VDWF bildet aus

Der VDWF startete 2013 mit acht Lehrlinge ein Pilotprojekt für Formen- und Werkzeugbauer: Auf zweiwöchentlichen Schulungen können Auszubildende Spezialkenntnisse erlangen und die betriebliche Ausbildung vertiefen. Mit Erfolg.

05. Februar 2016

„Wir müssen es schaffen, das Berufsbild des Werkzeug- und Formenbauers neu zu definieren“, erklärte VDWF-Präsident Prof. Thomas Seul im Frühjahr 2010. Vor allem die Aus- und Weiterbildung müsse am Puls der Zeit bleiben und in ihren Inhalten den rasanten technischen Fortschritt abbilden. „Das Geld wird im Werkzeug- und Formenbau mit Know-how verdient. Das ist unsere Ressource. Wir müssen sie hegen und pflegen, um wettbewerbsfähig und innovativ zu bleiben.“

Seul ist Prorektor für Forschung und Transfer an der Hochschule Schmalkalden. Fortschrittlichkeit fordert er nicht nur in den berufsbegleitenden Studiengängen, die der VDWF gemeinsam mit der HSSM ins Leben gerufen hat. Auch bei der Ausbildung der Lehrlinge im Werkzeug- und Formenbau müsse nach vorn gedacht werden. „Wenn wir konsequent und verantwortungsbewusst unsere jungen Werkzeugmacher schulen, wird unsere Branche auch in den nächsten Generationen fähige Protagonisten hervorbringen, die den Takt angeben.“

Seuls Weckruf sorgte für einen Aufbruch im Verband. Die Verantwortlichen beim VDWF krempelten die Ärmel hoch und stellten sich der Herausforderung. In mehreren Arbeitskreisen wurde innerhalb eines Jahres eine VDWF-Ausbildunginitiative ausgearbeitet. Seit dem Frühjahr 2013 wird sie umgesetzt.

Intensivunterricht beim VDWF

Damals starteten acht Lehrlinge mit dem ersten Pilot-Blockunterricht. Die Skepsis war groß: Würde das gutgehen, acht Jugendliche für zwei Wochen Tag und Nacht an einem Ort? Doch der Erfolg des Lehrgangs zerstreute alle Zweifel. Aus dem Pilotprojekt ist ein fester Bildungsweg geworden, auf dem Auszubildende Spezialkenntnisse erlangen und der die betriebliche Ausbildung und den Lehrplan der Berufsschule ergänzt.

Bis heute fanden zehn Lehrgänge für den Bereich Spritzguss statt, sechs für das zweite und vier für das dritte Lehrjahr. Ausbildungspartner des Verbands ist das Bildungs-Center Südthüringen (BCS) in Zella-Mehlis. Erweitert wurde das VDWF-Angebot dieses Jahr mit einem speziellen Programm für Auszubildende aus Betrieben, die Stanz- und Umformwerkzeuge fertigen.

Markus Bay, VDWF-Vorstand für Ausbildung, ist einer der Hauptinitiatoren der Ausbildungsinitiative. „Unsere Lehrlinge bekommen über den normalen Lehrplan nicht die nötigen theoretischen und praktischen Spezialkenntnisse der Branche vermittelt. In der Berufsschule werden die Themen häufig nur gestreift“, sagt Bay. Sowohl im Bereich Spritzguss als auch beim Stanzwerkzeugbau bestehe eine große Lücke zwischen Lerninhalten und benötigtem Wissen. „Das ist weniger eine Kritik an den Berufsschulen, als vielmehr die Problematik der momentanen Entwicklung des Berufszweigs.“

Hightech findet sich in allen Bereichen der Branche. Das riesige Spektrum des Werkzeug- und Formenbaus – von der Heißkanaltechnik bis zu Schieber- oder Entlüftungstechnologie – könne nicht in wenigen komprimierten Schulstunden umfassend vermittelt werden. „Das ist aber die Situation – und sie entspricht nicht unseren Ansprüchen in einer hochtechnischen Branche“, so Bay. „Lehrlinge müssen früh Einblicke in die Produktionsprozesse erhalten, um ein Gefühl für das große Ganze zu entwickeln.“

Auch die Ausstattung der Berufsschulen sei häufig sehr unterschiedlich, oftmals auch veraltet oder entspräche nicht mehr dem geforderten Standard. Genau hier kann das BCS punkten: Mit neuester Maschinentechnik bei der Metallbearbeitung, bei der Spritzgieß- und Messtechnik, aber auch mit dem gesamten Umfeld: Im Gästehaus gibt es Vollpension und Rund-um-die-Uhr-Betreuung für noch nicht volljährige Lehrgangsteilnehmer inklusive Rahmenprogramm.

Unternehmen freuen sich über motivierte Azubis

Das Bildungskonzept sorgt für jede Menge positive Rückmeldung aus den Unternehmen. „Die Lehrgänge sind bares Geld wert“, meint Franz Tschacha. Der Geschäftsführer bei Deckerform aus Aichach schickte bisher vier Azubis in die Lehrgänge und will künftig alle Lehrlinge beim VDWF schulen lassen.

