Was kommt nach Industrie 4.0?

Übrigens ...

"Nach der digitalen kommt die physische Vernetzung, das 'Synerfacturing'."

06. Oktober 2016

Industrie 4.0 oder kurz I 4.0 ist (noch) in aller Munde. Wir haben die semantische Verwendung des Begriffs 4.0 inzwischen als Synonym für modern und innovativ (eigentlich sollte ich ›smart‹ sagen). Aber irgendwann tritt auch beim schönsten Sammelbegriff ein gewisser Sättigungsgrad ein, so dass wir in absehbarer Zeit etwas Neues brauchen werden. Ohne sich um die Inhalte kümmern zu müssen, könnten wir ja Industrie 4.1 oder 5.0 verwenden. Hier hätten wir den Vorteil, dass der Begriff nicht von Hause aus mit einer vielleicht lästigen Definition gekoppelt wäre und uns schon was einfallen wird, was wir dann in der produktionstechnischen Forschung und Entwicklung als ›neu‹ verkaufen können. Dies ist aber leider so naheliegend, dass ich schon Ihr Gähnen bildlich vor mir habe, bevor ich mir über irgendwelche Erläuterungen Gedanken machen kann.

Mit diesem Bewusstsein haben wir uns im professoralen Kollegenkreis mit der beschriebenen Leitfrage auseinandergesetzt. In erster Linie möchte ich in diesem Zusammenhang die Kollegen Peter Groche von der TU Darmstadt und Jürgen Fleischer sowie Volker Schulze vom KIT in Karlsruhe nennen und mich für die spannenden Diskussionen bedanken. Ich denke, dass inzwischen jeder eine Vorstellung der wesentlichen Inhalte von I 4.0 hat, und ich möchte diese mit der ›digitalen Vernetzung der Produktion‹ zusammenfassen.

In unseren angeregten Gesprächen kamen wir zu dem Schluss, dass nach der digitalen Vernetzung die physische Vernetzung der individuellen Fertigungsschritte unserer jeweiligen Prozesskette eine interessante ›Spielwiese‹ darstellen könnte. Natürlich sehe ich schon ganz viele »Das machen wir doch schon lange«-Kommentare auf mich zukommen. Richtig, es gibt eindrucksvolle Beispiele für die erfolgreiche physische Vernetzung. Auf Anhieb fallen mir die Straßen-Asphaltier-Maschinen ein, die den alten Belag abfräsen und in der gleichen Anlage den neuen Belag aufbringen. Ein weiteres Beispiel sind Zelluloseprodukte, die beispielsweise in einer Fertigungsanlage vom Baum zur Windel umgesetzt werden können.

Wir waren in unserer Diskussionsrunde aber sehr schnell der gemeinsamen Meinung, dass gerade durch die vertieften Erkenntnisse aus I 4.0 die einzelnen Prozessschritte nun sehr viel besser verstanden sind, so dass dies eine gute Startvoraussetzung für die systematische physische Vernetzung und damit einhergehende Prozesskettenverkürzung sowie Wertschöpfungssteigerung auf viel breiterer Ebene sein dürfte. Für diese beiden Begriffe würde ich zwar sicherlich im ›Bullshit-Bingo‹ gleich mehrere Einträge bekommen, aber das darf ja auch mal sein.

Nun müssen wir dem Kind nur noch einen einprägsamen Namen geben. Wir sind mit dem Begriff ›konvergierende Technologien‹ ins Rennen gegangen. Schnell war aber klar, dass dies weder selbsterklärend noch einprägsam ist. Neben Anglizismen sind Kunstwörter aus der Zusammenführung von zwei noch erkennbaren Begriffen ein Stilelement, das gerne für neue Trends genutzt wird. Motiviert durch den Erfolg von ›Mechatronik‹ sind wir auf die kreative Suche gegangen und bei ›Synerfacturing‹ hängen geblieben. Mit der Motivation, dass selbst Google dazu noch keinen Eintrag für die Kombination aus Synergie und Manufacturing hat, möchten wir gerne diesen Begriff für die innovative physikalische Vernetzung von Fertigungsschritten ins Spiel bringen, an die bisher vielleicht noch gar niemand gedacht hat.

Mit der Hoffnung, Sie ein bisschen zum Nachdenken gebracht zu haben, verbleibe ich wie immer mit den besten Wünschen und Grüßen

Ihr

Wolfram Volk

Erschienen in Ausgabe: 06/2016