Wenn sich Stanzen nicht lohnt

Interview/Dieter Bulling

Wenn in Expertengesprächen über Laserschneidmaschinen Stiefelmayer nicht immer erwähnt wird, liegt das nicht an der Bedeutung des Unternehmens, sondern an den sehr speziellen Maschinen für sehr spezielle Aufgaben. Dieter Bulling, Geschäftsführer von Stiefelmayer Lasertechnik, erklärt, was das Besondere ist.

19. März 2013

Ab welcher Stückzahl lohnt sich der Laser nicht mehr, muss man auf die Stanzpresse?

Das hängt ganz vom Teil ab. Ich denke, man kann hier keine allgemeingültige Stückzahl angeben. Bei großen Stückzahlen wird sich das Werkzeug immer rechnen. Diese Produktivität erreichen Sie mit der Laserschneidmaschine nicht. Aber letztendlich wird die Grenze durch die Komplexität des Teiles bestimmt.

Die Technologie Laserschneiden hat ihre Vorteile im Bereich Entwicklung, Prototypen, Kleinserien oder bei Konturen, die sich kaum stanzen lassen wie Stege, die deutlich dünner sind als die Materialstärke.

Hohe Genauigkeit ist eine Stiefelmayer-Domäne?

Hohe Genauigkeit hat bei Stiefelmayer eine lange Tradition. 1874 ging es mit mechanischen Messmitteln los, später kamen die Schieblehren und dann die Messmaschinen hinzu. So haben wir das Know-how, exakte und genaue Führungsmaschinen zu bauen.

Der Laser bestimmt ja nicht die geometrische Genauigkeit der produzierten Teile. Das ist vergleichbar mit dem Fräser in der Bearbeitungsmaschine. Wir suchen für die Aufgabe das geeignete Werkzeug aus.

Sie schrauben also nur zusammen?

Wenn man das so sieht, schrauben eigentlich alle Maschinenbauer nur zusammen, und auch im Automobilbau wird nur montiert. Wir haben die Erfahrung, sehr genaue Führungsteile für die Maschinen zu fertigen. Im Bereich Steuerung, Antriebe, Laser etcetera steckt die Erfahrung in der optimalen Auswahl und Kombination der Komponenten. Im Gesamten muss die Maschine die geforderten Eigenschaften bringen. Dies ist dann das Produkt der Stiefelmayer Lasertechnik.

Sehen Sie sich als Integrator, der verschiedene Komponenten zu einem möglichst gut funktionierenden System zusammenfügt?

Gibt es den Begriff eigentlich im Maschinenbau? In der Lasertechnik wird er ganz gerne verwendet. Aber niemand bezeichnet den Werkzeugmaschinenbauer als Integrator, weil er die Antriebsspindel zukauft. Sie müssen für eine Maschine viele Komponenten zukaufen. Als Maschinenbauer haben Sie dann letztendlich die Verantwortung für das Produkt in allen Details.

Ihre Maschinen folgen ganz klassich kartesischen Koordinaten?

Ja, wir bleiben bei der orthogonalen Anordnung linearer Achsen. Wir gehen auch nicht den Weg, zusätzliche Achsen zu überlagern, um die Dynamik zu erhöhen. Unser Weg ist, die Masse der bewegten Teile generell zu reduzieren. Dadurch steigert sich die Dynamik und Genauigkeit der Laserschneidmaschine. Dies erreichen wir durch den Einsatz von Teilen in Kohlefaserleichtbautechnik.

Sie erwarten, dass sich der Laserschneidmaschinenmarkt in den nächsten Jahren ähnlich differenziert wie die Märkte im Zerspanerbereich. Warum?

Im Bereich der zerspanenden Bearbeitung sehen Sie die Spezialisierung der Maschinenanbieter und Anwender. Für spezielle Anwendungen gibt es spezielle Maschinen, und auch die Lohnanbieter sind spezialisiert. An seinem Maschinenpark erkennt man, was sein Spezialgebiet ist. Da kommt keiner auf die Idee, mit einem Kleinteil bei jemandem anzufragen, der große Bearbeitungszentren hat. Aber nicht nur die Maschinengröße differenziert, sondern auch die Genauigkeiten der Maschinen oder Achsanordnungen. Im Laser wird vielleicht noch nach Mikro und Makro unterschieden, wobei die Welten sehr weit auseinander liegen. Im Makrobereich gibt es dann halt die Großformatmaschine, die als Laser bezeichnet wird. 3 x 1,5 m Arbeitsbereich, für alle Aufgaben geeignet, denkt man. Aber wie vorher schon erwähnt, ist der Laser nicht für die produzierte Genauigkeit zuständig. Ich kann also unterschiedliche Maschinen für unterschiedliche Anforderungen damit bauen. Unsere Maschinen passen zwischen Mikro und Makro.

