Unternehmen sind wie Schiffe«, sagt Sascha Schubert, der bereits drei Unternehmen gegründet hat und sich als stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups bei den Young Tech Enterprises auf der Emo in Hannover einbrachte. »Je größer sie sind, desto stabiler folgen sie ihrem Kurs. Wollen sie diesen aber ändern, wird ihre Größe zum Nachteil. Junge Unternehmen mit weniger eingespielten Routinen sind flexibler und dynamischer.« So fordern Start-ups einerseits den Wettbewerb mit frischem Denken heraus und zwingen etablierte Akteure, sich aus ihrer Komfortzone zu lösen. Andererseits bietet die Zusammenarbeit mit Start-ups auch traditionellen Herstellern Chancen, die eigene Position im globalen Wettbewerb zu verbessern. »Arbeiten etablierte Unternehmen und Start-ups zusammen – oder um im Bild zu bleiben: Haben Tanker ein schnelles Beiboot, können sie die Vorteile der jeweils anderen Seite nutzen«, so Schubert.

»Wir übertragen Formel-1-Technik zur Bremsenergierückgewinnung auf die Produktion.«

— Marcel Werner, Mitgründer von Gerotor
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Eben dieses Ziel verfolgte die Start-up Area der Emo mit dem Gemeinschaftsstand, den Young Tech Enterprises sowie der ›VDMA Startup-Machine‹, die jungen Unternehmen aus dem Maschinenbau auch kurzfristige Messeteilnahmen ermöglichte. »Aussteller und Besucher hatten hier Zugang zu zahlreichen jungen Unternehmen. Umgekehrt hatten die Start-ups Zugriff auf mehr als 2.000 potenzielle Partner«, erklärt Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des VDW und Veranstalter der Emo. »Das machte die Emo für Industrie-Start-ups zur idealen Plattform, um sich mit etablierten Unternehmen zu vernetzen. Die Messe ermöglichte damit den direkten Austausch zwischen Gründern, Investoren, Partnern und Förderern«, sagt Schäfer.

Roboter kinderleicht programmieren

Ein Start-up, das sich aufgrund positiver Messeerfahrungen zur Teilnahme am ›Young Tech Enterprises‹-Programm entschieden hat, ist Drag and Bot aus Stuttgart. 2017 aus dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA ausgegründet, arbeiten derzeit rund 15 Mitarbeiter an einer Software zur einfachen und herstellerunabhängigen Programmierung von Industrierobotern. Mit einer intuitiven Benutzeroberfläche, die an eine Smartphone-App erinnert, will das junge Team mittelständischen Unternehmen den Einstieg in die Automatisierung mit Robotern ermöglichen. Geeignete Applikationen sind hier etwa repetitive und wenig herausfordernde Tätigkeiten wie das Be- und Entladen von Maschinen oder einfache Handling-Aufgaben, die von Mitarbeitern nur ungern erledigt werden und sich schnell amortisieren. Die Mitarbeiter werden durch den Einsatz eines Roboters entlastet und können in höherwertigen Aufgabenbereichen eingesetzt werden. So sichert der Aufbau hauseigener Kompetenz im Bereich der Robotik mittelständischen Unternehmen nicht nur Flexibilität in der Produktion, sondern ermöglicht ihnen auch, dynamisch auf Veränderungen zu reagieren und sich von externen Dienstleistern unabhängig zu machen. Auch Prozesse mit geringen Stückzahlen und hoher Variantenvielfalt können wirtschaftlich automatisiert werden.

»Wir haben aus Kundengesprächen erfahren, dass das Be- und Entladen von Maschinen wichtige Anwendungsfälle für den Maschinenbau sind und haben viele Leads aus der Metallindustrie«, berichtet Jonathan Sauter, zuständig für Business Development und Vertrieb bei Drag and Bot. »Daher war für uns schon länger klar, dass wir uns auf der Emo präsentieren sollten.« Die Entscheidung erleichtert hat das Angebot der Young Tech Enterprises, das Sauter bereits auf der Hannover Messe kennengelernt hatte: »Die Stände haben ein cooles Design und es gibt an einem Ort viel Neues auf einmal zu erleben, was sich wiederum positiv auf die Medienpräsenz auswirkt.«

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Ähnliche Gründe bewegten Gerotor aus Puchheim bei München zur Teilnahme am Gemeinschaftsstand. »Wir hatten bereits 2017 auf der Emo ausgestellt und waren mit dem Verlauf absolut zufrieden«, erklärt Marcel Werner, Mitgründer von Gerotor und heute zuständig für Business Development. Weil ein eigener Messeauftritt für das kleine Team aber eine enorme Belastung darstellte, entschied sich Gerotor diesmal für die Beteiligung an einem Gemeinschaftsstand, so Werner: »Wir haben einen tollen Stand bekommen, hatten aber weniger Aufwand und mussten uns um weniger kümmern. Für Start-ups ist das ein wichtiger Faktor.«

Auf technischer Seite läuft es derzeit rund für die Jungunternehmer, die mit der Einsparung von CO2 im Produktionsprozess ein hochaktuelles Thema auf der Emo präsentieren werden. Werner: »Wir haben Gerotor 2015 gegründet: vier alte Geschäftspartner mit jeweils zehn bis 15 Jahren Führungserfahrung im internationalen Automobil- und Zulieferergeschäft. Gemeinsam hatten wir die Idee, die Kers-Technologie, die in der Formel 1 zur Bremsenergierückgewinnung eingesetzt wird, auf die Produktion zu übertragen.« Statt elektrische Energie in Wärme umzuwandeln oder unwirtschaftlich ins Stromnetz einzuspeisen, hält nun ein innovativer Schwungmassenspeicher die Energie im DC-Zwischenkreis der Maschine und macht sie auf diese Weise nutzbar. Der Stromverbrauch kann um bis zu 60 Prozent gesenkt, der CO2-Footprint der Produktion deutlich verbessert werden.

