Take it IISI

Stahltagung: Der Club der Milliardäre tagte in Berlin. BBR fuhr hin und notierte, wie die westliche Stahlindustrie fernöstlichem Dumping mit cleveren Stahlideen Paroli bieten will.

27. November 2007

Bei der 41. Jahreskonferenz des Verbandes ›International Iron and Steel Institute (IISI)‹ ging es in erster Linie um Geld und Politik. Doch die Technik kam in der Bundeshauptstadt nicht zu kurz, die aber mit der Wirtschaft viel zu tun hat.

Der Hintergrund

Das größte Wachstum erwartet das Institut in China: Die Stahlverwendung steigt nach IISI-Prognosen 2007 und 2008 um jeweils über elf Prozent. Etwa jede dritte Tonne (35 Prozent der Weltstahlverwendung) kauft das boomende Land bereits und jede dritte produzierte Tonne Rohstahl entsteht dort bereits. Es könnte sich also um eine durchaus ausgewogene Situation handeln. Doch wegen des enormen Preisverfalls weicht China in andere Regionen aus: Laut Wirtschaftsvereinigung Stahl exportiert China im Jahr 2007 bereits zehn Millionen Tonnen Stahl in die EU ? doppelt so viel wie im Vorjahr. Die Preise würden dabei sogar noch unter den Herstellkosten der staatlich subventionierten Unternehmen liegen. Die beiden deutschen Stahlkonzerne ThyssenKrupp und Salzgitter unterstützen daher eine Beschwerde des europäischen Stahlverbandes Eurofer bei der EU. Experten rechnen in Kürze mit Schutzzöllen oder Mengenbeschränkungen. Herrscht nun Panik in den Chefetagen? Nein, denn die wichtigsten westlichen Konzerne haben ihre Stahlhausaufgaben gemacht. Das gemeinsame Rezept lautet: Premiumleistungen kontra Dumping.

Beispiel eins

Auf Ganzheitlichkeit setzt die ThyssenKrupp Steel AG aus Duisburg. Vorstandsvorsitzender Dr. Karl-Ulrich Köhler nannte hier die Übernahme der Umformtechnik-Gruppe aus dem ehemaligen Konzernsegment Automotive, das mit 8.000 Mitarbeitern Pressteile und Zusammenbauten für Karosserie und Fahrwerk fertigt. »Mit der Übernahme ist ThyssenKrupp Steel der einzige Stahlproduzent, der die Entwicklungs- und Fertigungsstufen vom Werkstoff bis zum fertigen Bauteil vollständig abdecken kann«, freute sich Dr. Köhler. Dabei zählt der Stahlkonzern zu den Schrittmachern neuer Fertigungstechnik. Es dreht sich damit beispielsweise um Hohlprofile (firmenintern: Thyssen Tailored Tubes), die der Konzern in drei Generationen weiterentwickelt hat. Die dritte Generation (Bezeichnung T3) beschreibt Teile, deren Querschnitt über die Bauteillänge nichtlinear wechseln kann. Dabei können dank der Integra­tion von Nebenformelementen auch fertige Bauteilen entstehen. Ihre bauteilnahe, funktions- und belastungsorientierte Gestalt erhalten die Profile bei ThyssenKrupp Steel in Duisburg in einer nach Firmenangaben weltweit einmaligen T3-Profilieranlage (siehe Serie Technik, S. 58 f.), in der sie aus Formplatinen eingeformt und lasergeschweißt werden. Das von ThyssenKrupp Steel entwickelte Verfahren gilt als wirtschaftliche Alternative zum IHU-Prozess, in dem rohrförmige Halbzeuge üblicherweise ihre endgültige Bauteilform erhalten.

Beispiel zwei

32 Millionen Jahrestonnen Spezialstähle (fast 30 Prozent der Gesamtproduktion) produziert derzeit bereits der weltweit größte Stahlkonzern ArcelorMittal (nach eigenen Angaben mit einer Jahresproduktion von über acht Millionen Tonnen der zweitgrößte Stahlhersteller Deutschlands). Deutschland sieht Konzernchef Lakshmi Mittal als Brückenkopf für den europäischen Markt: Das Bremer Werk erhält einen neuen Hochofen und die Jahreskapazität soll auf vier Millionen Tonnen hochgefahren werden. Bremen soll neue Spezialstähle für Rohre (im Fokus: für den expandierenden Pipeline-Markt) entwickeln und herstellen.

Beispiel drei

Am Pipeline-Markt verdient bereits sehr kräftig die Salzgitter AG (SZAG), die nun in die Entwicklung hochwertiger Produkte 1,4 Milliarden Euro investiert. SZAG-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Leese hat daher auch keine Angst vor Dumping, denn die Konkurrenz bei anspruchsvollen Stahlsorten sei gering. »Stahlsorten lassen sich nicht ohne Weiteres eins zu eins austauschen«, erklärte Leese, »Pressen reagieren nun mal sehr sensibel auf den Wechsel einer Stahlsorte.« In dieser Hinsicht hat sich viel getan bei Salzgitter: In Peine entsteht beispielsweise eine Pilotproduktionsanlage für eine neue Form der Walzstahlerzeugung (Belt Strip Techno­logy), mit der sich hochmanganhaltige Stähle produzieren lassen. Die sogenannten HSID (High Strength and Ductility)-Stähle, die mit Corus entwickelt wurden, zeichnen sich durch hohe Festigkeit bei gleichzeitig hoher Umformbarkeit aus. Ab Ende 2009 soll die Anlage HSD-Stähle herstellen. Die Nachfrage in der Automobilindustrie ist hoch: Prof. Dr. rer. nat. Martin Winterkorn, Vorsitzender des Vorstands der Volkswagen AG, bezeichnete den Trend zu Stählen in Berlin sogar als den Königsweg, vermisst allerdings bei den manganhaltigen Werkstoffen noch die geeigneten Fügetechniken.

