Turnaround mit dem Rotationsprinzip

So schaffte Behrens das Comeback

Den Turnaround geschafft hat eine ehemalige Aktiengesellschaft aus Niedersachsen. Der bekannte Maschinenbauer Behrens stand vor vier Jahren vor dem Konkurs. Das Überlebensrezept: Abschied vom Maschinenbau und Konzentration auf alte Stärken. Eine wichtige Rolle spielten beim Comeback Stanz- und Schneidwerkzeuge.

06. März 2002

Da Produkt- und Dienstleistungsangebot der C. Behrens Werkzeugbau und Service GmbH aus Alfeld/Leine (bei Hannover) klingt auf den ersten Blick verwirrend: Die Dienstleistungen reichen vom Vertrieb und Service für die Laserschneidanlage „Stiefelmayer linear“ bis hin zum Retrofitting von Maschinen der ehemaligen Behrens AG. Zu den Produkten aus dem eigenen Formen- und Werkzeugbau zählen unter anderem Schuhformen, säulengeführte Stanz-, Schnitt- und Umformwerkzeuge, sowie Rotationsschneidanlagen und Sondermaschinen, insbesondere Hubstanzen.

Wie sich hier die Produkte zum Stanzen und Schneiden von Feinblechen einordnen, erläutert Fertigungsleiter Jürgen Starosta: „Die Stanz- und Schnittwerkzeuge bieten wir integriert in unsere Kernkompetenz „Stanzen und Schneiden“ als passende Ergänzung zu den anderen Dienstleistungen und Produkten an. Selbst die Zielgruppe im Schuhformenbau partizipiert von unserem Know-how, indem unsere Stanzmesser Anwendung beim Zuschneiden des Obermaterial von Schuhen finden. Zusätzlich bieten wir Lösungen an, die über das Angebot des Wettbewerbs hinaus geht.“

Auf dem Markt dominieren konventionelle Lösungen: So stehen wenigen Anbietern für Rotationslösungen eine Vielzahl von Lieferanten für konventionelles Hubstanzen gegenüber. Nach der Einschätzung der Fertigungsleiter ist Behrens unter den Firmen mit rotativen Lösungen das Unternehmen mit dem breitesten Anwendungsspektrum: „Wir bieten sowohl die Lösung des sogenannten & pos;Quetschschnittverfahrens& pos; sowie die Möglichkeit der Bearbeitung mit Stempel und Matrize. Die Entscheidung, wann welches Verfahren zum Einsatz kommt, hängt weitestgehend vom zu verarbeitenden Material und den vor- oder nachfolgenden Prozessen ab.“

Ein Wettrennen gibt es bei den Systemen zum Schneiden von Blechen mit einer Dicke von maximal drei bis vier Millimetern. Einige Anbieter bieten alternativ zum Hubstanzen das Rotationsschneiden an. Starosta: „Auch wir gehören zu dieser Minderheit. Bei diesen Applikationen muß sehr genau der Anwendungsfall untersucht werden. Prinzipiell erhöht sich die Effizienz einer Rotationsschneidanlage mit der Erhöhung der Stückzahl. Bei einer Gegenüberstellung der Investitionskosten zeigt sich im Vergleich zu einer konventionellen Presse ein Einsparungspotenzial von bis zu 50 Prozent.“ Wegen des fortlaufenden Prozesses des Rotationsschneidens eignen sich laut Behrens insbesondere Fertigungsverfahren mit wenig Rüstprozessen und Großserieneinsätze mit Stückzahlen von mehr als einen Million Teilen.

Hubstanzanlagen entstehen meist in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden. Mittlerweile verfügt Behrens über viel Standard-Know-how, das dem einzelnen Einsatz individuell angepaßt werden kann. Weil das Material in der Regel manuell zugeführt wird, fallen die Losgrößen geringer als beim Rotationsschneiden aus. Der Vorteil säulengeführter Werkzeuge in Verbindung mit speziell angepaßter Stanzhydraulik oder -pneumatik: Der Hub läßt sich variabel einstellen. Außerdem erlaubt das Hubstanzen die Bearbeitung wesentlich größerer und komplexerer Bauteilgeometrien.

