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Visionärer Praktiker

Visionärer Praktiker

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, so wird Altbundeskanzler Helmut Schmidt gerne zitiert. Dass Visionen durchaus das Zeug haben, Produktionsprozesse zu revolutionieren beziehungsweise zu ermöglichen, beweist das Beispiel „Synchropress“.

27. Februar 2006

Stellen Sie sich vor, jemand will Ihnen eine Presse verkaufen, die noch niemals gebaut wurde. Und dieser Jemand propagiert eine Technik, die sich noch nirgends bewähren konnte. In etwa so erging es 2001 dem ersten Kunden des noch jungen Unternehmens Hieger aus Rietberg/Mastholte, als er sich für die erste „Synchropress“ entschied.

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Bewaffnet mit einem Notebook, dem Volumen-Softwareprogramm „Inventor“ von Autodesk und seinem unerschütterlichen Optimismus stellte Firmengründer Johannes Hüls­horst die erst virtuell verwirklichte Synchropress-Presse dem Kunden Roll aus Idar-Oberstein vor.

„Die Möglichkeit, die Presse virtuell aus allen Blickrichtungen betrachten zu können, und sie sogar in Aktion zu sehen, ist schon sehr überzeugend“, meint Johannes Hülshorst und ergänzt: „Als ich mein ausgereiftes Konzept den Praktikern vorstellte, da merkte einer an, dass er gerne sehen würde, wie viel Stanzschrott sich gerade in der Schrottkiste im Inneren der Presse befindet. Also setzte ich ein Sichtfenster in die Verkleidung ein und zeigte das Ergebnis innerhalb weniger Sekunden aus dem Blickwinkel eines 1,80 m großen Mitteleuropäers am Computer. Damit war der Damm endgültig gebrochen.“

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Zwei Jahre vergingen bis zur Realisierung der ersten kompakten, vollelektrischen Stanzpresse - die im August 2003 ausgeliefert wurde -, und inzwischen hat der begeisterte Pionierkunde drei dieser Werkstattprobierpressen in seinem Werkzeugbau. Synchropress-Pressen stehen für ein innovatives Pressenkonzept servomotorisch angetriebener Pressen. Höchste Präzision und feinste Regulierbarkeit aufs µm und das elektronische Herantasten an die ideale Hubfrequenz für das jeweils zu fertigende Produkt zeichnen diese elektrischen Pressen aus - ob beim 100-Tonnen- oder dem inzwischen realisierten 400-Tonnen-Modell. Das Konzept von der reinen Werkzeugprobierpresse hat sich auf Kundenwunsch längst zur Produktionspresse ausgeweitet.

Reine Programmierarbeit

Jetzt - Anfang 2006 - hat Hülshorst der Unternhehmensgeschichte einen weiteren Meilenstein hinzugefügt (sie­he Kasten VITA). Aus Hieger ist ein 12-Mann/Frau-Unternehmen geworden und die engagierten Projekte werden beim Partner Kraft Maschinenbau in die Tat umgesetzt.

Derzeit steht eine 100-Tonnen-Presse mit 2,50 m freier Tischweite zwischen den Antriebsspindeln und Führungssäulen in den Kraft-Hallen. Kunde ist die Firma Jung aus Schalksmühle, die im Feinblechbereich ambitionierte Produkte fertigt, wie etwa eine Edelstahlblende aus 0,6 mm Edelstahl (für Lichtschalter und Steckdosen) mit einem bisher für unmöglich gehaltenen Ziehverhältnis im Eckenbereich. Möglich wird die Herstellung des Designteiles Dank der neuesten Entwicklung aus dem Hause Hieger, dem „elektronischen Ziehkissen“. „Durch diese Entwicklung werden viele Problemfälle zu reiner Programmierarbeit. Das Ziehkissen ermöglicht uns Bewegungsprofile, die mit herkömmlichen Pressen einfach undenkbar wären“, erläutert Johannes Hülshorst sein neustes Projekt.

Auch im Fall Jung kam der Kunde mit seinem „Problemteil“ zu Hieger und brachte auch sein Werkzeug gleich mit. Das elektronische Ziehkissen bestand seine Bewährungsprobe. Sauber und Ausschussfrei verließ Teil für Teil die Synchropress. Dazu Johannes Hülshorst: „Hier geht es unter anderem um die Achsenprogrammierung. Das elektronische Ziehkissen reagiert im ersten Schritt wie jedes Ziehkissen. Im zweiten Schritt verfügt es über eine fein steuerbare wegabhängige Blechhaltekraft. Zudem lässt sich jede denkbare Auswerferoperation programmieren. Zur Öffnungsbewegung der Presse kommt eine gesteuerte Aushebefunktion der Werkstücke, was zu einer schonenden, prozesssicheren Werkstückentnahme beiträgt.“ Betriebsleiter von Jung, Werk Schalksmühle, Frank Ehrental ist bei den Versuchen auf der Synchropress mit dabei. Wie sich diese Anlage im Betrieb bewährt, wird bbr möglicherweise noch im Sommer 2006 bei Jung direkt recherchieren.

