Unter Piraten

Ist Ihnen Ihr Produkt bereits als Plagiat begegnet? Häufen sich Reklamationsfälle? Fordern Ihnen unbekannte Kunden vermehrt Ersatzteile an? Vorsicht!

24. August 2006
Original und Fälschung (gekippte Karten): Die Originale kommen von Soyer (Bolzenschweißtechnik) und Flow (Wasserstrahlschneidtechnik).
Bild 1: Unter Piraten (Original und Fälschung (gekippte Karten): Die Originale kommen von Soyer (Bolzenschweißtechnik) und Flow (Wasserstrahlschneidtechnik).)

Dass der Technologietransfer immer öfter ganz eigene Wege beschreitet, kostet deutsche Unternehmen jährlich hunderte Millionen Euro. Die Dunkelziffer ist hoch. Vielfach schweigen betroffene Unternehmen aus Scham betrogen worden zu sein. Der offensive Umgang mit dem Problem - das betroffene Unternehmen wendet sich an die Öffentlichkeit und macht ihm bekannte Fälle publik - kann zudem zu Verunsicherung der Kunden führen. Ein Mitarbeiter eines Unternehmens, das Fälle von Produktpiraterie veröffentlichte, berichtet von Kundenanfragen, wie: „Habt ihr das Problem nicht im Griff?“ Daraus entsteht natürlich Erklärungsbedarf, der den Kampf gegen die Produktpiraten nicht eben einfacher macht. Dennoch steigt die Zahl von Rechtsverletzungsprozessen. Noch wandern viele Plagiate am deutschen Zoll vorbei ins Land oder werden unter dem Namen des Originalherstellers international vertrieben. Plagiate, die sich oftmals nur noch durch ihr schlecht abgekupfertes Innenleben und Fehlfunktionen vom Original unterscheiden, machen gerade kleineren und mittleren Unternehmen zunehmend zu schaffen. Die Münchener „Vereinigung zur Bekämpfung von Produktpiraterie“ (www.vbp.org) schätzt den Anteil von Plagiaten auf mittlerweile 10% des Welthandels. Jährlich werden der VBP zufolge auf diese Weise allein in Deutschland jährlich etwa 70.000 Arbeitsplätze vernichtet. Ein ernstes Problem also, das unbedingt angegangen werden muss.

Kämpfen oder sich ergeben?

Teure Anwälte, ewig dauernde Prozesse und kaum Aussicht auf Erfolg. Sich gegen Produktpiraterie zu wehren, scheint vielen kleinen Unternehmen aussichtslos. „Die Richtlinie zum Schutz geistigen Eigentums der europäischen Union, ist hier zu Lande nicht einmal beraten worden und bis zu ihrer Umsetzung in Deutschland wird sicher nicht nur die Sommerpause des Parlamentes vergehen. Viele rechnen mit ihrer Umsetzung sogar erst im Jahr 2007“, so ein Insider. Die umstrittene Richtlinie wurde bereits im April 2004, also vor der EU-Osterweiterung, beschlossen, und soll die Durchsetzung von Urheber-, Patent- oder Markenrechten verbessern. Dass China in Sachen Produktpiraterie eine tragisch tragende Rolle spielt, ist hinlänglich bekannt. Spezialisten zufolge verbergen sich auch etwa in der Tschechischen Republik oder der Türkei Fertigungsbetriebe, die Kopien im großen Stil produzieren. Und längst sind davon nicht mehr „nur“ T-Shirts und Turnschuhe betroffen.

Der bekannte Wasserstrahlschneidanlagenbauer Flow aus Bretten hat bereits im letzten Jahr auf die alarmierende Situation aufmerksam gemacht. Hier ein Auszug aus dem Schreiben, das bbr von Flow zur Verfügung gestellt wurde: „Das Unternehmen Flow ist Inhaber zahlreicher Patent- und Schutzrechte. In den letzten Jahren häufen sich jedoch die dreisten Angriffe moderner Produktpiraten Komponenten, Ersatzteile, Verfahren oder inhaltliche Aussagen für eigene Zwecke zu verwerten?… Trotz Absicherung durch Patentschutzrechte stößt man bei Recherchemaßnahmen auf Firmen, die die Originalprodukte ohne Genehmigung täuschend ähnlich kopieren. Ein Praxisbeispiel für diesen Diebstahl geistigen Eigentums ist der originalgetreue Nachbau von Ersatzteilen und Komponenten verschiedener Flow-Pumpen und -Schneideköpfe. Die Kopien sind sogar mit den Original-Teilenummern von Flow versehen; die Aussagen in den dazu gehörigen Prospekten wurden größtenteils aus den Flow-Unterlagen übernommen. Diese Unternehmen kommen aus Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, England, Polen oder auch aus der Tschechischen Republik. Ungehemmt nutzen sie das langjährig aufgebaute Markenimage von Flow und erwecken so den Eindruck eines gleichwertigen Markenproduktes.“ Das Beispiel verdeutlicht, dass inzwischen auch Hightechbauteile und selbst sicherheits­relevante Maschinenbauteile skrupellos kopiert werden - jedoch ohne den nötigen Wissenshintergrund. Viele Unternehmen aus der Investitionsgüterindustrie sind inzwischen von Produktpiraterie direkt betroffen. Vielleicht auch Ihr Unternehmen?

