Von Menschen, Ideen und Innovationen

bbr-Chefredakteur Erik Schäfer besuchte Fronius in Österreich. In Teil 1 stellt er die Menschen vor. In Teil 2 folgt ein Überblick über die Fertigung in Sattledt und das Kunden- und Schulungszentrum des Konzerns in Wels.

25. November 2007

Wels, 05.09.2007, 8:30 Uhr: Mit Vertriebsmarketingleiter Fronius Deutschland, Sparte Schweißtechnik, Jürgen H. Krenzer und Marion Rauch (Marketing & Kommunikation von Fronius International) im Fronius-Kunden- und Trainingszentrum in Wels beginnt mein Tag bei Fronius Österreich. Bereits im Juni auf der Blechexpo hatten Jürgen H. Krenzer und ich diesen Besuch lose vereinbart. Jetzt gab es die Gelegenheit, das innovative Unternehmen näher kennenzulernen. In einem Schulungsraum bekomme ich zunächst einen Konzern- und Produktüberblick. Dann folgt ein Rundgang, wie ihn jährlich etwa 3.000 Kunden, Gäste und Mitarbeiter aus aller Welt hier in Wels erleben können. Es ist nicht damit getan, einen Konzern wie Fronius in ein Korsett von Jahreszahlen zu packen, um ihm mittels Statistiken näherzukommen. Alles begann mit Günter Fro­nius, der 1945 einen Reparaturbetrieb in einer Garage gründete. Das war direkt nach dem Kriege in Pettenbach in Ober­österreich. Schon bald darauf entwickelte er für seine Kundschaft Batterieladegeräte ? auch heute noch ein Produktzweig seines Konzerns. Konzernchefs heute sind übrigens sein Sohn Klaus Fronius sowie seine Tochter Brigitte Strauß, die zusammen mit ihren rund 2.000 Mitarbeitern dafür sorgen, dass Visionen zu serienreifen Produkten werden, wie etwa das CMT-Schweißverfahren (Cold Metal Transfer), das Fronius 2004 auf den Markt brachte und das unter anderem dafür sorgte, dass die Schweißerlehrbücher neu geschrieben werden mussten. Grund: Mit diesem »kalten« Schweißverfahren lassen sich selbst Aluminium und Stahl ­sicher miteinander verbinden.

Sattledt, 05.09.2007, 10:00 Uhr: Eine gute Viertelstunde mit dem Auto ist es von Wels zum megamodernen, neuen Fronius-Standort Sattledt. Hier ist ein Gespräch mit Herbert Mühlböck, Leiter Logistik & Beschaffung und Mitglied der Geschäftsleitung, Heinz Hackl, Leiter F& , Marketing und Mitglied der Geschäftsleitung, und Wolfgang Lattner, Spartenleiter Schweißtechnik, geplant, die wir im lichtdurchfluteten Foyer treffen. Im Besprechungsraum »SR SAT Thalheim« werde ich nun Näheres zum Unternehmen erfahren, von seinen Ideen, Innovationen und Produkten ? und natürlich über den neuen Standort Sattledt, der erst im Januar 2007 eingeweiht wurde.

