ein Hightech-Produkt: »Fasern haben eine Vielzahl von Eigenschaften: hart, weich, anschmiegsam, kratzig; federnd, flexibel, starr und so weiter. Dazu kommen geometrische Stellgrößen wie Durchmesser, Länge, Anordnung und Ausrichtung. Wir verarbeiten unterschiedliche Materialien wie Natur-, Metall- und Kunststofffasern, leitende und isolierende, in unterschiedlichen Farben … Wenn man darüber nachdenkt, findet man eine Vielzahl Einsatzmöglichkeiten – auch an Stellen, an denen bisher noch keine Bürsten eingesetzt wurden.«

Während der Laie den Begriff ›Bürsten‹ vor allem mit Reinigungstätigkeiten verbindet, erfüllen Technische Bürsten noch ganz andere Funktionen. Peter Zimmermann nennt Beispiele: »Reinigung ist nur eine Aufgabe von vielen. Unsere Bürsten werden für ganz unterschiedliche Aufgaben verwendet, vor allem für die Oberflächenbearbeitung, zum Abdichten und Transportieren – auch in Werkzeugmaschinen –, aber auch zum Breitstrecken von Papier, Folien und Gewebe und für Design-Aufgaben, etwa an den Wänden der Cafeteria des Stuttgarter Mercedes-Benz-Museums oder im Messebau.«

Auch der Einsatz in Blechbearbeitungsmaschinen ist noch nicht besonders alt. Peter Zimmermann kann sich noch gut erinnern, wie die Mitarbeiter anderer Stanzmaschinenhersteller schmunzelten, als sie auf einer Messe die erste Konkurrenzanlage mit Bürstentischen von Mink sahen. Heute sind Bürstentische Standard, denn Bürsten sind nicht nur leiser als Kugelrollen, sondern auch schonender. Etwa 90 Prozent dieser Bürsten seien, so Peter Zimmermann, von Mink: »Viele unserer Erfindungen und Entwicklungen sind heute Standard.«

Die Position des Marktführers ist aber alles andere als komfortabel. Denn wer Standards setzt, hat viele Nachahmer. Peter Zimmermann beunruhigt das nicht, vielmehr spornt es ihn an: »Erfolgreiche Entwicklungen finden immer Nachahmer, nicht nur in Asien. Wir finden aber immer neue Einsatzmöglichkeiten, wir finden immer neue Wege, Vorhandenes und Bekanntes besser zu machen.« Und er sagt auch gleich woran Plagiate meistens scheitern: »Produkte nachmachen ist das eine, Service, Vertrieb, Betreuung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Qualität und Preis sind aber auch wichtig.«

Überraschend ein Seitenblick Peter Zimmermanns: »Entgegen kommt uns auch das 3D-Drucken. Zwar ist das die Plagiat-Technologie schlechthin, aber nur für den, der es wirklich kann. Unsere Bürstenkörper sind bei Weitem nicht so leicht nachzuahmen, wie es scheint. Das macht Plagiate teuer und damit unsinnig.«

Dennoch sind Peter Zimmermann und seine Mitarbeiter immer Getriebene, was ihn aber nicht stört – ganz im Gegenteil: »Wir finden das schön. Wir betrachten das nicht als Belastung, sondern als Berufung, so etwas wie das Salz in der Suppe.« Dass das nur mit geeigneten Mitarbeitern geht, weiß Peter Zimmermann schon lange: »Wir brauchen junge Leute, die bereit sind, sich weiterzuentwickeln. Unsere ›Mink Akademie‹, die wir vor etwa acht Jahren gegründet haben, steht allen Mitarbeitern zur Verfügung, egal, wo sie arbeiten, in welchem Rang, ob sie studiert haben oder nicht, um sie weiterzubilden zu den unterschiedlichsten Themen, etwa Kundenorientierung, Teamarbeit, Qualitätssicherung, interne Organisation, kontinuierliche Verbesserungsprozesse. Diese Weiterbildung ist bei uns zum Alltag geworden.«

Die Mitarbeiter profitieren davon nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Weiterbildung werte die Menschen auf, auch in ihrem Selbstverständnis, und das motiviere sie, weil sie erkennen, dass auch sie wichtig sind. Das wiederum führe zu besseren Leistungen. Im Laufe der letzten acht bis zehn Jahren habe man auf diese Weise die Köpfe verändert.

