Technik für den Praktiker

Alltagstaugliches Winkel-Meßsystem findet in die Betriebe

Daß pfiffige Lösungen gefragter denn je sind, haben viele Unternehmen längst erkannt. Doch viele Lösungen müssen erst einmal die Feuertaufe bestehen, und das bedeutet, daß sie in der Praxis auch angewandt werden. Speziell im Sektor Biegen gibt es der Lösungen viele, aber wie alltagstauglich sind sie wirklich? Und damit stellt sich gleich die Frage, ob es wirklich immer kompliziert und damit teuer sein muß?

28. Juli 2003

Um die Eingangsfrage zu beantworten, es darf auch „einfach“ sein. Gerald Koch, Prokurist Entwicklungs- und Konstruktionsleiter bei EHT in Teningen, weiß aus eigener Erfahrung, wie gut praxisnahe Lösungen draußen beim Kunden angenommen werden. Als EHT auf der letztjährigen Euroblech seine neue Generation „Easyform“-Winkelmeßeinrichtung für Gesenkbiegepressen vorstellte, zeigte das Unternehmen, daß es versteht, worum es den Anwendern draußen in den Betrieben geht. „Uns war wichtig ein System zu entwickeln, das auch tatsächlich in der Praxis eingesetzt wird. Das heißt zum einen ohne langwierige Einstellarbeiten und zum anderen einfach in der Anwendung“, meint Gerald Koch, denn er weiß, wie es oft in den Betrieben aussieht und daß viele Systeme zwar dem Chef gefallen aber dann an der Maschine vom Bediener listenreich umgangen werden, weil sie die Arbeit nicht unbedingt einfacher machen.

Ergänzend fügt er hinzu: „Das Easyform ist das zur Zeit mit Abstand anwenderfreundlichste Winkelmeßsystem auf dem Markt. Denn es kann ohne spezielle Programmierkenntnisse eingesetzt und somit auch von weniger geübten Bedienern genutzt werden.“

Den Nerv des Kunden getroffen

Daß dieses Meßsystem auch beim Bediener an der Maschine Anklang finden dürfte, hat EHT sicher mit „Easyform“ erreicht. Doch noch ein weiterer Vorteil verbindet sich mit diesem System, es funktioniert berührungslos, keine Mechanik die verschmutzen oder abbrechen könnte. „Unser System hat nicht nur bei Kunden großes Interesse geweckt“, meint der Entwicklungs- und Konstruktionsleiter selbstbewußt, denn er weiß, daß EHT mit seinen zur letzten Euroblech vorgestellten Innovationen unter anderem auch „MVX (Matrizenverschiebung durch Hinteranschlag)“ und „ISA (Intelligentes Sensor Anschlagsystem)“den Nerv des Kunden getroffen hat. Das belegt sicher auch die steil nach oben führende Verkaufskurve direkt nach der Messe.

Und hier sieht man eindrucksvoll, daß die über 50jährige Erfahrung in der Umformtechnik sich eben doch auszahlt. Daß dieses Meßsystem einfach nachgerüstet werden und durch seine Konzeption als werkzeugunabhängige Einheit auch bei vielen Werkzeuggeometrien, Sonderwerkzeugen und mit beliebig gestalteten Oberwerkzeugen eingesetzt werden kann, zeigt einmal mehr, wie sehr sich die Fachleute aus Teningen in der Praxis umgesehen haben. Mit diesem System haben sie auch nicht unbedingt nur ihre eigenen Gesenkbiegepressen, wie die Multipress-Baureihe oder die Profipress-Baureihe im Blick, jede Gesenkbiegepresse, die die Systemvoraussetzungen erfüllt, könnte so nachgerüstet werden.

Die Anwendung bestimmt das Meßsystem

„Mit diesem Meßsystem haben wir ein flexibel einsetzbares, hochpräzises und leistungsfähiges Gerät auf den Markt gebracht“, erläutert Gerald Koch. Das Optimieren von Kantungen bei der gleichzeitigen Vermeidung von aufwendigen Einstellungen und die Reduzierung beziehungsweise gänzliche Vermeidung von Ausschußteilen, waren das gesteckte Ziel bei der Entwicklung des Easyform-Winkelmeßsystems. „Unterschiede in der Materialart und Festigkeit, der Walzrichtung und den Blechdickentoleranzen sowie dem Randzoneneinfluß, all das hat einen Einfluß auf das Biegeergebnis“, meint der Entwicklungs-und Konstruktionsleiter und meint damit den erforderlichen Y-Weg des Stößels als auch die Rückfederung, die maßgeblichen Einfluß auf das Biegeergebnis haben.

Messen mit System

Das Easyform-Winkelmeßsystem besteht aus mindestens zwei Laser-Meßgeräten, die auf Schienen frei über die gesamte Arbeitslänge positionierbar sind. Das hintere Gerät ist absenkbar, um bei bestimmten Biegeoperationen nicht im Wege zu stehen. Mittels der zwei Laser-Meßstrahlen werden gleichzeitig beide Biegeschenkel gemessen und Easyform garantiert daher auch bei unsymmetrischem Einzugsverhalten ein optimales Biegeergebnis. Die Meßeinheit, die mit einer DNC-Steuerung verbunden ist, mißt also ständig den aktuellen Biegewinkel und der Stößel der Gesenkbiegepresse fährt solange tiefer, bis der gewünschte Biegewinkel erreicht wird. Notwendige Korrekturen erfolgen „In-Prozess“ und daher wird ein Anhalten oder Unterbrechen des Biegevorganges gar nicht erst nötig. Zudem wird die Rückfederung wiederum „In-Prozess“ aktiv gemessen und kann in einer interaktiven Datenbank hinterlegt werden.