Nicht alles wird von Großformat-Blechtafeln bearbeitet, aber man müht sich mit kleineren Nutzen auf Großformatmaschinen ab. Mit Halbzeugen tut man sich auf Lasermaschinen schwer, da Tische nicht exakt im Arbeitsraum positionieren und Spannsysteme gänzlich fehlen. Durch den Faserlaser wird es einfacher, einen Laser in eine Maschine zu integrieren. Neue Anbieter werden auf den Markt kommen und auch neue Ideen mitbringen.

Was wird sich künftig ändern im Markt der Laserschneidmaschinen?

CO2-Laserschneidmaschinen in Serie stellte in Deutschland praktisch nur ein Unternehmen her, und auch europaweit gesehen gibt es nicht viele in diesem Bereich. Mit dem Faserlaser wird dieses Quasimonopol aufgeweicht. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass alleine vier Hersteller im türkischen Bursa pro Jahr wahrscheinlich über 200 Faserlaser-Schneidmaschinen bauen. Weltweit haben die bisherigen Monopolisten nun bestimmt 80 Wettbewerber.

In Deutschland diskutiert man über kleine Unterschiede in der Schnittkantenqualität zwischen Faserlaser und CO2-Laser. Ich denke, dass das andere Märkte prakmatischer sehen. Da ist man mit der – nicht allzu schlechten – Qualität zufrieden, zumal sich die Unterschiede nur bei dickeren Materialien auswirken. Die Argumente für die CO2-Maschinen bröckeln. Einfache Maschinen sind oft ausreichend. In dieses Marktsegment dringen die meisten Maschineanbieter.

Aufgrund unserer Geschichte und dem Know-how in Präzision gehen wir den Weg der Genauigkeit und Dynamik. Wir erreichen Qualitäten im Bereich von IT7/IT8 über den Arbeitsbereich. Hier gibt es Anforderungen, die mit bisherigen Laserschneidmaschinen nicht abgedeckt werden konnten. Meiner Meinung nach wird sich der Markt weiter differenzieren: Maschinen an Marktsegmente angepasst wie in der Zerspanung.

Als Werkzeug wird der Faserlaser den CO2-Laser immer mehr verdrängen, der nächste Verdrängungsschub wird kommen, wenn man im dickeren Bereich die Schneidqualität verbessert hat. Energieeffizienz wird ein wichtiges Kriterium werden, und da hat eine Maschine mit Faserlaser die Nase weit vorn.

Nun schneidet der Faserlaser nicht genauer als der Gaslaser. Die Genauigkeit bringen Antriebe und Führungen.

Ja, grundsätzlich liegt die Genauigkeit nicht am Laser. Immer noch ist ein präziser Maschinenbau für eine hochwertige Maschine Grundvoraussetzung. Geradheit der Achsen und genaue, dynamische Antriebe sind dazu erforderlich. Bei CO2-Maschine ist aber die Genauigkeit auch durch das Strahlführungssystem begrenzt, über den kompletten Arbeitsraum hat man halt nicht null Strahlabweichung. Dies sieht bei Faserlaser wesentlich besser aus. Die Bedingungen sind durch die Faser über den ganzen Tisch gleich. Die Maschinengenauigkeit wird nicht durch die Ungenauigkeit des Strahls überlagert.

Faserlaserschneidmaschinen können höhere Genauigkeiten erreichen. Aber es können auch sehr einfache Maschinen gebaut werden, da kein aufwendiges Strahlführungssystem erforderlich ist.

Die Türken und vielleicht auch manche asiatischen Hersteller werden wahrscheinlich versuchen, über den Preis in den Markt einzudringen. Bekommen dann die deutschen und Schweizer Hersteller nicht Probleme, ihre einfacheren Maschinen abzusetzen?

Ich denke in Mitteleuropa noch nicht, dazu ist das Image der Marktführer zu gut. Sie haben ein perfektes Angebot rund um die Maschine. Verkauf, Service und Erfahrungsvorsprung. Nicht zu unterschätzen ist die Bedienung der Maschine mit perfekten Tools. Dies können die meisten Anbieter so noch nicht bieten. Unser heimischer Markt ist aber schon weitgehend gesättigt, hier werden Maschinen ersetzt, wobei man gerne auf den bisherigen Lieferanten zurückgreift. In den Schwellenländern, wozu ich auch Südosteuropa zähle, wird es für Mitteleuropäer schwieriger.

