"Wir brauchen mehr Bildung"

STANDPUNKT - Dr. Manfred Wittenstein zum Bildungsnotstand

Dr. Manfred Wittenstein fordert eine schnelle und effiziente Bildungs- und Forschungsförderung.

18. November 2009

Krisen sind nicht nur Bedrohung, sondern auch Chance. Klar ist, dass Deutschland und die Welt vor gewaltigen Herausforderungen stehen. Warum aber dann auch Chance? Im Duden wird mit ›Krise‹ eine Entscheidungssituation beschrieben, ein Wende- und Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung. Mit anderen Worten: die Weichen, die heute gestellt werden, reichen weit über den Tag hinaus. Letztlich geht es um die langfristigen Grundlagen für eine Welt im Umbruch.

Daher wäre Stillstand in Bildung, Forschung und Innovation gerade jetzt ein Rückschritt. Andere Volkswirtschaften investieren massiv und holen auf. Und Deutschland? Mit unseren Bildungsausgaben, laut OECD ganze 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, liegen wir im internationalen Vergleich unter dem Durchschnitt. Die ›Bildungsrepublik Deutschland‹ ist zu Recht der politische Anspruch, die Bildungsnotstandsrepublik vielerorts aber traurige Realität. Der Politik muss endlich klar werden: Investitionen in mehr Qualität in der Bildung wären proaktive Innovationspolitik. Aber immer noch reden wir hier überwiegend im Konjunktiv. Die Bildungspolitik muss im innovationspolitischen Pflichtenheft der Bundesregierung nach ganz oben rücken – als Imperativ!

Auch Steuerpolitik ist Innovationspolitik. Die staatliche Forschungsförderung wird durch das innovationsfeindliche deutsche Steuersystem wieder konterkariert. Und für eine steuerliche Forschungsförderung fehlte es bislang an politischem Mut und am Ablegen ideologischer Scheuklappen. Aber wir werden die neue Bundesregierung beim Wort nehmen. Die Wahlprogramme der Regierungsparteien waren wenigstens an dieser Stelle deutlich, und auch der Koalitionsvertrag enthält ein – leider allzu vages – Bekenntnis zur steuerlichen Forschungsförderung. Die muss jetzt gleich zu Beginn der Wahlperiode kommen. Denn dieses indirekte Förderinstrument sorgt für schnelle Liquidität, wirkt in die ganze Breite der Unternehmen und lenkt unternehmerische Innovation nicht, sondern ist themenoffen. Nicht ohne Grund setzen zwei Drittel der OECD- und 15 EU-Mitgliedstaaten darauf. Wir tun es bis heute nicht und befinden uns deshalb längst auf einem innovationspolitischen ›Sonderweg‹. Ergebnis: im internationalen Vergleich sind wir beim staatlichen Finanzierungsanteil an unternehmerischer Forschung und Entwicklung meilenweit abgehängt.

Aber auf die Bemessungsgrundlage kommt es an. Im Maschinen- und Anlagenbau ist ›Innovation‹ weit mehr, als die abstrakte OECD-Definition von Forschung und Entwicklung abzubilden vermag. Neuerungen und Wissensintegrationen werden bei uns durch Engineering-Teams vorangetrieben. Schon der technologisch orientierte Kundendialog legt die Basis für Innovation: Probleme werden erkannt, Lösungen skizziert und durch Forschung und Entwicklung sowie dazugehöriger Konstruktion vorangetrieben und schließlich in der Produktion realisiert. Der zu begünstigende Innovationsinput muss dieser Tatsache Rechung tragen!

Generell ist unser Anspruch an die staatliche Forschungsförderung, dass sie ›auf und für‹ den mittelständisch strukturierten Maschinenbau passt. Das wiederum heißt, dass die Innovationsnetzwerke der Industriellen Gemeinschaftsforschung durch die neue Koalition massiv gestärkt werden müssen. Denn Fakt ist: In unseren Forschungsvereinigungen wird kein ›Research for Library‹ oder ›Research for Asia‹ betrieben, sondern klar ›Research for Industry‹ – breitenwirksam, branchenübergreifend und dies mit bestem Nutzen für die Unternehmen, die Wissenschaft und den ingenieurwissenschaftlichen Nachwuchs.

Zu unserem innovationspolitischen Dreiklang gehört schließlich auch eine starke Produktionsforschung. Denn die intelligente Produktion – die deutsche Antwort auf die globalen Herausforderungen und Megatrends unserer Zeit – braucht Forschung. Und da landen wir dann auch ganz schnell beim Geld für die Produktionsforschung: die alte Bundesregierung wollte die Mittel im Bundesforschungsministerium im nächsten Jahr um 10 Millionen auf dann nur noch 62 Millionen € kürzen. Für Deutschland wäre das ein Armutszeugnis, im wahrsten Sinne des Wortes. Schwarz-gelb muss mehr Geld in die Produktionsforschung investieren, die Mittel sollten mit Augenmaß, aber kontinuierlich steigen.

Kurzum: Intelligente Krisenpolitik muss die Innovationsbremse lösen. Denn Deutschland kann in dieser Entscheidungssituation gewinnen, die Voraussetzungen haben wir: eine exzellente Wissenschaftslandschaft, die deutsche Ingenieurskunst sowie eine globale Technologieführerschaft, durch die sich der Maschinen- und Anlagenbau als deutsche Schlüsselbranche zuvorderst auszeichnet. Intelligenter Produzieren ist unsere Antwort auf die Herausforderungen, ebenso wie das intelligente Zusammenspiel in Netzen – innerbetrieblich, unternehmensübergreifend und in engem Dialog mit Wissenschaft und Politik. Krisenzeiten sind Entscheidungszeiten – der deutsche Maschinen- und Anlagenbau kann und wird die Zukunft für sich entscheiden!

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Erschienen in Ausgabe: 11-12/2009