Rohre per CAD-APP

50 Jahre BBR/Unternehmen

Seit Mitte der 70er-Jahre werden von Tezet Rohrleitungssysteme entwickelt, und schon damals auf CNC-Maschinen mit Dorn gebogen. Heute unterstützt eine Spezialsoftware die Rohrherstellung.

07. Dezember 2010

Es waren Prototypen für Automobilwerke oder auch nachgebaute Rohre, von denen es keine neuen mehr auf dem Markt gab – das, was man heute mit ›Reverse Engineering‹ bezeichnet – etwa für Oldtimer, ältere Modelle von Feuerwehrwagen oder Ambulanzfahrzeuge. Beliebt waren seinerzeit die Umbauten der aus den USA importierten ›Amerikaner‹, die mit Katalysatoren geliefert wurden, in der Schweiz vom Straßenverkehrsamt nicht abgenommen wurden, und für die somit die Linienführung der Auspuffanlagen neu erstellt werden musste. Tezet galt als ›Rohrschmiede‹ und war weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Kritisch wurde es zeitlich immer, wenn wieder ein Automobilwerk einen neuen Prototypen eines ›Abgaskrümmers‹ brauchte, lieber gestern als heute, und das Teil anhand von Zeichnungen schnellstens gefertigt werden musste. Wenige Tage später wurde das Bauteil zurückgeschickt, weil auf der Zeichnung etwa der Vermerk fehlte, dass zwischen dem zweiten und dritten Zylinder Platz gelassen werden musste, damit der automatische Schrauber in der Produktionsstraße gerade an diesem Ort die vorgesehene Schraube ansetzen kann. So manche Prototypen durchliefen mehrere Änderungen oder wurden gänzlich neu gemacht.

Passendes Rohr via Software

Dies war die Geburtsstunde der Tezet-Rohrsoftware und der Moment, in dem bei Klaus Leistritz die Überlegungen ansetzten, wie man diese Änderungen schneller, einfacher und kostengünstiger machen könnte. Der Arbeitstitel war ›Tezet tube‹ und blieb als Name für die Software haften.

Zu Beginn war die Spezialsoftware nur für den Eigengebrauch gedacht, bis jemand kam und meinte, Tezet solle sie doch verkaufen, der Markt sei offen dafür. Die erste verkaufte Version ging 1989 an einen internationalen Konzern für eine deutsche Niederlassung. Seit 1996, mit der Entwicklung eines eigenen Grafikkerns als Stand-alone-Software, heißt sie Tezet-CAD.

Rohre wurden immer häufiger als Bauteile für Industrieprodukte eingeführt. Die Qualitätskontrolle bekam kontinuierlich mehr Kompetenz. Anbindungen an verschiedene Messmaschinen, neue Module, neue Funktionen waren gefragt. Je mehr sich die Existenz einer Rohrspezialsoftware herumsprach, umso größer wurden die Anforderungen und der Wunsch nach Sonderprogrammierungen. Es war die lange Erfahrung, die Klaus Leistritz in der Rohrverarbeitung hatte, die die Programmierung bestimmte. Eine seltene, glückliche Synthese zwischen Spezialwissen und anwenderfreundlicher Umsetzung.

Die Tezet-CAD-Software hat heute über 100 rohrnützliche Funktionen, die ständig erweitert werden. Tezet entwickelt und bringt Lösungen, bevor die Herausforderung marktrelevant wird. Das liegt daran, dass Klaus Leistritz Zukünftiges zur richtigen Zeit erspürt und seinen Kunden genau dann eine neue Funktion anbieten kann, wenn sie gerade erst zu einer noch in der Luft liegenden Notwendigkeit wurde. Die Neuigkeit verbreitet sich meist sehr schnell unter den Spezialisten, dass sich mancher Anwender schon nach kurzer Zeit nicht mehr vorstellen kann, dass es diese Anwendung vorher nicht gegeben hat. Nicht, weil sie so einfach ist, sondern weil sie sich als festes Bestandteil des jeweiligen Arbeitsablaufes integriert hat.

Drei exemplarische Beispiele zeigen die Vorteile. Auf 30 Metern Entfernung messen, an einem Ort, zu dem man keinen Laptop mitnehmen kann. Heute würde man das Apps nennen, damals waren Smartphones kaum auf dem Markt. TezetCAD läuft schon seit ein paar Jahren auch auf Smartphones.

Ein anderes Beispiel ist freiformgebogene Rohre zu messen. Die neue Philosophie des Rohrbiegens erforderte eine intelligente, visionäre Weiterentwicklung der Rohrmess- und Rohr-Be-und -Verarbeitungssoftware. Weil freiformgebogene Rohre keine fixen Radien und erst recht keine fixen Längen haben, konnte es auch nicht mehr in der traditionellen Weise taktil oder mit Infratrotsonde gemessen werden, sondern nur mit Laser. Ein neuer Algorithmus zur Laserscanmessung, die Punktewolken auswirft, musste aus dem Punkte-Chaos eine rohrgerechte Ordnung erstellen, die aber ebenso flexibel sein musste wie die freiformgebogenen Formen selbst. Das Besondere daran aber ist, dass ungewöhnlich schnell parallel zum Einscannen aufgrund der Real-time-Ausrechnung der Rohrdaten der Bildaufbau auf dem Monitor geschieht. Die komplexe Programmierung ist daher kaum zu erkennen, für den Anwender der Software ist nicht ersichtlich, wie viel Arbeit dahintersteckt.

Mit der Lasertechnologie konnte aber auch die in der Rohrmesstechnik sehr beliebte kontaktlose Gabelsonde modernisiert werden, in dem man die Funktion des ›auf einer Geraden zweimal eintauchen/messen‹ durch zweimaliges Messen auf einer Geraden mit dem Laserstrahl misst und dadurch das langwierigere Scannen nicht mehr notwendig ist. Eine weitere Innovation, die von der Industrie erfolgreich angenommen wurde. Die innovative Rohrspezialsoftware TezetCAD ist weltweit im Einsatz und gilt als ›state of the art‹.

Erschienen in Ausgabe: 06/2010