Investitionsdrang

»Währenddessen die meisten Konzerne irgendwann den Weg zu einer Aktiengesellschaft einschlagen, hat sich Fronius die Gesellschaftsform einer Stiftung gegeben. Wir sind so nicht kaufbar«, beginnt mit einem Lächeln Geschäftsleitungsmitglied Herbert Mühlböck. Er ist auch ein Kopf hinter der Planungsgruppe für den neuen Standort Sattledt. Hier hat Fronius seine Fertigungsbereiche Assembly/ Elektronik/Mechanik, die Logistik & Beschaffung, Human Resources, Qualitätsmanagement und das Repaircenter zusammengefasst. »Als wir 2000 das Grundstück in Sattledt von 98.500 Quadratmetern erworben haben, wussten wir noch nicht genau, was wir damit machen wollten«, so Mühlböck. Doch schon das rasante Unternehmenswachstum ? allein 2007 sind rund 200 Mitarbeiter hinzugekommen ?, der Umstand, dass all die anderen Standorte bereits an ihren Kapazitätsgrenzen waren, führte 2003 dazu, eine Planungsgruppe einzusetzen, die einen neuen, zentralen Fertigungs- und Logistikstandort planen sollte. »Wir haben das Projekt innerhalb von 12 Monaten auf der grünen Wiese geplant. Unser guter, langjähriger Kontakt zu den örtlichen Behörden führte zu einem Verhandlungserfolg an nur einem Tag! Schon eine Woche später erhielten wir die Baugenehmigung«, freut sich Mühlböck im Rückblick. Rund 30.000 Quadratmeter bebauter Fläche, ein Investitionsvolumen von gut 40 Millionen Euro ? »ohne die Einrichtung und die Maschinen«, wie Mühlböck betont ?, so entstand innerhalb von 18 Monaten Bauzeit das architektonische und logistische Meisterwerk. Rund 650 Fronius-Mitarbeiter gehen derzeit ihrer Arbeit in Sattledt nach. »Seit dem 1. Januar 2007 produzieren wir hier vom Stand weg in zwei Schichten. Wir hatten das Glück, im richtigen Moment zu starten, denn bereits heute arbeiten hier schon mehr Mitarbeiter, als ursprünglich erwartet werden konnte. Das Werk liegt zudem nahe dem Autobahnkreuz Salzburg-Wien/Linz-Passau und dem Flughafen Linz, ein idealer Standort für unsere Logistik und unsere Mitarbeiter.« Und für die tut das Unternehmen einiges. 550 Tiefgaragenstellplätze mit direktem Zugang zu den einzelnen Abteilungen, ein eigenes Betriebsrestaurant, Lichthöfe für die kurzen Pausen zum Abschalten und »Luft holen« und seit dem 1. September sogar ein eigener Betriebskindergarten, die Liste der planerischen Besonderheiten ist lang. Als ein wichtiger Kommunikationsstrang ist hier noch das »Schweissercafé Online« zu nennen, zu dem alle Mitarbeiter weltweit Zugang haben. »In den einzelnen Abteilungen und auch hier im Foyer gibt es die sogenannten Fronius-Schweissercafés Real. Hier können alle Mitarbeiter direkt miteinander kommunizieren, Erfahrungen austauschen und alles Neue aus dem Unternehmen erfahren.«

Forscherdrang

Oftmals steckten in der Geschichte von Fronius keine konkreten Produkte hinter den zahlreichen Ideen der Konzernlenker oder Mitarbeiter im Konzern. »Bei manchen Innovationen waren es konkrete Kundenanfragen, die letztendlich zu einem konkreten Serienprodukt führten«, erinnert sich der Leiter der Forschung & Entwicklung, Heinz Hackl, der eine Abteilung von 200 Mitarbeitern führt. So wurde etwa aus dem Problem, den Pluspol einer Glühlampenfassung durch Schweißen zu befestigen, die erste CMT-Anwendung überhaupt. Und auch in Sachen Leichtbau hat das Verfahren Zukunft ? in diese Richtung gingen ja die ursprünglichen Gedanken von Klaus Fronius, als er darüber nachdachte, ob man Stahl mit Aluminium nicht auch schweißen könne. Auch in dieser Hinsicht laufen heute Praxisversuche eines Fronius-Kunden: Heute fahren bereits zehn Alu/Stahl-Testwagen durch Europa ? CMT-geschweißt natürlich. Auch das LaserHybrid-Schweißen wurde hier bei Fronius entwickelt und zur Serienreife gebracht, ebenso das Widerstandspunktschweißsystem »Delta-Spot«. Ein umlaufendes Metallband dient sozusagen als Elektrodenspitze und kann nach definierter Anzahl an Schweißungen um einige Millimeter weitergefahren werden. Vorteil: spritzerfreies Widerstandsschweißen über äußerst lange Zeiträume, ohne Elektroden reinigen oder austauschen zu müssen. »Auch hier laufen bereits einige konkrete Projekte in der Industrie«, weiß Heinz Hackl, darf allerdings aufgrund von Kundenvereinbarungen nicht näher darauf eingehen. Auch die »vierte Dimension«, das Plasma, hier verwendet zum Plasmaschneiden, hat Eingang in die Fro­nius-Produktpalette gefunden, obwohl man vor 23 Jahren eigentlich nicht mehr in Richtung »Schneiden« weiterentwickeln wollte: »Mit unserem Plasmaschneidsystem TransCut entstehen bis zu 20 Prozent weniger Schadstoffemissionen als mit herkömmlichen Geräten«, so Hackl und verweist darauf, dass Fronius derzeit über 400 aktive Patente am Laufen hat ? in allen Sparten des Konzerns und darüber hinaus.

