Stickstoff selbst gemacht

Stickstoff, ein wichtiger Rohstoff in der Rohrfertigung, muss bei Maxhütte Rohr permanent zur Verfügung stehen. Das Unternehmen stellte deshalb die Versorgungsquelle aufs eigene Firmengelände.

05. Oktober 2005

Seit Ende 2001 rollten die Sattelzüge aus der Westfalen AG, beladen mit tiefkalt verflüssigtem Stickstoff, nach Sulzbach Rosenberg in das Rohrwerk Maxhütte. Dort wird das Gas, vermischt mit einem geringen Propangasanteil, für die großen Wärmebehandlungsöfen benötigt, in denen die warmgewalzten Stahlrohre geglüht werden.

„Wer die Autobahn Richtung Pilsen in Tschechien bereits befahren hat, weiß jeden LKW weniger zu schätzen“, so Stefan Jung, Redakteur des Zentralbereichs Öffentlichkeitsarbeit der Westfalen AG, und spricht damit den Umweltaspekt der Versorgung mittels LKW direkt an.

Deutlicher Energiespareffekt

Doch nicht nur solch offensichtliche Umweltaspekte spielen hier eine Rolle. Wenn man bedenkt, dass die Herstellung flüssigen Stickstoffes gut die doppelte Menge an Energie zu seiner Erzeugung benötigt, wie die Herstellung von gasförmigem Stickstoff, zeigt sich schnell wie naheliegend der Gedanke einer dezentralen Versorgungslösung sein kann. Die gestiegenen Kosten durch die LKW-Maut, das Risiko durch verstopfte Straßen nicht rechtzeitig mit dem wertvollen Hilfsstoff Stickstoff beliefert zu werden und das Konzept der Westfalen AG einer „Do-it-yourself“-Stickstoffgewinnung auf dem eigenen Firmengelände, überzeugte die Geschäftsführung des Rohrwerkes Maxhütte, sich für diese Lösung zu entscheiden.

Selbstversorger mit Garantieansprüchen

Der Geschäftsführer von Maxhütte Rohr, Karl J. Reyzl, sowie seine Energiepartner der Westfalen AG konnten am 25.5.2005 das Ergebnis gemeinsamer Ideen auf dem Betriebsgelände in Sulzbach Rosenberg der Öffentlichkeit vorstellen; eine Onsite-Anlage für die Gewinnung hochreinen Stickstoffes der Qualität 5.0 (99,999 % Reinheitsgrad). Die Eigenerzeugungsanlage wurde im Beisein des Bürgermeisters Gerd Geismann von Sulzbach Rosenberg feierlich übergeben. Norbert Kemp, Leiter der Niederlassung Regensburg der Westfalen AG, sowie seine Kollegen Stefan Jung vom Zentralbereich Öffentlichkeitsarbeit und Eckhard Rahe, Produktmanager Onsite-Anlagen, erläuterten den Anwesenden das Konzept, das für eine lückenlose und sichere Stickstoffversorgung sorgt - für zunächst geplante 15 Jahre.

90.000 tonnen ­Jahresproduktion

Karl J. Reyzl, der Geschäftsführer Maxhütte, zu bbr: „Wir haben uns vor drei Jahren als selbstständiges Unternehmen gegründet. Nach der Stilllegung der Maxhütte fiel auch unsere Gasversorgung flach, denn bis dahin wurden wir von dort mit Stickstoff direkt versorgt. Wir haben eine Jahresproduktion an Stahlrohren von über 90.000 Tonnen und dementsprechend muss die kontinuierliche Stickstoffversorgung sichergestellt sein. Durch die Anlage auf unserem Betriebsgelände versprechen wir uns erhebliche Einsparungen und zudem eine hohe Versorgungssicherheit.“ Wie hoch Karl J. Reyzl das Einsparpotenzial ansetzt, konnte er noch nicht genau beziffern: „Wir rechnen in diesem Jahr mit einer ähnlichen Produktionsmenge (an Stahlrohren), wie im letzten Jahr und einem dementsprechenden Stickstoffverbrauch. Natürlich ist das Einsparpotenzial direkt an die Verbrauchsmenge gekoppelt.“

Lohnt es sich?

Natürlich lohnt es nicht für jeden, sich eine Stickstoffgewinnungsanlage auf sein Firmengelände zu stellen. Zunächst gilt es festzustellen, in welchem Reinheitsgrad man das technische Gas benötigt, ob eine permanente Versorgung hochqualitativen Stickstoffes für die Fertigung gewährleistet werden muss (wie im Fall Maxhütte Rohr) und schlussendlich, welche Mengen benötigt werden.

Dass diese Rechnung in Deutschland, mit seiner guten Infrastruktur, anders ausfällt, als in strukturschwachen Ländern und Gebieten, liegt auf der Hand. Dazu Eckhard Rahe: „Bei kleineren Abnahmemengen sind Membran- oder PSA-Anlagen sehr erfolgreich.

Da beim Rohrwerk Maxhütte hohe Reinheiten (99,999 Volumenprozent = 5.0-Qualität) und große Mengen (400 Kubikmeter pro Stunde) benötigt werden, kam als Anlagetyp eine LIN-Assist-Anlage in Betracht. Die Anlage hier in Sulzbach-Rosenberg produziert den Stickstoff nach dem Prinzip der Rektifikation ohne eigene Kälteerzeugung.“

Ferngesteuert

Überwacht und nachgeregelt werden kann die Onsite-Anlage der Westfalen AG in Sulzbach Rosenberg einfach aus der Ferne. Im westfälischen Hörstel überwachen dazu insgesamt zwölf Westfalen-Mitarbeiter diese An­lage sowie weitere Anlagen in ganz Deutschland - Tag und Nacht, 24 Stunden und an 365 Tagen im Jahr.

Erik Schäfer

Fakten

Die qualitätsrohrfertiger _ Das Rohrwerk Maxhütte GmbH, im bayerischen Sulzbach-Rosenberg, produziert mit 450 Mitarbeitern nahtlose Stahlrohre in zahlreichen Stahlqualitäten und Ausführungen. Die Produktpalette reicht von schwarzen oder verzinkten Gewinderohren über Kesselrohre der Güteklassen I und III bis zu kaltgefertigten Qualitätsrohren.

Die „GASMACHER“ _ Die Westfalen AG plant, errichtet und finanziert Onsite-Anlagen für eine zu vereinbarende Laufzeit von 5 bis 15 Jahren, sorgt für die Überwachung, Wartung und wenn nötig die Reparatur der Anlagen - ohne weitere Kosten für den Kunden - und garantiert die abgestimmte Bedarfsmenge bei Totalausfällen des Systems oder Bedarfsspitzen. Alle Planungs-, Investitions- und Betriebskosten werden übernommen. Strom stellt der Kunde zur Verfügung. Er bezahlt nur den tatsächlichen Verbrauch gekoppelt mit einer Mindestabnahmemenge. Alternativ sind zwei weitere Abrechnungsmodi möglich: Der Kunde zahlt eine monatliche Miete - die alle Kosten unabhängig vom Verbrauch abdeckt -, oder ein Joint Venture zwischen Kunden und Gasehersteller, die eine gemeinsame Nutzung einer Onsite-Anlage regeln und Synergieeffekte erschließen.

Erschienen in Ausgabe: 09/2005