Doch das mittlerweile auf rund 20 Mitarbeiter gewachsene Unternehmen will nicht nur zur Energieeffizienz beitragen, sondern gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Mittelständische Unternehmen, die nahe ihrer Anschlussleistung arbeiten, sollen das verbesserte Spitzenlastmanagement zur Erweiterung ihres Maschinenparks nutzen können. Stromausfälle in der Produktion werden durch den Schwungmassenspeicher überbrückt, der mit einer Speicherdauer bis 15 Sekunden typisches Netzflackern übersteht. Sogar qualitativ höherwertiger Strom soll entstehen, indem Oberwellen und Blindleistung abgefedert und die Sinuskurve des Stroms geglättet werden: »Geputzter Strom ist sozusagen ein Abfallprodukt unseres Speichers, der den Anwendern zusätzlich zugutekommt. Das alles erreichen wir mit einem rein mechanischen Aufbau ohne Chemikalien, der schon während der Herstellung und Bereitstellung grüner ist, als andere Technologien.« So soll sich die Investition auch für Kunden schnell rechnen, verspricht Werner: »Wenn ein Maschinenhersteller unser Lastmanagement und die Rekuperation direkt einplant, kann er an der eigenen Peripherie sparen. Bei einer neuen Maschine mit Downsizing der Peripheriekomponenten wäre die Amortisation dann noch früher gegeben, beim reinen Add-on des Speichers als Optionspaket von Maschinen wäre sie nach etwa drei Jahren drin.«

Derzeit erforscht und entwickelt das Start-up mit der Universität Stuttgart, dem Fraunhofer IPA und Erprobungspartnern aus der Industrie auch den Einsatz künstlicher Intelligenz. Sie soll anhand des Stromprofils das Optimum der Maschine erkennen, um Energieeffizienz auch ohne externe Steuerungsbefehle sicherzustellen. Unterschiede in den Stromprofilen gleicher Maschinen mit gleichem Produktionsprogramm könnten dann etwa Rückschlüsse auf Wartungsbedarfe geben.

Gründerwettbewerb Digitale Innovationen

Mit Spannung erwartet wurde die Preisverleihung des Gründerwettbewerbs Digitale Innovationen, die am 17. September erstmals auf der Emo stattfand. Bis 31. März 2019 waren 252 Gründungsideen eingereicht worden, die von Datenanalysen bei Mergers-and-Acquisitions-Investoren über ein automatisch gesteuertes Indoor-Gewächshaus bis zu digitalen Innovationen im Gesundheitsbereich eine beeindruckende Bandbreite aufwiesen. Sechs Ideen wurden von einer Fachjury mit Hauptpreisen ausgezeichnet. Zusätzlich zum regulären Wettbewerb war passend zur Emo erstmals auch ein Sonderpreis für Digitale Innovationen in der Produktion ausgelobt worden. Folgende Gründungsideen sind auch für Metallver- und -bearbeiter interessant:

  • Etalytics unterstützt mit seiner KI-basierenden Cloud-Software Industrieunternehmen dabei, ihr Energiemanagement nachhaltiger auszurichten und damit Energiekosten zu senken. Die Serviceplattform von Etalytics besteht aus Modulen, die frei kombinierbar sind. Sie stellen von der Datenanbindung über die Modellierung und Simulation bis zur Maßnahmenempfehlung und Optimierung alle wesentlichen Werkzeuge bereit, um das Energiemanagement und den Energieeinkauf mit Computerhilfe zu optimieren. Etalytics erhielt neben einem der Hauptpreise auch den Sonderpreis.
  • Das selbstlernende Assistenzsystem des Dresdner Start-ups Peerox hat zum Ziel, den Erfahrungsaustausch innerhalb des Maschinenbedienpersonals zu verbessern. Dazu kombiniert die Software maschinelles Lernen auf Basis von Maschinendaten mit dem gesammelten Wissen erfahrener Nutzer und Experten im Betrieb. Nach dem Learning-by-Doing-Prinzip unterstützt das System als virtueller, mitlernender Kollege die Bedienenden mit Ratschlägen im Produktionsalltag.
  • Qbound bietet eine innovative Access-Management-Lösung für den Zugriff auf Applikationen, Cloud-Services und Geräte im Internet der Dinge (IoT) an, die sicherer und benutzerfreundlicher ist als herkömmliche VPN- und Firewall-Systeme. Dabei nutzt Qbound neben Blockchain auch ein Konzept namens ›Software Defined Perimeter‹, das es ermöglicht, dass mit dem Internet verbundene Geräte und Anwendungen nicht nur besser geschützt, sondern ohne erfolgreiche Authentifizierung auch unsichtbar sind. Für IT-SystemadministratorInnen ermöglicht Qbound die einfache Überwachung, Auswertung und Anpassung von Zugriffsberechtigungen in Netzwerken. Die IT-Sicherheitssoftware ist branchenübergreifend einsetzbar und wird für KMU und Großunternehmen angeboten.
  • Sentin macht eine Bildprüfung sicherheitskritischer Bauteile oder Produkte auf Fehler per Künstlicher Intelligenz möglich. Ob eine Abweichung von der Norm noch tolerabel oder bereits als Fehler zu bewerten ist, lernt das System selbstständig auf Basis vorhandener Prüfbilder. Das System kann so den Prüfprozess automatisieren und beschleunigen oder einer menschlichen PrüferIn mehr Zeit für kritische Bilder geben, indem es eine Vorsortierung vornimmt.