Die Pluspunkte des Rotationsverfahrens erläutert Starosta: „Zum einen ist es sicherlich die taktfreie Fertigung. Der fließende Produktionsprozeß wird im Prinzip nur kurzzeitig am Anfang unterbrochen durch das Aufnehmen der Coils und am Schluß durch den Weitertransport des geschnittenen Materials zu nachgeordneten Arbeitsstationen. Ansonsten handelt es sich um ein geschlossenes Modul, innerhalb dessen folgende Arbeitsschritte ablaufen können: Stanzen, Schneiden, Prägen und leichtes Umformen. Das Rotationsverfahren arbeitet also äußerst flexibel.“

Die weiteren Vorteile: Die Rotationsschneidanlagen bieten deutlich reduzierte Schnittkräfte und hohe Verarbeitungsgeschwindigkeiten von weit mehr als 100 Metern pro Minute. Trotz der hohen Leistung arbeiten sie wesentlich leiser als konventionelle Anlagen. Es handelt sich also um einen wesentlich Beitrag zur Verbesserung des Arbeitsklimas.

Rotationsanlagen lassen sich außerdem mit anderen Umformverfahren kombinieren. Leerhübe und Maschinenstillstandszeiten sinken erheblich oder entfallen sogar komplett. Materialien aller Art schneiden Rotationsanlagen: Neben Stahl und verzinkten Blechen lassen sich laut Behrens auch Kunststoffe, Papier und Pappe, Leder, Folien NE-Metalle und Ausgangsstoffe der Lebensmittelindustrie damit sehr gut verarbeiten. Ein weiteren Aspekt nennt der Leiter der Fertigung: „Als taktfreie Anlage kann sie außerdem auch völlig autark zum Einsatz kommen. Das hängt davon ab, was der Kunde plant: Ob er also Bauteile zum Beispiel weiterverarbeiten oder & pos;nur& pos; veredeln will.“

Das niedersächsische Unternehmen besitzt eine lange Tradition als Hersteller von Stanz- und Schneidanlagen. Das spezifisches Know-how besteht in der Ausführung der Rotationsschneidanlagen: Sie zeichnet aus, daß sie über wenig Konzeptionsbauteile verfügen. Dazu zählen in erster Linie die Flanschklappen und Walzen. Die Oberwalze dient als Werkzeugträger und die Unterwalze als Gegenstück, also als Matrize oder Werkstückauflage für das Stanzen oder Prägen. Starosta: „Unsere Angebotspalette reicht von der einzelnen Schneidwalze, Schnitt- und Prägesegmenten, dem Aggregat bis hin zu kompletten Bearbeitungssystemen mit Automatisierungskomponenten. Ein Reparatur- und Nachschleif-Service runden unsere Dienstleistung ab. Wir können ohne großen Konstruktionsaufwand aus dem Baukasten Anlagen unterschiedlichster Größen und Konfigurationen zusammenstellen. Dazu zählen auch der ein- oder mehrspurige Aufbau.“

Die wirtschaftliche Fertigung steht und fällt mit den Rüst- und Nebenzeiten. Zum Verkürzen derartiger unproduktiver Zeiten setzt Behrens bei den Schnittsegmenten auf Schalenbauweise. Dabei handelt es sich um einzelne Segmente, die auf der Walze angebracht sind. Die Aufteilung der Segmente hängt stark von der Geometrie des zu fertigenden Teils ab. Bei größeren Bauteilen entspricht oft ein Einsatzfall einer Schale. Kleinere Produktionsteile werden in Gruppen zusammengefaßt.

Diese Bauweise erlaubt es, die Schnittsegmente bei Verschleiß ohne Ausbau der Walze auszutauschen. Nur durch Lösen von Schrauben und Entfernen von Stiften lassen sich Schnittsegmente innerhalb weniger Minuten auswechseln. Segmentbauweise ermöglicht auch die Herstellung unterschiedlicher Konturen auf einem Rotationsaggregat nur durch einfachen Wechsel der Einzelsegmente.

An seine Grenzen stößt das Rotationsverfahren bei beidseitig klebenden Materialien. Doch auch fanden die pfiffigen Experten aus Alfeld eine Lösung (siehe Interview). Doch das gehört sich wohl bei einem ordentlichen Turnaround nach dem Rotationsprinzip.

Erschienen in Ausgabe: 06/2001