Riesensprung in der modernen Lagerung

Titel/Lager und Logistik

Wie bringt man 66 Tonnen, also rund drei Sattelzugladungen, auf 4,5 m² Fläche unter? Gäbe es ›Wetten, dass ...?‹ noch, dann wäre die Frage wie geschaffen für eine Wette. Und Stefan Apfel gewönne. In seinen vollautomatischen Lagerturm passen bei 7 m Höhe 132 m² mit 500 kg/m² Lagerfläche oder eben 66 t Lagergut.

31. August 2015

Ausschlaggebend für die innovative Lagerlösung des mittelständischen Metallfertigers und Betriebsausstatters aus Dossenheim bei Heidelberg ist das Grundmaterial: Blech. Es ist naheliegend, dass das Material, aus dem Apfel seine Auftragsarbeiten fertigt, auch für die Lagerlösungen von Apfel verwendet wird. Dennoch steckt darin eine kleine Revolution.

Während herkömmliche Lagersysteme mit Europaletten arbeiten, setzt Apfel verzinkte Blechwannen als Träger ein, die sogenannten Tablare. Dadurch schafft er es, die Lagerhöhe auf weniger als ein Prozent des Lagerplatzes herkömmlicher Systeme zu reduzieren, denn Europaletten brauchen allein 150 Millimeter Höhe für das Holz. Zusätzlich müssen mindestens 100 Millimeter Höhe für die Regalträger einkalkuliert werden.

Um eine Überlastung der Tablare zu vermeiden, wird das Gewicht der Wannen beim Einlagern automatisch geprüft. Ein Höhenmessgitter ermittelt die aktuelle Füllhöhe. Es wird automatisch berechnet, wie viele Tablare eingelagert werden können. Ein integrierter Lift bringt die Wannen zu einem geeigneten Lagerplatz und legt sie dort ab. Das Einlagern der Tablare folgt in einem Rasterabstand von nur 25 Millimeter. Im Apfel-Lagerturm steckt demnach ein intelligentes Mini-Hochregallager mit Maxi-Auslastung.

Tablare statt Europaletten

In dem Lagerturm können bereits in der Standardausführung stolze 132 Tablare mit einer Traglast von jeweils 500 Kilogramm untergebracht werden. Dies entspricht dem Lagervolumen von 132 Europaletten. Da Tablare in der Standardausführung jeweils eine Grundfläche von einem Quadratmetern haben, kommt man auf eine Lagerfläche von 132 Quadratmetern bei maximaler Gewichtsauslastung. Bei der Einlagerung von 250 Kilogramm Lagergut pro Tablar, passen sogar 264 Quadratmeter Lagerfläche in den Turm, wobei das maximale Gesamtgewicht des Lagerguts jeweils 66 Tonnen beträgt – et voilà, die Wette wäre gewonnen.

Platz nach oben nutzen

Auch das zweite Grundprinzip der Apfel-LTL-Lagertürme ist im Grunde einfach und dennoch innovativ: Rohmaterial, Platinen, Zuschnitte, Werkzeuge, Muster, einfach alles, was in der Fertigung gebraucht wird, wird vertikal gelagert.

»Wir denken nicht in Quadrat-, sondern in Kubikmetern. In vielen Produktionshallen ist die Höhe ungenutzt. Das ist sinnlose Verschwendung. Indem wir die Höhe nutzen, gewinnen wir Platz für weitere Fertigungstechnologien und optimieren obendrein den Betriebsablauf«, erklärt Stefan Apfel seinen Ansatz. In der Standardausführung ist der Lagerturm lieferbar ab einer Höhe von 2,5 Metern und kann in 500-Millimeter-Schritten bis auf zwölf Meter erweitert werden. Bis zu sechs Bedienstationen können eingerichtet werden, sodass der Lagerturm das Lagergut auch von Stockwerk zu Stockwerk transportieren kann. Sogar ein Aufbau über das Dach der Fertigungshalle hinaus oder ein Standort im Außenbereich ist machbar. In diesem Fall wird der Lagerturm mit einem speziellen Zugang zur Produktion ausgerüstet.

Schaffung optimaler Betriebsabläufe

Neben der Höhe des Turms wird auch die Fläche der Tablare, die es in vier verschiedenen Größen gibt, optimal ausgenutzt. Mit Hilfe eines umfangreichen Sortiments verschraubbarer Trennwandsysteme, steckbarer Schlitzrasterrahmen, spezieller Werkzeughalter und stapelbarer Lagerkästen sowie individuell zugeschnittener Schaumstoffeinsätze sind die Lagerwannen flexibel bestückbar. Sie können von der kleinsten Schraube über große Schütt- und Stückgüter bis hin zu Zerspanungs-, Abkant- und Fräswerkzeugen, Blechplatten und Platinen – einfach alles, was ein Produktionsmitarbeiter für seinen Arbeitsplatz braucht platzsparend und sicher aufnehmen und auf kleinster Fläche bereithalten. Durch die geringe Stellfläche – der kleinste Lagerturm LTL 1260 benötigt gerade mal 3,6 Quadratmeter – kann der Turm beinahe überall in der Halle platziert werden, am besten direkt neben den Maschinen.

Wenn der Arbeitsplatz nicht

Wie der Philosoph, der den Berg zu sich ruft, so versetzt der Lagerturm das Lager direkt zum Arbeitsplatz. Und das sorgt für optimale Abläufe in der Produktion. Platz ist nicht alles, was mit dem Lagerturm und auch mit allen anderen Apfel-Produkten wie dem omnipräsenten Werkzeugschrank WKS gespart werden kann. Wegzeiten zur Warenausgabe, Fahrtzeiten mit dem Gabelstapler, das zeitraubende Umlagern von der Europalette zum Werkzeugträger und auch lästige Suchaktionen werden reduziert oder entfallen ganz. Die Fertigungszeiten werden optimiert und die Lieferzeiten verkürzt.

