Schwaben sind anders

Vom Hersteller von Dunstabzugshauben zum Komplettanbieter für Zulieferteile: mit der jüngsten Investition in eine Bystronic Wasserstrahlschneidanlage setzt die Erb Feinblechtechnik im Bereich der Trenntechnologien auf drei Standbeine und erschließt sich neue Märkte.

14. Juli 2005

Man sagt, Schwaben seien sparsam, manch böse Zunge unterstellt ihnen gar einen Hang zum Geiz. Hermann Erb, Firmenchef der Erb Feinblechtechnik in Fellbach vor den Toren Stuttgarts, ist in mancherlei Hinsicht ein waschechter Württemberger: Er hält seine Werkstatt sauber, ist an mindestens sechs Tagen die Woche ein „fleißiger Schaffer“ und geht bei der Auswahl seiner Fertigungsmöglichkeiten äußerst clever zu Werke. Aber geizig? Ein Blick in die Räumlichkeiten dieses Vier-Personen-Betriebs offenbart Erstaunliches: Nicht nur bei den Ausmaßen der Werkstatt geht es eher unbescheiden zu, auch der Anlagenpark ist für ein Unternehmen dieser Größe von beneidenswerter Üppigkeit. So finden sich unter anderem modernste Abkantpressen und eine Stanz-/Laserkombi jeweils von namhaften Herstellern genauso in der Werkstatt wie seit wenigen Wochen eine hochmoderne Wasserstrahlschneidanlage. Sind Schwaben etwa doch anders als ihr Ruf? „Mit den heutigen Möglichkeiten hätten wir damals Dunstabzugshauben ohne Ende produzieren können.“ Hermann Erb verweist auf die Anfänge des Betriebs, den er vor knapp dreißig Jahren zusammen mit seiner Ehefrau aus der Taufe hob. Erb Dunstabzugshauben aus hochwertigen Materialien und in edlem Design waren zu jener Zeit ein Begriff und über die Grenzen des Schwabenlands bekannt. Dann haben die großen Küchenhersteller diesen Markt für sich entdeckt, und fortan konzentrierte sich das Ehepaar Erb auf Auftragsfertigung in der Blechbearbeitung. Nach und nach wurde die technische Ausstattung ausgeweitet und modernisiert, bis vor rund sechs Jahren der Einstieg ins Laserschneiden erfolgte.

Zuerst kam der Laser…

„Wir wollten, ja mußten um der Konkurrenzfähigkeit willen mit dem Laserschneiden anfangen, kamen gleichzeitig aber auch mit unserer alten Stanz-Nibbel-Maschine an die Grenzen, und so machte für uns die Anschaffung einer Stanz-Laser-Kombi am meisten Sinn“, erläutert Erb. Nach genauer Prüfung fiel die Wahl auf eine Finn-Power Anlage mit 2,5 Kilowatt Laserleistung, die, so Erb, gegenüber anderen Kombimaschinen eine Reihe von Vorteilen aufwies. Fortan war man fertigungstechnisch breit aufgestellt und es stellt sich die Frage, warum es da noch einer weiteren Investition in Wasserstrahltechnologie bedurfte? Erbs Antwort ist plausibel: „Die Gegend um Stuttgart ist eine Hochburg in der Blechbearbeitung und die Konkurrenz ist groß. Da muß man sich schon etwas einfallen lassen, um sich abzuheben“. So gäbe es in der Region eine ganze Reihe Betriebe, die laserschneiden und stanzen, aber keine qualitativ hochwertige Wasserstrahlschneidanlage. Zudem sind die Möglichkeiten der Stanz-Laser-Kombi nicht grenzenlos, was insbesondere für Aluminium gilt.

…dann das Wasserstrahlschneiden

Aufgrund dieser Rahmenbedingungen kam es zum strategischen Entscheid, das Potential der eigenen Werkstatt mit einer Wasserstrahlschneidanlage in neue Bereiche auszudehnen, und einen Markt frühzeitig zu besetzen, der in der Region bislang noch weitgehend brach lag. An erster Stelle standen dabei Aluminium in großen Blechdicken, aber auch eine ganze Vielzahl anderer Materialien wie Messing, Kupfer, Verbundwerkstoffe, Dichtungs- und Sandwichmaterialien oder Glas und Stein. Die mögliche Alternative in Form einer Laserschneidanlage mit hoher Laserleistung, um zumindest Aluminium, aber auch Inox im Dickblechbereich schneiden zu können, wurde schnell verworfen.