In und um Stuttgart gibt es aber sehr viele große und mittelständische Unternehmen, die auch attraktive Arbeitsplätze und Gehälter bieten. Ein Problem für die August Mink KG? »Wir haben da überhaupt keine Probleme. Wir leiden nicht unter Facharbeitermangel. Wir haben eine Ausbildungsquote von über zehn Prozent: duale Studenten, Industriemechaniker, Industriekaufleute. Wir haben ein sehr hohes Ansehen hier in der Umgebung, sodass die Leute gerne zu uns kommen.«

Die intensive Forschung und Entwicklung haben dazu geführt, dass Mink auf sehr vielen ›Hochzeiten tanzt‹. Blechbe- und -verarbeiter kennen Mink-Bürsten vor allem als Tischauflagen großer Stanz- und Laserschneidmaschinen. Das Kundensegment Blech macht tatsächlich etwa 20 Prozent des Umsatzes aus. Zu den genannten Maschinentischen kommen allerdings noch Lagerung und Transport von Blechen, aber auch Rohren und Profilen sowie den Produkten daraus.

Die Maschinenhersteller verwenden Mink-Bürsten nicht nur auf den Maschinentischen, sondern beispielsweise auch auf Transportrollen, um schonend und lautlos leichte und schwere Teile zu bewegen. Eine wichtige Anwendung ist auch das Transportieren in stehendem Zustand, etwa von Verkleidungen, insbesondere Türen, die ja Fenster, Scharniere, Griffe haben und deshalb kaum zu stapeln sind. Da hier kundenspezifische Fertiglösungen oft zu aufwendig und unflexibel sind, bietet Mink auch Baukasten- und Aufsatzsysteme an. Ein Beispiel dafür ist das ›Mink Guard-System‹, kleine, beborstete Spritzgussteile, die rutsch- und verdrehsicher auf Rohrgestelle geklipst werden können, um empfindliche Rohre, Profile oder Platten schonend zu transportieren.

Auch das Prisma-System und das Care-System für den liegenden Transport von Stangen beziehungsweise Platten kann der Kunde nach seinen Bedürfnissen zusammenstellen. Für die Hersteller von Blechbearbeitungsmaschinen und entsprechenden Ablage- und Transporteinrichtungen sind auch das Kett- und das MBS-System interessant.

Seit Jahren bietet Mink auch flexible Leistenbürsten auf Coils in Längen ab 25 bis über 1000 m an, die der Kunde ganz nach seinem Bedarf konfigurieren kann. Peter Zimmermann: »Wenn ich alles aufzählen würde, könnten Sie eine ganze Ausgabe füllen!«

Zahlreiche Neuheiten auch 2015

Nach den Neuheiten des nächsten Jahres gefragt, gibt sich Peter Zimmermann etwas zugeknöpft. Aber ein wenig verrät er doch: »Wir wollen auf der Hannover Messe ein neues Abdichtungssystem vorstellen, das ich als revolutionär bezeichnen würde: Auch Umhausungen müssen bekanntlich abgedichtet werden; die Abdichtungen müssen einerseits flexibel sein, andererseits aber für Finger praktisch undurchdringlich. Dieses Material werden wir so anbieten, dass es der Kunde nach seinem Bedarf konfigurieren kann.«

Und noch etwas: »Ein weiteres Thema sind selbstverlöschende Fasern für Maschinentische, damit beispielsweise Laserschneidmaschinen auch in Geisterschichten sicher betrieben werden können. Zum Dritten arbeiten wir an der Anordnung und Ausrichtung der Faserbündel auf Maschinentischen, um den Widerstand gegen die Blechbewegung zu minimieren und die nötige Motorleistung zu verringern. Wir arbeiten ferner an Do-it-yourself-Bürsten, basierend auf Lochblechen und Bürstenstöpseln. Das kann zum Beispiel für die auftragsbezogene Gestaltung von Montagetischen interessant sein.«

Neuheiten ohne Ende! Und das heißt: gute Voraussetzungen für die nächsten 169 Jahre.

Hans-Georg Schätzl

Zahlen & Fakten

»Spezialanfertigungen gehören bei uns zum Standard«, heißt es in einer Unternehmensvorstellung. Zu Recht, denn 80 Prozent der von Mink produzierten Bürstenlösungen, so liest man weiter, sind Spezialanfertigungen. Die etwa 120000 Standardlösungen werden in nahezu allen produzierenden Industriezweigen weltweit eingesetzt.

Erschienen in Ausgabe: 07/2014