Spurloses Handling

Technik / Handhabung, Transport

Gestrahlte Bleche sollen metallisch blank sein und bleiben – egal, ob die so behandelte Oberfläche weiterbehandelt wird oder bereits den Endzustand darstellt. Fingerabdrücke beispielsweise sind absolut tabu.

01. Oktober 2012

Die Inox Color GmbH & Co. KG in Walldürn zählt weltweit zu den renommierten Spezialunternehmen für die Bearbeitung von rostfreien Edelstahl-Oberflächen. In unterschiedlichen Verfahren werden Oberfläche, Form, Eigenschaften, Transparenz und Farbe des Edelstahls verändert. Hochwertige Edelstahlbleche sind begehrt – unter anderem auch in der exklusiven Architektur. Für ein solches Bauprojekt wandte sich ein Kunde an die Inox Color. Der Auftrag lautete: Lieferung individuell gefertigter Edelstahlbleche für die Fassaden- und Blechinnenverkleidung.

Solche Spezialaufgaben sind bei Inox Color Tagesordnung. In einem Abschnitt dieser Prozesskette musste jedoch mit sandgestrahlten Blechen gearbeitet werden. Der Versuch, die bis zu 150 Kg schweren Bleche von zwei kräftigen Männern anpacken und wenden zu lassen, hatte jedoch ungeahnte Folgen: Die Männer hinterließen ihre Fingerabdrücke.

Während des Handlings waren diese Spuren nicht zu erkennen. Erst nach der Oberflächenveredelung wurden die Abdrücke sichtbar. Der Auftrag, ein Handling-System zu entwickeln, das ›spurlos‹ arbeitet, ging an die Aero-Lift Vakuumtechnik GmbH aus Geislingen-Binsdorf.

Die Entwickler und Konstrukteure des schwäbischen Unternehmens nahmen sich der Sache an. Die Vakuumtechnik bietet in solchen Situationen gute Lösungen, denn durch die Besonderheit des Vakuum-Effekts können Gegenstände nicht nur sicher und flexibel, sondern absolut materialschonend bewegt werden.

Damit verbunden ist auch ein durchaus gewünschter Nebeneffekt: So gelingt es dem Anwender, schwere Bleche nicht nur ohne menschliche Berührung, sondern auch ohne jegliche Belastung des Rückens anzuheben und zu wenden. Für den gesamten Ablauf muss sich kein Mensch mehr ›krummmachen‹. Der ganze Vorgang kann in einer gesunden, optimal ergonomischen Körperhaltung vollzogen werden.

Peter Balint ist als Werkstattleiter bei Inox Color auch für dieses Projekt zuständig. Gemeinsam mit den Aero-Lift-Konstrukteuren wurde die Herausforderung klar definiert: Die hochsensiblen Bleche müssen absolut prozesssicher und zugleich zügig gehandelt werden – und alles muss ›spurlos‹ ablaufen.

In aufwendigen Testverfahren entwickelten die Aero-Lift-Konstrukteure eine neue Saugeroberfläche. Dabei orientierten sich die Spezialisten an den hauseigenen erfolgreichen Materialien, die auch von der Automobilindustrie angefordert werden.

Die Aero-Lift-Ingenieure testeten die Beschichtungen und landeten den Volltreffer: Die Sauger schmiegen sich jetzt an das hochsensible Blech und hinterlassen keinerlei Spuren. Dennoch arbeitet das Lasthaft-Hebegerät prozesssicher und auch im angesaugten Zustand mit einer hohen Eigenstabilität.

Die hochsensiblen Bleche müssen um 90° geschwenkt werden. Dabei soll dieser Schwenkvorgang auf einer Höhe von 1,50 m stattfinden. Die Bleche sind maximal 4 m x 1,5m und 0,5 mm bis 3 mm dick. Das Gerät muss 150 Kg heben können.

Die nächste Besonderheit forderte die Konstrukteure in der Technik erneut. Quer über dem Arbeitsplatz verläuft eine breite, überstehende Lichtleiste. Das Kreuz-Klemmstück mit den Aufhängebolzen, an dem die Saugplatten befestigt sind, musste deshalb deutlich länger gemacht werden, damit das Lichtband nicht beschädigt und der Lichteinfall nicht beeinträchtig werden.

Eine zusätzliche Herausforderung war die insgesamt sehr begrenzte Arbeitsplatzfläche. Ein Staplergerät wurde zwar kurz angedacht, dann aber verworfen, da es zu viel Raum in Anspruch genommen hätte.

Aero-Lift projektierte ein maßstabsgetreues Schienensystem, um dem Kunden die Prozessschritte zu veranschaulichen. Ein Schienensystem hat den Vorteil, dass sich die Bewegungsmotorik an der Decke abspielt.

Doch gerade diese Decke hatte in diesem Fall ihre Tücken: Das Schrägdach weist eine starke Dachneigung auf. Auch hier war also eine Sonderlösung notwendig. Die Konstrukteure schmiegten das stabile Schienensystem exakt an die vorhandene Dachkonstruktion an. Über das 15 x 4 Meter umfassende Schienensystem gleitet das Lasthaftgerät jetzt beweglich an alle Arbeitsfelder. Das Schienensystem umfasst 15 m x 4 m.

Werkstattleiter Peter Balint von Inox Color ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Die Handling-Unterstützung sei optimal und das ganze Projekt sei »von Anfang bis Ende sauber durchgelaufen«.

Mit dieser Speziallösung entwickelte Aero-Lift ein Lasthaft-Hebegerät, das – so der Hersteller – den bisher am Markt erhältlichen Sauggreifern durch seine spezielle Saugerbeschichtung beim Handling hochsensibler Materialien überlegen sei. Die Zeit der Schocksekunden in der Oberflächenveredelung – »Woher kommen die Fingerabdrücke?!« – sind vorbei. Der Workflow funktioniert jetzt im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur mühe-, sondern auch spurlos.

Euroblech Halle 15, Stand K13

Hintergrund

Die AERO-LIFT Vakuumtechnik GmbH, gegründet 1992 mit Produktionssitz in Geislingen-Binsdorf bei Balingen, Zollernalbkreis, ist Hersteller von Vakuumhebern, Vakuumschlauchhebern, Vakuumkomponenten und produziert hochwertige Anlagen und Maschinen der Vakuumhebe- und -transporttechnik. Eine große Fertigungstiefe im eigenen Hause ist dem Unternehmen wichtig, um auf individuelle Kundenanfragen reagieren zu können.

Erschienen in Ausgabe: 06/2012