Reiche Spielwiese

„Die Versuchung, in alle möglichen Richtungen zu entwickeln ist ob der enormen Möglich­keiten des Synchropress-Konzepts groß“, verrät Johannes Hülshorst. Daher hat er sich und seinem Entwicklerteam selbst einen strengen Entwicklungsrahmen auferlegt. „Sonst könnten wir uns leicht verzetteln.“ Zwei Marschrichtungen bestimmen die Weiterentwicklung des Synchropress-Pressenkonzeptes: Höhere Tonnagen sowie höhere Hubfrequenzen. „Dass sich unsere Pressen als Werkzeugprobierpressen bewährt haben, ist bereits bewiesen. Nun müssen wir das Konzept noch auf seine Produktionstauglichkeit hin verifizieren. Dabei steht im Vordergrund, die neuen Pressen für das harte Leben eines 16-Schicht-Betriebes in der Produktion zu rüsten. Noch haben wir hier keine Erfahrungswerte. Daher ist der Pioniergeist unserer Kunden eine unendlich wertvolle Hilfe. Ungeachtet dass wir derzeit die Prozesssicherheit aufgrund mangelnder Produktionswerte noch nicht garantieren können, setzen unsere Kunden unsere Synchropress-Pressen in ihrer Produktion ein. Jetzt wird sich beweisen müssen, wie standhaft unsere Pressen unter rauesten Alltagsbedingungen laufen.“

In zwei Versionen

Synchropress-Pressen gibt es inzwischen in zwei Grundvarianten, der Basic-Variante mit Servomotoren, die ihre Kraft über Getriebe an die Gewindespindeln weiterleiten (die den Pressenbär bewegen) und der Torque-Variante, wo Torquemotoren ihr Drehmoment direkt (ohne Getriebe) an die Spindeln weitergeben. Vorteile der neueren Torque-Variante sind die damit erreichbaren höheren Hubfrequenzen (bis dato 120 Hübe/min max.).

Die Pressen gibt es inzwischen von 1.000 kN bis 4.000 kN: „Für 2007 wollen wir sogar auf 630 Tonnen (6.300 kN) kommen und die Hubfrequenz weiter erhöhen“, so Hülshorst zu seiner Grobplanung. Das Konzept ermöglicht die niedrigen Bauhöhen der Synchropress-Pressen. Zudem benötigen sie zur Aufstellung keine Pressengrube. „Mit speziell von uns entwickelten Hubelementen mit Drehgestellen können wir jede Synchropress einfach hochbocken und auf einen Tieflader laden. Beim Kunden wird die Presse dann in umgekehrter Reihenfolge entladen, abgelassen und mittels an einem Rollbock angebrachter Deichsel einfach durch jedes Normhallentor bis zum Aufstellplatz gezogen.“

Engagement auf beiden Seiten

Ein Vorteil, den alle Hieger-Kunden zu schätzen wissen, denn die perfekte Logistik spart neben Geld viel, viel Zeit. „Eines möchte ich extra feststellen: Ohne unsere Kunden, die über eine gehörige Portion Pioniergeist verfügen, wäre diese rasante technische Entwicklung meines Pressenkonzeptes nicht möglich gewesen“, erklärt Johannes Hülshorst. Inzwischen wurden bereits 15 Pressen ausgeliefert.

Nicht zuletzt dank der engagierten Kunden ist ein Ende der Entwicklung daher auch noch nicht absehbar. Neben der gerade aufgebauten 100-Tonnen-Synchropress mit elektronischem Ziehkissen warten noch vier weitere Pressen auf ihre Endmontage. „Aus Kapazitätsgründen müssen wir uns von unserem ursprünglichen Lieferkonzept - jedem Kunden seine Maßanfertigung - verabschieden. Wir werden auf Standardisierung setzen müssen, um die rege Anfrage bewältigen zu können und exakte Liefertermine zu garantieren. In naher Zukunft wollen wir daher Serien mit zehn Pressen auflegen“, so Johannes Hülshorst. Wer Visionen hat, so beweist der engagierte Vordenker, sollte Partner für deren Realisierung gewinnen. Mit dem Partner Kraft Maschinenbau ist dies gelungen. Ein Arzt wäre den fulminanten technischen Entwicklungen sicher eher hinderlich gewesen.

VitaEin Konzept wird serientauglich

Johannes Hülshorst machte sich 1985 als freiberuflicher Ingenieur selbstständig. 1996 bis 2001 entwickelte er die Idee der „Synchropress“ im eigenen 50-Mann-Werkzeugbau weiter. 2001 verkaufte Johannes Hülshorst seinen Werkzeugbau und stürzte sich mit aller Energie in die Entwicklung seiner Synchropress-Pressen im neu gegründeten Unternehmen Hieger. Den Sondermaschinenbauer Kraft-Maschinenbau aus Rietberg/Mastholte konnte er als Partner gewinnen. In dessen Werk wurde die erste Synchropress im August 2003 dann gebaut. 2004/2005 entwickelte Johannes Hülshorst dann die erste „Torque-Variante“ seiner Presse, die im Gegensatz zur ursprünglichen Konzeption ohne Zwischengetriebe von Servomotor zur Antriebsspindel auskommt und realisierte damit Hubzahlen über 100 Hübe/min. Sowohl die Getriebe-Version (Basic, bis 60 Hübe/min) als auch die Torque-Version führt Hieger nun im Programm. Zur Idee und Realisierung eine reine Werkzeugprobierpresse zu bauen ist auf Kundenwunsch nun die Konzeption von Produktionspressen bis 400 Tonnen und 120 Hüben/min hinzugekommen. Langfristziel ist die Realisierung einer 630-Tonnen-Synchropress bis 2007. In der 400-Tonnen-Produktionspressenklasse werden derzeit erste Exemplare ausgeliefert. Das „elektronischen Ziehkissen“ von Hieger ist im Patent (Europäisches Patent Nr. 10 82 185) enthalten.

Erschienen in Ausgabe: 02/2006