Quo vadis DIN 9001?

Ist ihr Betrieb zertifiziert? Mit dieser Frage müssen sich Maschinenbauer konfrontieren. Wolfgang Fottner beleuchtet Sinn und Unsinn von QM-Systemen.

14. März 2008

Viele Unternehmen, haben sich in den letzten Jahren einer Zertifizierungsprozedur nach ISO 9001 unterworfen. Oftmals nicht freiwillig. Die Drohung, künftig keine Aufträge zu erhalten, wirkte oft als Triebfeder zum QM-Zertifikat-Erwerb, obwohl die bisher gelieferten Produkte auch ohne diese Auszeichnung stets allen verlangten Qualitätskriterien entsprachen. Dieser Tendenz ist in aller Schärfe entgegenzutreten, da sich hier eine im Grunde sinnvolle Idee gegen das freie Unternehmertum wendet. Die ISO 9001 erblickte das Licht der Fertigungswelt in Ländern, die ihren Nachwuchskräften keine hochwertige Ausbildung nach deutschem Standard vermitteln. Dies führte dort zur Notwendigkeit, ordnerweise Ablaufvorschriften zu erstellen. Die inflationäre Menge dieser ›Kochbücher für Halbköche‹ wird aus Zeitgründen von niemandem vollständig gelesen.

Gefährlicher Irrweg mit Potenzial zur Standortgefährdung

Die Idee, künftig in der Bundesrepublik Deutschland ebenfalls Modulsysteme in der Ausbildung einzusetzen, wie sie bereits etwa in England installiert sind, wird dazu führen, dass die hochwertige und umfassende Ausbildung deutscher Fachkräfte auf der Strecke bleibt. Die Notwendigkeit der flächendeckenden Einführung eines QM-Systems ergibt sich künftig von selbst, da derart ausgebildetes Personal keine umfassenden Fachkenntnisse mehr besitzen wird — schließlich ist es kostenoptimal lediglich für die Belange des jeweiligen Betriebs ausgebildet. Folglich wird dieses Personal nur eingeschränkt in der Lage sein, komplizierte Handlungen durchzuführen oder passende Lösungen für Fertigungshemmnisse zu finden. Der umfassend ausgebildete Fachmann wird dem sklavisch ausführende Fachidioten weichen — mit weitreichenden, nicht nur finanziell negativen Folgen besonders für klein- und mittelständische Unternehmen. Schlagkräftige, schlanke Organisationen — Stichworte: Fraktale Fabrik, Lean Management —, die globalen Stürmen widerstehen, benötigen umfangreich ausgebildetes Personal. Mitarbeiter, die mehr Zeit mit Lesen und Dokumentieren als mit ihren eigentlichen Aufgaben zubringen, sind dafür nicht geeignet. Ganz abgesehen davon, dass mit dem Modul-Konzept an den Grundprinzipien der dualen Berufsausbildung gerüttelt wird.