Wenns dick kommt…

„Gerade bei Alu sind die notwendigen Nachbearbeitungen nicht zu unterschätzen, und mehr als zwölf Millimeter sind auch mit der stärksten Laserquelle unrealistisch“. Die Wasserstrahlschneidanlage hingegen ist je nach Komplexität der zu schneidenden Kontur bei diesem Material ab fünf Millimeter gegenüber dem Laser konkurrenzfähig und spätestens ab 12 bis 15 Millimeter wirtschaftlich überlegen. Die Präzision dieses Verfahrens sei sowieso bestechend, meint Erb, und dies gelte auch für dicke Aluminiumtafeln. „Bereits in der kurzen Zeit seit der Installation der Anlage konnten wir Aufträge gewinnen, die bislang jenseits des Möglichen lagen«, schildert Erb und demonstriert ein Teil, das aus mehreren Komponenten, unter anderem einer Bodenplatte aus 30 Millimeter dickem Aluminium besteht. Mit Hilfe des Wasserstrahlschneidens sei die Fertigung kein Problem gewesen. Bis vor kurzem hätte man diese Bodenplatte nach außen vergeben müssen, was die Marge des Auftrags spürbar geschmälert hätte. Ein weiterer Punkt: „Es wird heute immer schwieriger, Aufträge für fertige Teile zu erhalten, wenn man nicht über sämtliche Fertigungsverfahren in der eigenen Werkstatt verfügt“, so Erb. Mittlerweile spricht sich herum, daß er mit dem Wasserstrahlschneiden höchste Flexibilität anbieten kann, und die Nachfrage nach Teilen unterschiedlichster Materialien, die für einen Blechbearbeiter eher exotisch anmuten, nimmt ständig zu.

Perfektes Zusammenspiel

„Heute haben wir Kunden aus allen möglichen Branchen: Glaser, Steinmetze, aber auch Großunternehmen wie Stihl, für die wir eine ganze Reihe Aufträge erledigen“. Auf einen ist Erb besonders stolz: Eine Dichtung mit Bohrungen, in die jeweils kleinste Einkerbungen eingebracht sind, an denen sich ein Zulieferbetrieb in der Vergangenheit mit einer einfachen Wasserstrahlschneidanlage die Zähne ausgebissen hat. »Wasserstrahlschneiden ist nicht gleich Wasserstrahlschneiden“, meint Erb dazu, „man braucht eben schon eine qualitativ hochwertige Anlage, um solche Aufträge präzise schneiden zu können“. Aus diesem Grund entschied er sich für einen Bystronic Byjet, auch wenn man mit einem anderen Anbieter fast schon handelseinig war. „Am Bystronic Messestand an der früheren Südblech in Sinsheim hatten wir allerdings gleich das Gefühl: Die ist es“, blickt Erb zurück. Und als man von seiten Bystronic ein konkretes Angebot unterbreitete, konnte er dann nicht mehr widerstehen. In der Praxis ergänzen sich die Stanz-Laser-Kombi und die Wasserstrahlschneidanlage hervorragend. Auf ersterer werden primär Stahl- und Inox-Teile aus dünnen bis mitteldicken Blechen geschnitten. Alles weitere kommt auf den Byjet.

Lieber Wasser als Kombi

Aber auch bei Blechdicken, die eigentlich für die Kombi bestimmt wären, findet das Wasser dann Anwendung, wenn feinste Konturen geschnitten werden müssen, also höchste Qualität gefordert ist. „Mit der Anlage können in 20 Millimeter dickem Stahl ohne weiteres Bohrungen von 1,8 Millimeter Durchmesser eingebracht werden“, beschreibt Erb die bisherigen Erfahrungen. Grundsätzlich läßt sich sagen: Je komplexer die Kontur und je dicker das Blech, desto mehr kann der Byjet seine Stärken ausspielen.

Die richtige Wahl

Besteht ein Teil aus mehreren Komponenten, von denen auch nur eine nicht mit der Stanz-Laser-Kombi gefertigt werden kann, macht meist der komplette Auftrag Bekanntschaft mit Wasser. „Der Programmieraufwand ist dadurch geringer“, erklärt Erb. Ein bedeutender Aspekt, denn es sind meist Klein- und Kleinstserien, die die eigene Fertigung durchlaufen und dafür sorgen, daß der Datenaufbau der Teile und die Arbeitsvorbereitung im Vergleich zu Großserien ohnehin deutlich höher ausfällt. Nach seinen ersten Erfahrungen mit dem Byjet von Bystronic ist sich Erb sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben, und entgegen dem Vorurteil geizt er auch nicht mit Lob für seine jüngste Investition: „Eine hervorragende Anlage.“ Schwaben sind manchmal eben doch anders.

Martin Engel

Erschienen in Ausgabe: 06/2005