Man darf zum Beispiel die türkischen Anbieter nicht unterschätzen. Noch werden sie vielleicht belächelt, aber: Die sind sehr rührig, man sieht sie auf allen Messen, und es stehen große Unternehmen dahinter, die schon eine breite Palette von Blechbearbeitungsmaschinen und folglich auch Kunden haben. Und der technische Level ist beachtlich – zumal sie schon auf einem hohen Niveau eingestiegen sind, denn die Lernphase von, sagen wir, 1985 bis 2010 konnten sie überspringen, indem sie sich externe Hilfe eingekauft haben. Es gibt in den Wachstumsmärkten außerhalb Europas nun regionalen Wettbewerb, und die Anwender sind nicht immer so anspruchsvoll, wie wir es gewohnt sind.

Und wie gesagt: Lasermaschinen sind mechanisch einfacher als beispielsweise Fräsmaschinen.

Stiefelmayer hat sich aber im Hightech-Segment etabliert.

Wir sehen uns zwischen den großformatigen Laserschneidmaschinen und den Mikroschneidmaschinen. Unsere Maschinen sind aber nicht nur genauer, sondern dank der linearen Direktantriebe und einiger Kohlefaserteile auch schneller als die üblichen Lasermaschinen. In diesem Bereich dominieren eigentlich Stanzmaschinen. Oft ist aber Stanzen technisch nicht möglich oder wirtschaftlich nicht sinnvoll, etwa weil die Stückzahlen zu gering sind, wie in der Prototypen- und Vorserienfertigung. Dann sind unsere Laserschneidmaschinen ideal.

Wer kauft Ihre Maschinen?

Unsere Maschinen stehen selten beim typischen Blechbearbeiter, der ein Teil ausschneidet, abkantet und anschließend vielleicht noch verlötet oder verschweißt, sondern eher in Stanzbetrieben, die ihr Spektrum auf Klein- und Mittelserien, auf Muster und Prototypen erweitern wollen.

Typische Stanzbetriebe stehen aber dem Lasern eher skeptisch gegenüber, weil er ihnen zu ungenau ist. Die Anforderungen an Kontur und Widerholgenauigkeit sind höher als das, was Laserschneider üblicherweise anbieten. Und diesen Anforderungen wollen wir gerecht werden und zudem sehr dynamische Maschinen bauen. Der Faserlaser mit seinen Eigenschaften kommt uns da sehr entgegen.

Sind Ihre Maschinen Sonderanfertigungen oder Standardmaschinen?

Standard. Und die testen wir im eigenen Betrieb mit unserer Lohnfertigung. Wobei wir nicht abgeneigt sind, kundenspezifische Anpassungen zu machen, solange die Grundmaschine mit der Kerntechnologie bleibt.

Maulen da Ihre Kunden nicht, weil Sie zugleich Konkurrent sind?

Das ist erst einmal vorgekommen. Aus unserer Lohnfertigung hat sich sogar ein kleines Gebrauchtmaschinenfeld entwickelt, weil sich potenzielle Kunden sagen: »Wenn die mit dieser Maschine arbeiten, ist sie in Ordnung.« Die Lohnfertigung ist also unser Testfeld.

Und wir haben mit den von uns gefertigten Teilen eine Referenz: Der Interessent kann sehen, was von unserer Maschine runterkommt. Das erleichtert uns die Überzeugungsarbeit. Man traut uns, oder besser gesagt der Maschine, dieses Qualitätsniveau gar nicht zu.

Wir schneiden aber nicht nur im Lohn, wir härten auch – mit dem Laser.

Kohlefaser, Linearantriebe – das klingt nicht gerade billig.

Billig nicht, aber bezahlbar. Höchste Präzision bedeutet entsprechende Aufwendungen. Den Sinn der verbauten Werkstoffe und Technologien können Sie spätestens am Bauteil sehen. Meist nicht mit dem Auge, ein Mikroskop ist angebracht. Während normalerweise beim Laserschneiden Toleranzen von mehreren 0,1 mm keine Rolle spielen, erwarten wir Abweichungen im Bereich von wenigen 0,01 mm. Zur besseren Vorstellung: Wir spalten ein Blatt Papier in zehn Scheiben und nehmen davon zwei bis vier Stück.

Woraus bestehen die Gestelle Ihrer Maschinen?

Derzeit setzen wir auf geschweißte und geglühte Gestelle. Das heißt aber nicht, dass das immer so bleiben muss. Die Entwicklung bleibt nicht stehen und Stiefelmayer als Messmaschinenbauer treibt natürlich die Genauigkeit an. Aber darüber will ich jetzt noch nichts sagen.

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 02/2013