Stärken stärken oder doch besser Schwächen schwächen?

Übrigens Prof. Dr.-Ing. Wolfram Volk

»Auch die Mentalität der Mitarbeitenden bestimmt, welche Formen der Weiterbildung wir wählen sollten.«

16. April 2015

bei uns hat inzwischen das Sommersemester begonnen, und traditionell hatten wir in dieser Zeit seitens des Lehrstuhls unser jährliches Doktorandenseminar. Dieses Jahr habe ich die leicht provozierende Frage gestellt, ob wir die eigenen Stärken noch verbessern oder doch die wenige zur Verfügung stehende Zeit aufwenden sollten, um die offensichtlichen Schwächen zu reduzieren. Die häufigste Antwort war, dass wir natürlich beides machen müssen. Aber ist das wirklich so?

Ich glaube, es macht deutlich mehr Spaß, wenn wir uns mit Themen beschäftigen, die wir gut können. Aber sollen wir dem ohnehin guten Präsentator auch noch ein Rhetorikseminar zukommen lassen? Zu meiner Industriezeit hatte ich selbst mehrere Führungsseminare, und dort wurde die stärkenorientierte Führung propagiert. Dies wurde begründet mit dem Erfolg für die tägliche Arbeit. Ich selbst war von dem Konzept sofort überzeugt und habe auch versucht, es umzusetzen. Der Erfolg war allerdings nicht immer gegeben. Daher sehe ich das Ganze inzwischen etwas anders. Ich bin inzwischen zu der Überzeugung gekommen, dass auch ganz wesentlich die Mentalität der Mitarbeitenden bestimmt, welche Formen der Weiterbildung wir wählen sollten.

Mein Ziel ist, dass wir Mitarbeitende haben, die in der Breite einen akzeptablen und hinreichenden Wissensstand haben, aber in den Spezialgebieten und bei den persönlichen Talenten die maximal mögliche Förderung erfahren.

Fangen wir bei der Erreichung dieses Ziels mit dem selbstbewussten und eloquenten Mitarbeitenden an! Meiner Erfahrung nach reicht es bei diesen Personen häufig aus, sie auf eine offensichtliche Schwäche dezent und am besten indirekt hinzuweisen. Dies erfolgt beispielsweise durch großzügiges Lob und der Bereitschaft im Hochgefühl des Selbstbewusstseins, vielleicht den einen oder anderen Verbesserungshinweis anzunehmen. Die Mitarbeitenden dieses Mentalitätszugs sind dann meiner Meinung nach häufig bereit, im Eigenstudium die notwendigen Verbesserungen zu ergreifen, sodass wir die dann noch verfügbaren Weiterbildungsmaßnahmen für die Vertiefung der positiven Fähigkeiten verwenden können. Allerdings brauchen diese Mitarbeitenden leider auch sehr oft die landläufig als Wink mit dem Zaunpfahl bezeichnete Unterstützung bei der Identifikation der eigenen Schwächen.

Anders sieht es meiner Meinung nach mit den fachlich sehr guten, aber deutlich weniger selbstbewussten Mitarbeitenden aus. Wenn man sie zu einer Weiterbildung motivieren kann, dann wollen sie von sich aus sehr häufig nur Kurse, die sich mit den offensichtlichen Schwächen beschäftigen. Ich bin der Überzeugung, dass man dies nicht ablehnen, aber im Zuge einer erfolgreich geschwächten Schwäche auch die anvisierte Stärkung der Stärken voranbringen sollte. Würde ich nur den zweiten Weg empfehlen, würde dies meiner Meinung nach den Effekt haben, dass die Mitarbeitenden den Eindruck bekommen, Hopfen und Malz seien eh schon verloren, und der Chef glaube sowieso nicht an sie.

Ich bin mir sicher, dass Ihnen noch viele andere Eigenschaften und Mentalitäten von Mitarbeitenden einfallen, und würde mich sehr freuen, wenn Ihnen meine Ausführungen einen kleinen zusätzlichen Impuls bei der Auswahl der Weiterbildungsmaßnahmen für sich oder Ihre Mitarbeiter geben konnten.

Mit besten Grüßen

Ihr Wolfram Volk

Erschienen in Ausgabe: 03/2015