Von außen zum Insider

Die 3D-Rohrbearbeitung im ständigen Innovationsprozeß

Als im Jahr 2000 der Vorreiter der Drahtverarbeitung ins „Rohrgeschäft“ einstieg, sorgte er gleich für erheblichen Wirbel. Nicht nur, daß das Unternehmen die elektronische Steuerung und den Servomotor ins Rohrbiegen einführte - durch einen Kunden auf den Geschmack gebracht - zeigten die Schwaben gleich noch, das sich auch Zykluszeiten weiter senken lassen.

03. September 2002
Komplexe Aufgaben, komplexe Maschine: Auch die außergewöhnlichen Kundenwünsche lassen sich erfüllen. Die FSO 3 biegt Federn aus besonders hartem Federstahl, formt die Haken winkelgenau und schneidet sie paßgenau ab.
Bild 1: Von außen zum Insider (Komplexe Aufgaben, komplexe Maschine: Auch die außergewöhnlichen Kundenwünsche lassen sich erfüllen. Die FSO 3 biegt Federn aus besonders hartem Federstahl, formt die Haken winkelgenau und schneidet sie paßgenau ab.)

„Störe meine Kreise nicht“, wird sich so mancher alteingesessene Rohrbieger gesagt haben, als die Wafios AG, Reutlingen, eigentlich die europäische Größe bei den Drahtbiegern, ihrem angestammtem Terrain vor etwa zwei Jahren offiziell das Rohrbiegen hinzufügte. Was auf der Tube & wire 2000 vielleicht noch als „viel zu teuer“ abgetan wurde, hat sich heute, bereits zwei Jahre später, durchgesetzt. Seien es die Servomotoren oder die elektronischen Steuerungen oder gar eine Anlage, die gleich mehrere Bearbeitungsvorgänge integriert, all die Neuigkeiten der Reutlinger finden nicht nur Beachtung, sondern konkret Verwendung. Etwa 70 Prozent der Maschinen gehen in die Automobil- und Automobilzulieferindustrie, die ständig auf der Suche nach einem „Mehr“ an Flexibilität und Produktivität, und einem „Weniger“ an Zykluszeiten und Bauteilgewicht, die Vorteile der Wafios-Maschinen erkannt hat. Und wo die Automobilindustrie ist, da spielt die Musik, das wissen nicht nur die Pressenhersteller.

Tradition und hauseigene Herstellung

„Project Manager“ Dipl.-Ing. Peter K. Waiblinger und Verkaufsgebietsleiter Bernd Eppler zeigen sich mit der Entwicklung des Rohrbiegesektors zufrieden. „Eigentlich gibt es die BM-Baureihe - BM steht für Rohr- und Drahtbiegemaschine vom Coil, BMZ steht für Biegemaschine mit Zange, für die Verarbeitung vorkonfektionierter Rohre - schon seit etwa sechs Jahren. Doch vor drei, vier Jahren wies uns ein Kunde darauf hin, daß diese Maschine auch ideal fürs Rohrbiegen verwendet werden könne“, so Bernd Eppler. „So entstand vor etwa zwei Jahren die & pos;Rohrbiegegruppe& pos; in unserem Haus“, ergänzt Peter K. Waiblinger und fügt hinzu, daß das 109 Jahre alte Traditionsunternehmen bereits bis in die 70er Jahre Drei- und Vierwellenbiegemaschinen gebaut habe, die Technik aber nicht weiterverfolgt wurde.

Die Servomotortechnik, die Steuerung - von Schleicher, Berlin -, die Antriebe und das hauseigene Wafios-Programmier-System (WPS) mit Windows-Oberfläche, machen die Rohr- und Stabbiegemaschinen der BM- und BMZ-Baureihe so attraktiv. Inzwischen hat sich auch der Preis mit der Anpassung der Maschine vom hochkomplexen Drahtbieger zum spezialisierten Rohr- und Stabbieger verändert. „Wir liegen in etwa da, wo andere Rohrbieger auch angesiedelt sind“, meint Peter K. Waiblinger. „Die Tube & wire 2002 ist für uns sehr erfolgreich verlaufen, und wir streben in diesem Jahr einen Umsatz für den Rohrbereich von etwa 5 Millionen Euro an.“