Scalight-Projekt

SZAG kann derartige Fragen auch im Rahmen des Karosseriekonzeptes mit der Wilhelm Karmann GmbH klären: Das auf der IAA vorgestellte Projekt Scalight steht für eine skalierbare Karosseriearchitektur für unterschiedlichste Fahrzeuge, die mit geringem Aufwand einen hohen Synergieanteil bei Bauteilen und in der Produktion ermöglichen soll. Als Basis dienen bisher vor allem Dual- und Mehrphasenstähle, die sich bei hoher Festigkeit gut verformen lassen. Laut Aussagen aus dem Salzgitter-Konzern soll das Projekt Scalight unabhängig von anderen Entwicklungen bei Karmann auf jeden Fall weitergeführt werden.

Stahlintelligenz

Doch auch die Forschung schläft nicht. So arbeitet das renommierte Max-Planck-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf (MPIE), ein gemeinsames Forschungsinstitut des Stahlinstitutes VDEh und der Max-Planck-Gesellschaft, an dem ›intelligenten Stahl für das Auto von morgen‹. Es geht um TWIP. Die vier Buchstaben stehen für den Superstahl ›Twinning Induced Plasticity‹, den Prof. Dr.-Ing. Georg Frommeyer erfand. Dem manganhaltigen Stahl verleihen feine und gleichmäßige Körnchen (Kristallite) Superplastizität. Der Leichtbaustahl ist so dehnbar wie Gummi: Bilder aus aktuellen Forschungsberichten zeigen ein TWIP-Werkstück, das sich ohne Bruch um 850 Prozent dehnen ließ. Die Bruchdehnungsgrenze lag übrigens bei 1.025 Prozent. Die Arbeitsweise beim Einsatz als Karosseriestahl: Beim Aufprall aktiviert er seine Dehnungsreserve und startet mit dem Verformen. Es folgt das Verfestigen und Weiterleiten der Energie. Auf diese Weise verteilt sich die Crashenergie peu a peu auf das gesamte Werkstück und verformt es schonend.

Superstahl

Die Zukunft des Superstahls befindet sich nun in weiblicher Hand: Auf dem Weltstahlkongress kündigte Prof. Dr. Anke Rita Pyzalla, mit 39 Jahren die erste weibliche und zugleich jüngste MPIE-Direktorin, an: »Der TWIP-Stahl kann in wenigen Jahren zum Einsatz kommen.« Der wissenschaftliche Hintergrund der neuen Direktorin, einem ›Kind des Ruhrgebietes‹, lässt hoffen, dass sich diese Prognose erfüllt: Die Professorin befasste sich nämlich vorher als Leiterin des Lehrstuhls für Fügetechnik und Bauteilprüfung an der TU Wien unter anderem mit Mikrostrukturen von Stählen. Wenn es dann ans stählerne ›Eingemachte‹ geht, reist sie mit ihrer Arbeitsgruppe (die sie von der TU Wien mitbrachte) schon mal zum Forschungsreaktor in Hamburg, um dort Spannung in Bauteilen unter Neutronen-beschuss zu analysieren. _

Nikolaus Fecht

BackgroundWeltstahlverband unter koreanischer Führung

Der Vorstand des Verbandes ›International Iron and Steel Institute (IISI)‹ wählte am achten Oktober auf seiner 41. Jahreskonferenz in Berlin als neuen Vorsitzenden Ku-Taek Lee (Chairman und CEO des koreanischen Stahlkonzerns Posco). Als seine Stellvertreter sitzen nun im Vorstand: John Surma (Chairman, CEO bei der United States Steel Corporation), Lakshmi Mittal (ArcelorMittal-Präsident, Indien) und Dr. Paola Rocco (Techint-Präsident, Argentinien). Das heißt: Die Hälfte des IISI-Vorstandes stammt aus Asien. Die deutliche asiatische Präsenz im Verband spiegelt auch die Markttrends wider: Die boomende Wirtschaft in China und Indien kurbelt den weltweiten Stahlkonsum an. Wegen Überkapazitäten drängen nun aber auch chinesische Hersteller mit Dumpingpreisen auf den europäischen Markt. Die aktuelle IISI-Prognose geht von einem weltweiten Zuwachs bei der Rohstahlerzeugung um 6,8 Prozent über 1.120 Millionen Tonnen aus. Davon stammen übrigens rund 75 Prozent von den 180 IISI-Mitgliedsfirmen.

Erschienen in Ausgabe: 08/2007