Quotient fünf

Check

Die Stahlwerke der Zukunft verbrauchen gegenüber heutigen nur noch einen Bruchteil der Energie – und durch partiellen Ersatz von Kohle durch Erdgas reduzieren sie den CO2-Ausstoß sogar überproportional.

27. August 2010

Arbeitsplätze schaffen ist leicht: Man kann zum Beispiel eine neue Steuer einführen und allen Betroffenen einen gleich hohen Ausgleich zahlen – wenn man sie nicht gleich generell per ›Ausnahme‹-Regelung befreit (siehe ›Öko‹-Steuer).

So will es etwa der Stahlverband, denn seine Mitglieder wären von einer CO2-Abgabe empfindlich betroffen. Also brauchen sie eine Ausgleichszahlung. Andernfalls müssten sie ihre Ausdünstungen reduzieren, was ja der Zweck der Steuer wäre – und das geht doch nicht. Also ist wieder einmal der Standort Deutschland in Gefahr. Vor gut 25 Jahren gab es eine ähnliche Argumentation gegen Rauchgasentgiftungsanlagen. Ergebnis: Deutschland ist immer noch Industriestandort, und zudem Markt- und Technologieführer auf dem Gebiet Rauchgasreinigung.

Die andere Möglichkeit der Kostenreduktion wäre, Anlagen nach dem Stand der Technik zu bauen. Dauert zwar etwas, hilft aber. Das unter anderem zeigt Ernst Ulrich von Weizsäcker im Buch ›Faktor fünf‹, das besser ›Quotient fünf‹ hieße, denn es beschreibt, wie Industrieländer Rohstoffverbrauch und Umweltbelastung problemlos auf ein Fünftel reduzieren könnten – ohne Einbußen an Lebensqualität.

Im Falle Stahl hieße das, kohle- und koksbefeuerte Hochöfen durch elektrisch betriebene zu ersetzen. Die kann man inzwischen nicht mehr nur für die Schrottschmelze verwenden, sondern auch für (optimal in erdgasbetriebenen Wirbelschichtöfen) direkt reduziertes Eisen (DRI). Durch zusätzliche Nutzung der Prozesswärme und ›Endformguss‹ würde man dann nur noch 8 GJ/t Stahl benötigen – gegenüber 28 GJ/t im Weltdurchschnitt heute (18 GJ/t in Deutschland, 32 GJ/t in China). Störend wirken hier nur der schlechte Wirkungsgrad und der immer noch hohe Kohleanteil in der Stromerzeugung.

Doch es geht weiter: In wenigen Jahren könnten – dank Stahlknappheit und (am besten weltweiter) CO2-Abgabe – schon jetzt funktionierende Methoden wirtschaftlich sein, die den Strombedarf auf 2 GJ/t Stahl senken würden.

Apropos Knappheit: Um den Wirkungsgrad wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erhöhen, braucht man mutige und intelligente Politiker. Auch damit kennt sich Ernst Ulrich von Weizsäcker aus: Er war von 1998 bis 2005 MdB.

Erschienen in Ausgabe: 04/2010