Weise Weiser?

»Wenn sich Löhne und Gehälter nach der Produktivität richten sollen, was verdienen dann kontraproduktive Dunkelseher?«

07. Februar 2013

Vom ›Blauen Engel‹ haben Sie sicher schon gehört, vielleicht haben Sie ihn auch schon gesehen. Dann wissen Sie wohl auch, dass er auf dem Roman ›Professor Unrat‹ von Heinrich Mann beruht. Wenn sich jetzt ??? vor Ihrem geistigen Auge auftun, dann sind Sie auf der falschen Fährte. Es geht nicht um ein Umweltlogo, sondern wir sind im Film (ja, jetzt fällt es Ihnen ein: die Beine von Marlene …). Den Spitznamen ›Unrat‹ hat die schlimme Jugend von damals dem armen Professor verpasst, der in Wirklichkeit, also im Roman, ›Rath‹ heißt.

Angenommen, es gäbe einen Professor der Makroökonomie, also der Volkswirtschaft, der ›Unsin‹ hieße und äußerlich ein wenig an Willy Fritsch als Jupiter im Film ›Amphytrion‹ erinnerte. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind natürlich nicht beabsichtigt, selbst dann, wenn der fiktive Professor oft in TV-Talks zu sehen wäre, deren Veranstalter sich keinen echten Kabarettisten, etwa vom Schlage eines Volker Pispers, Georg Schramm oder Wilfried Schmickler, leisten können oder wollen.

Nehmen wir weiter an, dieser fiktive Herr Professor behaupte – wie die meisten seiner leistungstragenden Kollegen – seit Jahren, Geringverdiener verdienten noch lange nicht gering genug, sondern im Gegenteil (Stand 2003) etwa 30 % zu viel, weil sie nicht produktiv genug seien, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu erhalten. Das heißt: Kommunen würden lieber Laubbläser aus China einreisen lassen (samt den gleichnamigen Geräten) und unsereiner würde zum Haareschneiden nach Rumänien laufen. Nun: Real ist man diesen 30 % minus in den letzten zehn Jahren schon ein gutes Stück näher gekommen, und zwar nicht nur die Geringverdiener, sondern auch andere Minderleister, also normale Menschen mit ›normalem‹ Einkommen. Das ist gut für den Export, der rund 30 % (schon wieder!) des BIP ausmacht. Aber wie gut tut eine sinkende Kaufkraft den anderen 70 %, aufgebracht von Inländern im Inland?

Es gibt Leute, die die Astrologie für eine Wissenschaft halten. Auch die Makroökonomie gilt als Wissenschaft. Als Outsider fragt man sich freilich, was an ›Wirtschaftswissenschaften‹ wissenschaftlich ist. Wie erklären die Insider, dass ihre ›weisen‹ Weiser zweimal im Jahr Prognosen veröffentlichen, die oft 2 % danebenliegen? Das kann bei einer Veränderung des Gesamtwertes um 1 % einen Fehler in der Größenordnung 200 % ausmachen – und folglich mitunter einen Vorzeichenfehler mit (wegen der Medienwirkung) verheerenden Folgen produzieren.

Vergleichen wir mal mit anderen Wissenschaften, etwa der Physik: Die Uhren von GPS-Satelliten gehen infolge gravitativer und geschwindigkeitsbedingter Zeitdilatation gegenüber den irdischen um etwa ein halbes Milliardstel ›falsch‹. Das muss hinreichend genau berücksichtigt und kompensiert werden – und Physiker können das. Wie genau ginge nun ein Navigationssystem, das von den weisesten und weisendsten aller deutschen Wirtschaftswissenschaftler entwickelt worden wäre?

Seien wir generös und schenken den Ökonomen ein paar Nullen, indem wir einfach die Flughöhe der GPS-Satelliten (zirka 20?000 km) in Relation zur Ungenauigkeit eines kommerziellen Navis setzen: Das erfasst die Position auf rund 10 m und prognostiziert die Ankunftszeit für mittlere Dienstreisen auf ungefähr 10 min genau. 20?000 km durch 10 m ergibt 2?000?000. ›Wirtschaftswissenschaftliche‹ Navis mit ihren potentiell 200 % Fehler würden dann auf den Erdumfang genau positionieren und die Ankunftszeit auf ein Menschenalter genau vorhersagen.

Der unproduktive und minderwertige Friseur schneidet die Haare für ungefähr 1,50 bis 8 € Stundenlohn locker auf 5 mm genau und weiß auf die Minute, wie lange er für die Behandlung braucht. Was ist also mehr wert: ein Haarschnitt oder eine wirtschafts-›wissenschaftliche‹ Prognose?

Hans-Georg Schätzl