Wachstum

Der Spartenleiter Schweißtechnik, Wolfgang Lattner, kommt vor allem auf die Themen Service und Logistik zu sprechen. »Von Sattledt aus beliefern wir ganz Europa direkt. Mit unserem globalen Netzwerk sind wir in 81 Ländern aktiv. In 11 Ländern hat Fronius einen Direktvertrieb. In den anderen Ländern funktioniert das über Repräsentanten und Verkaufsbüros«, so Lattner. Die kleinsten Einheiten mit vier bis sechs Mann (Anwendungstechniker, Vertrieb, Service-Techniker und Innendienst) operieren in einem Radius von etwa 50 bis 80 Kilometern, »das fördert die Kundenbeziehung«. Die nächstgrößeren Einheiten auf Länderebene führen auch Schulungen durch. »In Wels ist die internationale Zentrale mit unserem Kunden- und Servicezentrum. Hier sind auch die Labors, wo wir Spezialversuche für unsere Kunden durchführen können, sowie Kunden und Mitarbeiter aus aller Welt schulen.« Auch Lattner kommt noch einmal auf das Schweissercafé Online zu sprechen: »Am Anfang galt es viel Überzeugungsarbeit zu liefern, die Mitarbeiter in aller Welt davon zu überzeugen, das Intranet und seine Informationen nicht bloß zu konsumieren, sondern selbst gemachte Erfahrungen ins Netz zu stellen. Wenn aber ein Verkaufsleiter die Erfahrung gemacht hat, dass die Ideen eines Fronius-Mitarbeiters aus dem Intranet zu sichtbaren Verkaufsabschlüssen führen, wird er sicher auch seine Erfahrungen zur Verfügung stellen. Das bedeutet für uns, dass Versuche oder empirisch ermittelte Daten nicht gleich mehrfach im selben Konzern ermittelt werden müssen. Jedem steht zudem offen, die Mitarbeiter in aller Welt zu einem bestimmten Problem zu fragen. So wollen wir erreichen, dass wir uns untereinander helfen können, schnell und effizient«. _

Erik Schäfer

BackgroundDas Unternehmen Fronius

Gründung: 1945 durch Günter Fronius

Geschäftsführer: Klaus Fronius

Mitarbeiter weltweit, Stand Sept. 2007: rund 2.000 Mitarbeiter, davon rund 80 Auszubildende in Österreich

Standorte Österreich:

- Wels-Thalheim: F?& E, Marketing & Kommunikation, Corporate Services

- Wels, Buxbaumstraße: Kunden- und Trainingszentrum, Sparte Schweißtechnik (auch Schweißautomation)

- Pettenbach 89/92: Fertigungsbereich Assembly Trafobau, F& Batterieladesysteme, Sparte Batterieladesysteme

- Pettenbach 319: Fertigungsbereich Assembly (Schweißtechnik), Finanzen & Controling, F?& E Schweißbrenner

- Sattledt (Eröffnung Januar 2007): Fertigungsbereiche ­Assembly/Elektronik/Mechanik, Logistik & Beschaffung, Human Resources, Qualitätsmanagement, Repaircenter international

Weitere Standorte:

- Tschechische Republik (Krumau) und Ukraine (Kiew),

Umsatz, Konzern: (2006) 235,12 Mio. Euro (Exportanteil 85,5 %)