Auch die Firma Soyer Bolzenschweißgeräte, Wörthsee-Etterschlag, hat bereits Erfahrung mit Plagiaten gemacht: „Dass einige Chinesen unsere Maschinen kopieren und sogar mit der original Soyer-Aufschrift versehen, ist einerseits ärgerlich, doch andererseits zeigt es auch, dass die Chinesen von unserer Qualität überzeugt sind. Die kopieren nur das Beste“, so Oliver Pohlus. „Dennoch ist es uns auf einer Messe in China passiert, dass wir auf Fehlfunktionen angeblicher Soyer-Geräte oder die schlechte Qualität angeblicher Soyer-Bolzen angesprochen wurden. Die brachten sogar Plastiktüten mit unserem Namenszug mit, und nur durch eine Materialanalyse gelang es uns, die Plagiate zu enttarnen.“

Kopien kosten Geld und Renommee

Dass es einen erheblichen Unterschied ausmacht, ob man mit dem Original schweißt oder dem optisch perfekten, mechanisch aber mangelhaften Plagiat, zeigt Oliver Pohlus zufolge nicht nur die mangelhafte Schweißqualität der Kopien: „Nicht nur schiefe und schlecht verschweißte Bolzen, sondern zudem höhere Preise für die Schweißgerät-Plagiate nahmen die Käufer in China in Kauf. Dem kommen Sie nur auf die Spur, wenn Sie im jeweiligen Land auch präsent sind. So konnten wir schon so manchen davon überzeugen, die günstigeren und vor allem technisch einwandfreien Originalschweißgeräte ›Made in Germany‹ zu kaufen“, so Oliver Pohlus zu bbr. Neben dem möglichen Umsatzverlust droht den betroffenen Unternehmen oft ein Imageschaden. Durch Produktpiraten getäuschte Kunden glauben oftmals ein „Original“ zu besitzen, und sind von der schlechten Qualität enttäuscht.

Zur Abwehr bitte!

Einen probaten Weg zur Abwehr von Produktpiraten verriet uns Dr. Marcus von Welser, Rechtsanwalt aus München und Fachmann in Sachen Produktpiraterie: „Wichtig für alle Unternehmen ist, dass sie ihre Produkte zunächst zur Anmeldung von Schutzrechten bringen. Der Besitz von Patent-, Urheber- oder Markenrecht ist Grundvoraussetzung sowohl für ein Tätigwerden der Strafverfolgungsbehörden (Polizei, Staatsanwaltschaft) als auch für die Grenzbeschlagnahme durch die Zollbehörden.“ Wer also den Verdacht hat bzw. bereits ein Plagiat seines Produktes in Deutschland gesehen hat, der kann sich unter www.grenzbeschlagnahme.de direkt an den deutschen Zoll wenden. Auf genannter Internetseite, gleich unter dem Zoll-Logo, oben links, befindet sich der Button »Marken- und Produktpiraterie«. Klicken Sie hierauf, kommen Sie auf direktem Wege nicht nur zu allen relevanten Informationen, sondern Sie können hier zudem direkt einen Antrag auf Grenzbeschlagnahme stellen. „Die Zollbehörden können in der Regel nämlich erst einschreiten, wenn ein Antrag des Rechtsinhabers vorliegt“, so Dr. von Welser. Und die Maßnahmen der Zollbeamten beschränken sich nicht nur auf die Grenzen: „Wenn der Antrag gestellt ist und der Antragsteller ein solches Plagiat beispielsweise auf einer Fachmesse entdeckt, kann er den Zoll direkt einschalten und der wird dann den Stand des Produktpiraten erst einmal stilllegen. Für die Rechtsinhaber von Patent-, Urheber- oder Markenrecht sind die Tätigkeiten der Strafverfolgungsbehörden (Polizei, Staatsanwaltschaft) und der Zollbehörden grundsätzlich kostenfrei“, so Dr. Welser.

Das Projekt Tekno-Pro

Auch das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT in Aachen (www.ipt.fraunhofer.de) hat das Thema inzwischen aufgegriffen und das Konsortialprojekt „Tekno-Pro - Gemeinsam gegen Produktpiraterie“ ins Leben gerufen. Das IPT sucht nun sechs bis acht Industrieunternehmen für ein branchenübergreifendes Konsortium, das gemeinsam neue Wege im Kampf gegen den Know-how-Diebstahl gehen möchte.

Das Fraunhofer IPT setzt hier besonders auf alternative Schutzmechanismen wie technologische und strategische Imitationsbarrieren.

BackgroundHier gibts Rat und Hilfe

Die Internetadressen der Redaktion zum Thema Produkt­piraterie:

- Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und ­Markenpiraterie (APM e.?V.)

www.markenpiraterie-apm.de

- Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen ­Wirtschaft e.?V.

www.auma.de

- Bundesverband der Deutschen Industrie e.?V.

www.bdi-online.de

- Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT

www.ipt.fraunhofer.de

- Professor Rido Busse

www.plagiarius.com

- Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.?V.

VDMA, www.vdma.org

- „Vereinigung zur Bekämpfung von Produktpiraterie“

www.vbp.org

- Verein freier Ersatzteilmarkt e.?V. (VREI), Arbeitskreis Produkt- und Markenpiraterie

www.vrei.de

- Zoll/Bundesministerium der Finanzen

www.grenzbeschlagnahme.de

Erschienen in Ausgabe: 08/2006