Tschacha: „Meinen Jungs und Mädls wurden hier Inhalte nahe gebracht, die es in der Berufsschule in dieser Art nicht gibt und die wir auch im Betrieb in dieser Intensität nicht abbilden können.“ Das sind insbesondere Themen aus der Kunststoffverarbeitung oder der Werkzeugtemperierung. „Der VDWF schließt damit die Kluft zwischen Berufsschulausbildung und dem benötigten Wissen“, macht Tschacha klar. Seine Lehrlinge kamen alle mit einem kräftigen Motivationsschub zurück.

Karl-Heinz Müller, Geschäftsführer der Karl-Heinz Müller KG aus Balingen-Engstlatt, hat nicht nur den inhaltlich-fachlichen Know-how-Gewinn bei seinen Lehrlingen festgestellt: „Wenn sich acht Jungs zwei Wochen lang beim VDWF nur mit dem Werkzeug- und Formenbau beschäftigen, schweißt das zusammen. Da lernt man, wie man anständig miteinander umgeht – und das ist auch ganz im Sinne der Branche.“

Günter Hofmann, Geschäftsführer bei Hofmann Innovation aus Lichtenfels, wählt für die Lehrgänge nicht nur diejenigen seiner Azubis aus, die gute Leistungen zeigen. „Ein großer Vorteil der VDWF-Ausbildungsinitiative ist, dass die Lehrlinge auch mal rauskommen und den Blick über den Tellerrand wagen dürfen. Das zahlt sich auf die Dauer aus, denn die Azubis sind ja unsere Mitarbeiter von morgen.“ Qualifizierte und motivierte Mitarbeiter seien die Basis des Geschäftserfolgs.

Fehler machen gehört zum Konzept

Um aus Fehlern wirklich zu lernen, müssen sie möglichst realitätsnah gemacht werden dürfen. Wesentlich ist daher, dass das Kunststoffzentrum und die gesamte Werkstattausrüstung am BCS auf dem neuesten Stand der Technik sind. „Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Verbindung zwischen Werkzeug und Maschine“, sagt BCS-Geschäftsführer Horst Gerlach. „So können wir in kleinen Gruppen in praktischen Versuchen das Verständnis für Technologien, Maschinen, Verfahren und Prozesse vermitteln.“

In den beiden Lehrgangswochen ergebe sich eine positive Wettbewerbsatmosphäre innerhalb der Gruppen. Garlach: „Die jungen Berufsanfänger wollen zeigen, dass sie fit für den Werkzeug- und Formenbau sind, sie sind wissbegierig und saugen alles auf, was ihnen an den Berufsschulen nicht geboten wird.“ Nach den Lehrgängen würden die jungen Werkzeugmacher meist in Kontakt bleiben und sich fachlich austauschen. „Das erfahre ich immer wieder in Gesprächen mit Ehemaligen“, erzählt Gerlach.

Positive Rückmeldung kommt auch von den Auszubildenden selbst. „Das Highlight war für mich, den eigentlichen Spritzgießvorgang vermittelt zu bekommen und Werkzeuge in Funktion zu erleben. Das war eine tolle Erfahrung“, sagt Azubi Kai Martin von Pfletschinger+Gauch aus Plochingen. Durch die enge Verbindung zwischen Theorie und Praxis bei den VDWF-Blockseminaren habe er einen Gesamtüberblick gewonnen. „Das führt dazu, dass ich jetzt viel selbständiger arbeiten kann“, erklärt Martin.

Spannend wurde es am Ende, als im persönlichen Gespräch zwischen der Prüfungskommission und den Auszubildenden das vermittelte Wissen abgefragt und bewertet wurde. Kai Martin und seine Mitstreiter ließen sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. „Schließlich konnten wir uns auch gegenseitig gut weiterhelfen, da wir ja in unseren Betrieben aus Abteilungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten kamen. Da war auch das Prüfungsgespräch kein Problem, nachdem wir alle zusammen das Wichtigste noch mal wiederholt haben.“

 

Wer gackert, soll auch Kuchen backen

„Der Verband verdient an der Ausbildungsinitiative nichts“, erklärt Professor Seul. Es gehe einzig und allein um die Branche. „Aus diesem Grund ist das Gesamtpaket – bestehend aus Unterkunft, Verpflegung und Ausbildung – nicht nur einzigartig, sondern auch für den kleinsten Werkzeug- und Formenbau wirtschaftlich vertretbar“, so der VDWF-Präsident.

Finanzielle Gründe lässt Seul daher nicht gelten, wenn Unternehmen das Angebot der Ausbildungsinitiative nicht nutzen. Natürlich müssen die Kosten gedeckt werden. Aus diesem Grund ist es für den VDWF auch notwendig, dass eine Mindestteilnehmerzahl erreicht wird. Auf der anderen Seite deckelt der Verband die Teilnehmerzahl bei zwölf Personen pro Lehrgang, damit die Qualität nicht zu kurz kommt und Zeit für Fragen und Diskussionen bleibt.

Schlussendlich hängt die Idee der Ausbildungsinitiative aber vom Engagement der Unternehmen ab. Der VDWF hat die Möglichkeiten zur überbetrieblichen Lehrlingsausbildung geschaffen – tragen und umsetzen müssen sie aber die Unternehmen, indem sie die Lehrangebote wahrnehmen. „Gackern, dass die Azubis immer schlechter werden, tun viele“, sagt Seul, „wir haben aber die Eier gelegt und es liegt nun an den Unternehmen, einen anständigen Kuchen daraus zu backen.“