Wer "Kuddel"nicht kennt, hat die Messe verpennt

Hans Eugen Neumann - zu Hause auf allen deutschen Messeplätzen

„Wo ist denn der Kuddel? Ist er krank?“ - So oder so ähnlich würden sicher viele Messeaussteller und -gäste fragen, wenn Hans Eugen Neumann auf der nächsten Euroblech, AMB, Metav oder einer Modellbaumesse fehlte. Mit seinem bunten Angebot an Werkzeugen und kleinen Maschinen gehört er ins Bild einer jeden deutschen Metallbearbeitungsmesse.

06. Januar 2003
Das auf der Messe ausgestellte Produktspektrum Neumanns zeigt nur einen winzigen Bruchteil seines lagerhaltigen Sortiments. Über 50.000 verschiedene Produkte verkauft er in seinem Ladengeschäft in Hamburg und über Außendienstmitarbeiter.
Bild 1: Wer "Kuddel"nicht kennt, hat die Messe verpennt (Das auf der Messe ausgestellte Produktspektrum Neumanns zeigt nur einen winzigen Bruchteil seines lagerhaltigen Sortiments. Über 50.000 verschiedene Produkte verkauft er in seinem Ladengeschäft in Hamburg und über Außendienstmitarbeiter.)

Jede Messe ist ein Jahrmarkt! - Ursprünglich, als die ersten Messen entstanden sind, war das tatsächlich so. Aber heute? Die Antwort von Hans Eugen Neumann, Kaufmann aus Hamburg, ist klar: „Das ist sie heute noch. Natürlich wird das Messegeschehen hochstilisiert. Da darf der Oberbürgermeister zur Eröffnung sprechen, manchmal auch der Bundeskanzler, aber sonst hat sich nicht viel geändert.“

Neumann, vielen auch als ,Kuddel& pos; Neumann bekannt, muß es wissen. Denn so langjährige Messeerfahrung in einer Person gibt es selten. Noch als Werkzeugmacherlehrling besuchte er 1953 seine erste Messe, die Hannover Messe. Ob er damals schon ahnte, daß die Messen in ganz Deutschland zu seinem ,zweiten& pos; Zuhause werden? Jedenfalls absolvierte er nach der Werkzeugmacherlehre eine zweite Ausbildung zum Werkzeugmaschinenkaufmann bei Wilhelm Schmied in Stuttgart, der damaligen Konkurrenz von Hahn & Kolb. Doch lange ging das Angestelltendasein nicht gut. Am 1. April 1962 machte sich Hans Eugen Neumann selbständig. „Ich war als Angestellter nicht tragbar“, bekennt er mit einem schwer zu deutenden Lächeln, „ und Ideen hatte ich mehr als andere. Da habe ich das durchgezogen.“

Seit nunmehr über 40 Jahren handelt Neumann mit Werkzeugen und kleinen Maschinchen vorwiegend für die Metallbearbeitung. Einen Volltreffer landete er mit den weitbekannten Handentgratern, die er in Deutschland eingeführt hat. Mit diesem praktischen Werkzeug mit den nachziehenden Klingen macht er auch heute noch Geschäft. Doch es ist nur eines von seinem etwa 50.000 Produkte umfassenden Sortiment. Die meisten lagern natürlich in Hamburg, wo Neumann noch ein 500 m2 großes Ladengeschäft betreibt.

Die meiste Zeit ist Hans Eugen Neumann unterwegs. Zur Zeit sind es etwa 20 Messen im Jahr: die Fakuma, Fameta, Euromold und Euroblech, Metav, Aluminium, Glastec, verschiedene Spiel- und Schmuckwarenmessen sowie die Eisenwarenmesse in Köln, Modellbaumessen in Dortmund, Leipzig und Friedrichshafen, und und und. Auf diese Reisen darf nur eine Auswahl von etwa 20 passenden Produktfamilien mit. Mehr haben auf dem etwa 20 m2 großen Stand nicht Platz. Aber dafür werden diese Produkte dem Messepublikum auf Neumanns besondere Art aktiv angepriesen. Ob mit Entgratwerkzeuge, Magnete als Hebe- und Montagehilfe, Spannzangen oder auch kleine Dreh-, Fräs- und Entgratmaschinchen - Kuddel Neuman und seine Crew gehen mit ihren Produkten auf ihre Kundschaft zu: „Wir erklären, bieten an und verkaufen. Wer kein Gespräch sucht, kann nicht informieren und macht auch kein Geschäft. Bei Produkten wie den unseren kommt der Kunde nun mal nicht auf den Stand, um zu fragen: Können Sie mir das mal erklären?“