Fachpersonal für innovative Maschinen

Wer die Werkshallen des Hauptwerkes in Reutlingen besucht, dem zeigt sich, über welch hohe Fertigungstiefe Wafios verfügt. Bis auf die Gußteile werden fast alle Bauteile im eigenen Werk gefertigt. Etwa 750 Mitarbeiter arbeiten hier im Hauptwerk, davon immerhin etwa 50 Prozent in der Fertigung. „Wir wollen das Wissen der Facharbeiter nutzen“, so Peter K. Waiblinger. „Für die hochkomplexen Drahtbiege- und -wickelmaschinen kommt es auf eine Menge Erfahrung an, und ein weiterer Grund ist sicher, daß wir durch die eigenen Leute einen hohen Qualitätsstandard erreichen, und das Wissen um die Technologie im eigenen Haus verbleibt“, erklärt der Project Manager weiter. Auch die Software wird von einer etwa 25-köpfigen Software-Abteilung im eigenen Hause entwickelt. Für die Forschung und Entwicklung arbeiten etwa 120 Mitarbeiter. Und noch ein weiteres Merkmal stellt das Unternehmen hervor: der hohe Stellenwert der Ausbildung. 75 Auszubildende lernen bei Wafios ihren Beruf und die stärkste Fraktion bilden die Mechatroniker. „Heute reicht es nicht mehr aus, die Mechanik zu beherrschen. Da die Maschine erst mit der Steuerung und Elektronik eine Einheit bildet, müssen die Facharbeiter alle Komponenten der Maschinen verstehen und auch mit der Maschinensteuerung umgehen können“, so Peter K. Waiblinger.

Was auffällt, wenn man die Werkshallen betritt, sind die versierten Mitarbeiter. Wafios ist sich seiner sozialen Verpflichtung bewußt und beschäftigt auch Mitarbeiter, die „älter als 30 Jahre sind“. So feiern in diesem Jahr etwa 16 Mitarbeiter die 40jährige Firmenzugehörigkeit. Wo haben heute ältere Mitarbeiter noch so einen festen Platz? „Und gerade die erfahrenen Mitarbeiter sind doch die, die Lösungen finden wenn& pos;s knifflig wird“, so Peter K.Waiblinger beim Betriebsrundgang. Die Kunden profitieren gleichermaßen von dieser cleveren Unternehmens-Einstellung, denn neben den etwa 300 verschiedenen Standardmaschinentypen können den Kunden ganz individuell zugeschnittene Maschinen oder Werkzeuge angeboten werden, die weit über das „Normale“ hinausgehen - Erfahrung zahlt sich eben aus.

So einfach wie nötig

Die Wafios-Maschinen können eine Reihe von Besonderheiten vorweisen, sei es die Kühlung der Servomotoren, die die „Cleverle“ aus Reutlingen selbst entwickelt haben und die etwa 30 Prozent mehr Leistung bringen, die zahlreichen mechanischen Detaillösungen oder die bereits erwähnte Software WPS. Verkaufsgebietsleiter Bernd Eppler zeigt an einer BM 4, wie einfach ein 3D-Rohr - oder Stab - programmiert werden kann. So offeriert die übersichtliche Oberfläche gleich drei Auswahlmöglichkeiten, die zum Ziel führen: Die Eingabe nach X-, Y-, Z-Koordinaten, die Eingabe von Längen, Winkeln und Radien nach Kundenzeichnung oder die Übernahme von CAD-Kundendaten mittels Diskette oder über eine Schnittstelle direkt via Modem. Wenn die Daten eingegeben sind, läßt sich das Werkstück auch in einer 3D-Ansicht ansehen, und es zeigt zudem mögliche Kollisionspunkte an.

Durch diese einfach zu bedienende Steuerung wird selbst der „unbedarfte Neuling“ schnell Gefallen an der Bedienung finden. Die langjährige Zusammenarbeit mit Schleicher, Berlin, die eine Version der Wafios-CNC bauen, und der intensive Informationsaustausch haben dazu geführt, daß die Maschinen extrem schnell sind, selbst wenn es gilt, 12 Achsen schnell zu „bedienen“. Auf Wunsch können alle Maschinen mit Schnittstellen für Handhabungsgeräte, wie Greifer, Roboter et cetera der verschiedensten Fabrikate versehen werden. Des weiteren sind die Maschinen für die Ferndiagnose per Modem vorbereitet. Eine andere Besonderheit ist ein Programmpunkt, der auf ein Schmierintervall hinweist. Er ist so ausgelegt, daß der Bediener die Maschine nach Überschreitung einer gesetzten Frist von etwa acht Stunden die Maschine nicht mehr einschalten kann.

