Siesta! Siesta! Siesta!

»Ein kurzer Mittagsschlaf erhöht die Produktivität, permanenter Geiz vermindert sie – nachhaltig.«

28. März 2013

Leben wir nicht in wilden Zeiten? Dass sich der höchste Katholik vor seinem Rücktritt nicht das ›vollste Vertrauen‹ der evangelischen Kanzlerin abholt, ist nachvollziehbar, nicht aber, dass viele Medienvertreter die Erde immer noch für einen Kreis halten. Die Preußen schießen nicht so schnell, weil sie Probleme ausgerechnet mit dem Brand-Schutz auf dem Brandt-Flughafen haben; der wird wohl trotzdem etwas schneller fertig als der Kölner Dom – obwohl ausgerechnet der Mann, der vielleicht für die meisten Verspätungen in Deutschland verantwortlich ist, weitere Verspätungen verhindern soll.

Wir indes fragen uns, ob Schimmel nur auf dem Käse akzeptabel ist oder auch zwischen Pastascheiben. Und: Wer regiert eigentlich Bawü– ein Transportunternehmen oder die gewählten Volksvertreter; und müssen die deswegen eine Koalition platzen lassen? Darf ein Kanzlerkandidat einen ganzen Berufsstand beleidigen, obwohl dessen Angehörige weder durch Korruption noch durch Kriminalität aufgefallen sind und auch nicht die geringste Chance haben, ie Weltwirtschaft zu ruinieren? Vieles wabert durch die Medien. Aber das meiste geht uns sooo weit am Hypothalamus vorbei. Uääääähhhhh!

Nahegeht uns dagegen die Stunde Schlaf, die uns die Politiker jedes Frühjahr nehmen und die uns bis Oktober jeden Tag fehlt. Wären die Politiker vernünftig, würden sie den Unfug ›Sommerzeit‹ sofort abstellen, weil er kontraproduktiv ist. Aber wieso sollen ausgerechnet Politiker vernünftig sein, kommen sie doch aus der Mitte des Volkes. Und wir sind weder vernünftig noch ›menschlich‹. Oder bedeutet ›menschlich‹, nicht nur Tiere zu misshandeln, sondern auch Artgenossen zu massakrieren oder einfach verrecken zu lassen? Vielleicht wird die scheinbar widersprüchliche Wort-kom-bina-tion ›humanitäre Katastrophe‹ nur im falschen Zusammenhang gebraucht. Aber wir müssen gar nicht so weit in die Welt hinaus: Wer nur fünf Minuten am Straßenverkehr teilnimmt, müsste eigentlich von der Illusion des vernunftbegabten Menschenwesens gründlich geheilt sein.

Damit kommen wir zurück zum Schlafmangel und damit zum Thema: Mittagsschlaf. Er findet weder im Büro noch am Arbeitsplatz (welch ein Gegensatz!) statt – zumindest viel zu selten, und das liegt an fehlender Ruhe und falschem Mobiliar. Sitzmöbel müssen vor allem eines sein: billig, 80 € maximal. Dösen? Fehlanzeige. Zurücklehnen für ein paar kreative Minuten? Nou Tschäntz! Schon gar nicht im Großraumbüro, wo immer etwas piept (sogar zwischen zwölf und eins) oder im Kolleginnen-und-Kollegen-Kreis höchst wichtige Themen abgehandelt werden müssen: Fingernägel, Rennfahrer oder Reitstunden …

Gegen 14 Uhr ist unser Tagestief erreicht. Ein kurzer Mittagsschlaf am Ende der Pause – 15 bis 20 Minuten langes Dösen reicht –, so haben etliche Wissenschaftlicher unabhängig von einander ertestet, hebt die Leistungsfähigkeit am Nachmittag um 20 bis 35 Prozent. Gehen wir vorsichtshalber von fünf Prozent pro Tag aus. Ein durchschnittlicher deutscher Arbeitnehmer erwirtschaftet rund 380 €/d; fünf Prozent davon sind 19 €. Nehmen wir ferner an, ein siestatauglicher Bürostuhl würde mit Fußschemel etwa 1?500 € – Ihr Ohnmachtsanfall gilt nicht als Büroschlaf, bleiben Sie also liegen und lesen Sie in 20 Minuten weiter! – kosten. Dann hätte sich produktivitäts- und kreativitätssteigerndes Mobiliar in etwa 75 Tagen bezahlt gemacht.

Wären Menschen – zählen wir Vorgesetzte dazu – vernunftbegabt (der Kreis schließt sich), würden sich die Verantwortlichen angesichts der Amortisationsdauer von etwa vier Monaten also sofort um geeignete Sitzmöbel kümmern. Das wäre wie gesagt vernünftig – aber leider nicht geil.

Hans-Georg Schätzl