Beim Lagerturm kommt hinzu, dass die Höhe der Tablarentnahme in 25-Millimeter-Schritten exakt auf die Mitarbeiter eingestellt und das Be- und Entladen der Tablare ergonomisch auf die jeweilige Körpergröße zugeschnitten werden können. Optional kann der Lagerturm mit einem ausklappbaren Auszug ausgerüstet werden, der eine Kranentnahme für schwere Produkte ermöglicht. Die Hubtür der Bedienstation öffnet und schließt automatisch, sodass die Arbeitssicherheit gewährleistet und das Lagergut vor Staub und Diebstahl geschützt ist. Sollte es notwendig sein, können die Tablare mit dem Tablarwagen leicht an die Verwendungsstelle transportiert werden, ohne dass das Produkt selbst angefasst werden muss.

Lagerturm als Pufferzone neben Abkantpressen

Wie elementar der Zeitfaktor in der Metallfertigung ist, weiß Stefan Apfel aus eigener Erfahrung: »Unser Ziel ist es, alle unsere Produkte sehr schnell liefern zu können und trotzdem die Rüstzeiten und den Verschnitt zu minimieren«, erklärt er. Und weiter: »Hier können wir mit dem Lagerturm als Puffer neben den Abkantpressen unheimlich viel herausholen. Denn es ist nicht wirtschaftlich, fünf oder zehn Zuschnitte laserzuschneiden oder zu stanzen. Wir arbeiten daher mit größeren Serien, die wir anschließend im Lagerturm für einige Tage puffern können.«

Um in der eigenen Fertigung in Dossenheim nicht unnötig Zeit zu verlieren, hält Apfel in seinem Turm neben den Abkantpressen nicht nur die Bleche, sondern auch die Platinen, Abkantwerkzeuge, Muster und Prüfschablonen, Zubehör, Ersatzteile und sogar die Vorrichtungen bereit. Mit dem Biegen der Platinen beginnt Apfel möglichst spät, nämlich dann, wenn ein Auftrag vorliegt. Denn: Die gebogenen Teile müssen in Gitterboxen gelagert werden und brauchen daher sehr viel Platz. »Da wir die meisten Platinen im Lagerturm vorrätig haben, können wir bei einem Auftrag sofort anfangen zu Kanten und – obwohl wir Hunderte von Produkten haben – in kürzester Zeit liefern. Wir sind heute so weit, dass wir große Abrufaufträge mit Standardprodukten für unsere OEMs, die morgens bei uns vorliegen, meist schon kurz nach Mittag fertig verpackt auf die Reise zum Kunden schicken.«

Zugriffszeiten unter einer Minute

Zur Zeitersparnis trägt natürlich auch die Automatisierung der jüngsten und größten Lagerlösung aus dem Hause Apfel bei. Optimierte Arbeitsabläufe werden auch bei der ABI Arbeitsinsel als optimalem Begleiter für Maschinenarbeitsplätze mit geringem Aufkommen an Werkzeug und Hilfsmitteln erzielt. Der Apfel-Werkzeugwagen eignet sich gut, eine kleine Anzahl von Werkzeugen zu lagern und auch zu transportieren, und der Werkzeugschrank WKS mit seinen vertikalen Auszügen wie beim Apothekerschrank ist ein »wahres Platzwunder« (Originalton Apfel) für eine größere Zahl von Werkzeugen. Mit dem Lagerturm stößt Apfel nun in neue Dimensionen vor. Der Lagerturm verfügt über ein integriertes Steuerungssystem, bei dem alle gelagerten Produkte nach Bediener angelegt und einem Tablar zugeordnet werden. Will ein Bediener auf ein bestimmtes Produkt zugreifen, wählt er dieses über das übersichtliche Bedienfeld, und die Steuerung liefert ihm das entsprechende Tablar an die Bedienstation.

Alternativ kann der Lagerturm an eine ERP-Software mit der eigenen Datenbank des Kunden angeschlossen werden, sodass die Produkte bequem am PC ausgewählt werden können. In der Entwicklung befindet sich auch eine Bedien-App für Smartphones, mit der die Lagertürme in naher Zukunft über das Funknetz vollautomatisch und mobil gesteuert werden können. Die Automatisierung bedeutet maximalen Bedienkomfort, und vor allem werden die Zugriffszeiten auf jedes beliebige, im Lagerturm aufbewahrte Produkt auf unter eine Minute reduziert. Dabei kann für jedes Tablar eine individuelle Transportgeschwindigkeit eingestellt werden, je nach eingelagerter Ware.

Flexibel in die Zukunft

Maximale Effizienz und Flexibilität in der Fertigung – diesen Zielen hat sich Apfel grundsätzlich verschrieben. Alle Lagerlösungen – von der Arbeitsinsel ABI über die Werkzeugschränke WKS bis hin zum Lagerturm – wachsen vom kleinen Start-up über mittelständische Betriebe bis hin zu spezialisierten Großfabrikationen mit der Produktion des Kundenbetriebs mit. Sie verfügen alle über eine modulare und somit erweiterbare Bauweise.

»Damit ist die Produktion eines jeden Kundenbetriebs mit den modularen Lagerlösungen von Apfel gut gerüstet für die Zukunft. Denn in einer Zeit, in der Produkt- und Innovationszyklen immer kürzer werden und die Fabrikation 4.0 quasi vor der Haustür steht, liegt der Wettbewerbsvorteil der Zukunft in der Fähigkeit eines Unternehmens, auf Veränderungen zu reagieren«, erwartet Stefan Apfel.

Erschienen in Ausgabe: 05/2015