Maschinen mit „Köpfchen“

Die zwei erfolgreichen Rohrbiegemaschinen-Serien von Wafios sind die BMZ, die vorkonfektionierte Rohre mit oder ohne bearbeitete Enden vom Magazin verarbeitet - für das Magazin haben sich übrigens sehr viele Fachbesucher auf der Tube & wire interessiert -, und die Serie BM, die das von einem Haspel abgewickelte Coil-Material richtet, biegt und ablängt. Das Rohr wird beim Ablängen mit einer Abstecheinheit fast abgetrennt und kann anschließend an der so entstandenen „Sollbruchstelle“ abgeknickt werden.

Die BMZ 41 etwa kann Drähte von 2 bis 8 mm und Rohre (abhängig von der Wandstärke) von 3 bis 12 mm Durchmesser bearbeiten. Die Mindeststablänge soll 150-, die maximale Länge 1.500 mm betragen. Der größere Bruder, die BMZ 61 kann mit Drahtdurchmessern von 6 bis 13 mm und Rohrdurchmessern (abhängig von der Wandstärke) von 6 bis 24 mm operieren. Hier beträgt die Mindeststablänge etwa 200 und die maximale Stablänge 2.000 mm. Beiden Maschinen gemein ist, daß alle Teilbereiche über elektronische Servomotoren gesteuert werden. Die vorkonfektionierten Rohre werden dem Magazin mit einer gesteuerten Greifzange automatisch entnommen und zum Biegekopf positioniert. Der interessant aufgebaute Biegekopf ist sowohl für kombiniertes Rechts-Links-Biegen und die Aufnahme von Mehrradien-Werkzeugen vorgesehen. Daher sind komplette Biegevorgänge, und das Freiformbiegen in Kombination mit Standardwerkzeugen möglich. Optional ist ein seitliches Verfahren des Biegekopfes empfehlenswert, wenn Teile mit extrem kurzen Endenschenkel, auch mit bearbeiteten Enden, zu fertigen sind. Die BMZ 61 kann zudem mit einem Innendorn zum Biegen dünnwandiger Rohre ausgestattet werden. Wer sieht, wie die Maschine eine komplexe Rohrgeometrie erstellt, wird überrascht, wie wenige sich der Biegekopf bewegt, denn er kommt zum Großteil mit einer Rotationsbewegung und ohne großartige Schwenkbewegungen ums Werkstück herum aus.

Mit engagierten Mitarbeitern innovative Maschinen bauen

Sicher könnte Wafios eine Referenzliste prominenter Kunden auflisten, um Kompetenz zu demonstrieren, doch so Peter K. Waiblinger: „Wir haben mit vielen unserer Kunden Stillschweigen vereinbart, und das ist für uns bindend. Zudem kann sich jeder Kunde selbst ein Bild von der Leistungsfähigkeit der Maschinen machen.“ Die lange Firmenhistorie, der Erfolg der noch so jungen Rohrbiegesektion und die engagierten, mitdenkenden Mitarbeiter werden ihm Recht geben. Man braucht nicht unbedingt viele Worte, denn die Vorführung der Maschinen und des hauseigenen Programms WPS zeigen, wie einfach es ist, absolut reproduzierbare auch komplizierte Biegeteile zu erstellen. Und die Umrüstung auf ein anderes Werkzeug läßt sich auch innerhalb einer Viertelstunde erledigen. Speziell die Lohnfertiger, die ständig andere Rohrgeometrien bearbeiten müssen, mit teilweise kleinsten Losgrößen, werden die aufgezeigten Tugenden der BM- und BMZ-Maschinen zu schätzen wissen. Und sie profitieren direkt vom Wafios-Werkzeugbau, denn Wafios liefert auch Werkzeug-Rohlinge, die dann individuell geschliffen werden können. Wenn sich also jemand das Prädikat „Cleverle“ an die Brust heften darf, dann gehört Wafios sicher dazu.

Erschienen in Ausgabe: 05/2002