Verkaufen will gelernt sein. Kuddel kann& pos;s. Seine Produkte und sich selbst. Nicht umsonst hat Neumann einen Bekanntheitsgrad, um den ihn sicher mancher Politiker beneidet. Und der bezieht sich nicht nur auf die Messe. „Wenn ich zum Beispiel Händlerkunden besuche, fragen mich die meisten: Na wie geht& pos;s, Neumann? Ich brauche mich nicht vorzustellen. Der ganze Fachhandel in Deutschland kennt mich.“ Dazu haben sicher auch Aktionen beigetragen, die sich heute prima unter dem Schlagwort ,Corporate Identity& pos; einordnen lassen. Zum Beispiel die Neumannsche Flagge: Rot/weiß quergestreift präsentiert sie sich; im Zentrum ist eine blaue Raute mit einem weißen Stern. Darin prangt ein blaues N. Dieses Logo findet sich am Messestand und auf allen offiziellen Papieren. Aber Kuddel Neumann hat auch über 2.000 Sticker machen lassen, von denen einer seine Seemannsmütze ziert. Auch eigene Bierkrüge gehörten lange Zeit zur Standardausstattung, mit der er seine Stammgaststätten an den verschiedenen Messeorten versorgte. In Gilching bei München zum Beispiel stehen noch welche im Schützenhof. Inzwischen ein Relikt aus der Zeit, als die Münchener Messe noch im Stadtzentrum gelegen war. Heute ist Kuddel wie vielen anderen der Weg zwischen Messe und Schützenhof zu weit.

Vieles ändert sich - und so freut man sich über das wenige Konstante. Zum Beispiel über Kuddel Neumann, der seit über 40 Jahren auf gut 600 Messen in Deutschland ausgestellt hat. Er hat die Veränderungen erlebt und hat einiges zu erzählen. Zum Beispiel ist ihm gerade ein alter Bekannter begegnet: „Der ist immer noch auf den Messen mit einem ganz einfachen Stand mit einer Schleifmaschine vertreten. Vor vielen Jahren hat der auf der NC Fameta in Essen mal jeden Tag um 12 Uhr Feierabend gemacht. Ein Zettel am Stand verkündete: Ich habe eine Maschinen verkauft, ich habe genug, auf Wiedersehen.“

Eine solche Beschaulichkeit ist beim Messegeschehen inzwischen auf der Strecke geblieben. „Zur ersten Zeit in München auf der Handwerksmesse kassierte ich zu Beginn von jedem Standnachbarn fünf Mark, und davon hab ich ein Faß Bier gekauft. Das haben wir auf der Messe aufgemacht, und jeder bediente sich, wie er wollte.“ Das ist heute nicht mehr denkbar. Es dominiert das Geschäft und der Streß. Der macht auch vor Hans Eugen Neumann nicht halt. Wenn die AMB in Stuttgart ihre Tore schließt - samstags - gilt es den Stand abbauen, am Sonntagmorgen nach Essen zu fahren, abends wieder aufzubauen und am Montag den Stand fertig zu bestücken. Muß denn das noch sein - mit 65? Ein verschmitztes Lächeln spielt um Kuddel Neumanns Mundwinkel: „Meine Frau schimpft zwar immer mehr, daß ich das mache; und sie sagt auch, sie wundere sich, wie ich das alles schaffe. Aber ein bißchen Spaß macht es mir eben immer noch.“ Und für einen schelmischen Spaß ist er immer zu haben: Auf der Euromold im Dezember angesprochen, „so jetzt hat der Messezirkus für dieses Jahr wieder Ruhe“ kam seine Antwort: „Nein, ich hab noch eine in Hamburg.“ „???“ „Ja, die Christmesse.“

Erschienen in Ausgabe: 10/2002