Der Meßbereich von Easyform ist variabel von 30 bis 60 Grad. Die Wiederholgenauigkeit wird von EHT mit typisch ± 0,3 Grad angegeben. Es lassen sich damit Blechdicken zwischen 0,5 mm und 20 mm messen. Die Schnittstelle zur Maschinensteuerung ist die altbekannte RS 232. Als Werkzeugvoraussetzung nennt EHT wahlweise Stegmatrizen oder Matrizeneinsatz, wobei das Oberwerkzeug beliebig ist.

Da Messen und Korrigieren mit Easyform Online erfolgen, kommt es fast zu keinem Zeitverlust. Auch können mehrere Geräte kombiniert werden, um beispielsweise über lange Biegelängen ein optimales Biegeergebnis zu garantieren. Und wer den Verdacht hegen sollte, daß die Laser-Meßstrahlen aufgrund von Lichteinflüssen, hellen oder dunklen Materialoberflächen der Meßelektronik falsche Daten liefern können, dem sei versichert, daß man bei EHT auch diese möglichen Probleme in die Konstruktion mit einfließen ließ. „Die genannten Einflußfaktoren spielen nahezu keine Rolle. Um das zu erreichen war sehr viel Entwicklungsarbeit nötig“, meint Gerald Koch.

Breites Produktspektrum

Daß EHT zur Theisen GmbH Gasreinigungsanlagen in München gehört wird einem beim Betriebsrundgang klar. „Hier wird gerade ein Theisen-Desintegrator für die Gasreinigung generalüberholt“, erzählt Gerald Koch, als wir an dem etwa zwei Meter im Durchmesser messenden Rotor eines Desintegrators vorbeikommen.

Doch das Hauptprogramm bestimmen die Blechbearbeitungsmaschinen. So stehen in der Montagehalle eine Vielzahl an vormontierten Gesenkbiegepressen. „Wir fertigen unsere Multipress- oder Profipress-Abkantpressen bis zu einem gewissen Grade vor. Erteilt uns ein Kunde einen konkreten Auftrag, dann können wir die Maschine nach Kundenwunsch aufrüsten und den Auftrag in kurzer Zeit bearbeiten“, erklärt Gerald Koch. Je nach Maschinentype, Baugröße und Ausstattung liegen die Lieferzeiten für Serienmaschinen heute bei etwa 6-12 Wochen vom Auftrag bis zur Auslieferung. Kundenspezifische Sondermaschinen wie etwa Großpressen haben selbstredend längere Lieferzeiten.

Doch nicht nur die kleinen und auch riesigen Gesenkbiegepressen werden hier montiert, viele Bauteile, wie etwa die Hydraulikzylinder, Maschinenrahmen und vieles mehr, werden in der mechanischen Fertigung selbst gefertigt. Dazu stehen große Bearbeitungszentren zur Verfügung, die die Bauteile in einer Aufspannung bearbeiten können. „Das kommt der Präzision zu Gute“, meint Gerald Koch. Zudem kann die mechanische Fertigung freie Kapazitäten auch durch die Annahme von Fremdaufträgen anderer Unternehmen nutzen, die ihre Bauteile und Baugruppen bei EHT in fachgerechten Händen wissen.

Doch nicht nur mit den Gesenkbiegepressen kann EHT Erfolge verbuchen, das Teninger Unternehmen stellt auch Schwenkbiegemaschinen, Biegezentren, Biegewerkzeuge sowie Tafelscheren der Baureihen TSS und Multicut, Winkelscheren (Opticut), Handling-Anlagen zum Heben, Senken, Fördern, Stapeln, Drehen und Wenden und auch die Barcode-Prozeßsteuerung her, die das Unternehmen zusammen mit Kunden entwickelt hat, um den Grad der Automatisierung in den Betrieben weiter vorantreiben zu können.

Durch diese breite Produktpalette kann EHT seinen Kunden Komplettlösungen bieten, in deren Mittelpunkten das flexible Biegen und Schneiden stehen. Durch ein teil- oder vollautomatisiertes Materialhandling kann EHT fast alles realisieren, was ein flexibler Blechbearbeitungsbetrieb heute für seine Produktion benötigt.

Umfassende Lösungen für die Blechbearbeitung

Doch nicht nur die „Hardware“ muß stimmen. Dienstleistungen sind gefragter denn je. Mit einem großzügigen Vorführzentrum schafft EHT an seinem Teninger Standort die direkte Verbindung mit seinen Kunden. Hier können die Kunden nicht nur die Anlagen in Augenschein nehmen, sondern auch ihre Problemteile vorbeibringen und sich Lösungen austüfteln lassen. Dazu stehen mehrere Mitarbeiter zur Verfügung, die die Herstellung der oft komplizierten Blechteile hier simulieren, und die nötigen Werkzeuge und Modifikationen konzipieren können.

Übrigens wird in der Produktentwicklung mit dem 3D-CAD-Programm „Solid Edge“ konstruiert. „Wir haben das Programm im Januar 2002 installiert. Das Ergebnis kann sich bislang durchaus sehen lassen“, meint Gerald Koch zum Abschluß, als er das Konstruktionsbüro vorstellt. „Lassen Sie mich hier noch folgendes anmerken: Grundvoraussetzung für die jüngsten Produkterfolge waren und sind nicht nur unsere Nähe zum Kunden, sondern auch unser hochmotiviertes Entwicklerteam, das Erfahrung, Kreativität und Engagement in idealer Weise vereint.“

Erschienen in Ausgabe: 05/2003