QM-Kosten betragen bis zu zehn Prozent vom Umsatz

Die Anwendung von QM-Systemen in sicherheitswichtigen Bereichen wie beispielsweise der Luft- und Raumfahrt oder im Kernkraftbereich steht außer Frage. Selbst Störfälle können so durch hochqualifiziertes Fachpersonal bewältigt werden. Kritisch zu hinterfragen ist allerdings die übermäßige Ausweitung dieser Systeme auf Bereiche wie etwa das Personalwesen. Die Kosten für ein QM-System betragen heute mitunter bis zu zehn Prozent vom Umsatz. Hier stellt sich die Frage nach der Relation zwischen Ertrag und Aufwand. Deutsche Unternehmen sind gut beraten sich zu vergegenwärtigen, dass sie in der Regel Fachkräfte mit langjähriger Ausbildungszeit beschäftigen, die viel besser als jedes noch so detaillierte Papierwerk in der Lage sind, unterschiedlichste Ereignisse zu meistern. Völlig inakzeptabel ist die Tatsache, dass Unternehmen, die noch keine Zertifizierung vorweisen können, von Partnerunternehmen zur Zertifizierung gezwungen werden, wollen sie weiterhin Aufträge erhalten. Die oftmals jahrelange und problemlose Zusammenarbeit spielt plötzlich keine Rolle mehr. Unternehmen, die stets anspruchsvollste Produkte, fehlerfrei nach Zeichnung fertigten und lieferten, sehen sich unverhofft mit einem Problem konfrontiert. Warum eigentlich? Dazu ein Beispiel: Ein namhaftes schwäbisches Unternehmen, berühmt für seine herausragenden Innovationen, besitzt seit Jahrzehnten eine hochwertige Dokumentation für seine gefertigten Produkte. Die Geschäftsleitung bereitet sich nun seit geraumer Zeit auf die Zertifizierung vor. Auf die Frage, warum sie das denn täte, erfolgte die Antwort, »dass man so ein Zertifikat heute eben haben muss« und schob nach, »damit man auch künftig Aufträge erhalten kann«. Hier ist ganz klar festzuhalten, dass sich in dieser Aussage eine Fehlentwicklung des QM-Gedankens herauskristallisiert. Dieses Unternehmen hat schon lange bewiesen, dass es in der Lage ist, Spitzenprodukte zu wettbewerbsfähigen Preisen anzubieten. Schon das sehr strenge Produkthaftungsgesetz sorgt dafür, dass jedes Unternehmen bestrebt ist, Qualität zu liefern. Wenn Unternehmen nun gezwungen werden, eine Zertifizierung vorzunehmen, um wirtschaftliche Schäden in Form ausbleibender Aufträge abzuwehren, dann entpuppt sich der QM-Gedanke durch diesen Zwang als geschäftsschädigend. Ein weiteres Indiz für die Fehlentwicklung im QM-Bereich schildert folgender Fall: Ein renommiertes Allgäuer Maschinenbauunternehmen suchte einen zuverlässigen Zulieferer für seine anspruchsvollen Produkte. Als dieser gefunden war und der Fertigungsprozess so umgestaltet werden konnte, dass die Produkte den hohen Anforderungen entsprachen, musste sich der Zulieferer für viel Geld durch einen Zertifizierungs-Dienstleister zertifizieren lassen. Auch hier die Frage: Warum eigentlich? Hier hätte die Anerkennung beziehungsweise Zertifizierung durch das Maschinenbauunternehmen selbst vollauf genügt. Die ISO 9001-Norm schreibt nicht vor, dass nur bestimmte Unternehmen ein Zertifikat ausstellen dürfen.

Keine Wettbewerbs- oder Rationalisierungsvorteile

Neben einer verbesserten Transparenz der betrieblichen Abläufe geben viele Unternehmen die verbesserte Rechts- und Nachweissicherheit an. Wettbewerbsvorteile oder Rationalisierungseffekte können jedoch nicht vermeldet werden. Die wirtschaftliche Bedeutung einer Zertifizierung wird daher weit überschätzt. Positive Effekte wie die Steigerung des Umsatzes werden zwar oft auf QM-Methoden zurückgeführt, sind aber häufig das Ergebnis ganz anderer Einflüsse, die etwa durch veränderte Marktbedingungen wirksam werden. Grundsätzlich ist das Ziel jeder Qualitätssteigerung eine sich daraus ergebende Gewinnsteigerung. In vielen Unternehmen ist jedoch beobachtbar, dass sich das QM-System zu einer Schreckgestalt entwickelt hat, in der eine laufende Qualitätsverbesserung zum reinen Selbstzweck erstarrt ist. Man schmückt sich lediglich damit. Oft wird das QM-Zertifikat ›gekauft‹, um zu verhindern, dass Aufträge ausbleiben. Dieser Irrweg führte dazu, dass sich das Qualitätsmanagement zu einem Herrschaftssystem entwickeln konnte, in dem sich unsere Unternehmen immer mehr verstricken und dieses darüber hinaus Jahr für Jahr mit Milliardenbeträgen füttern. Der Zeitaufwand für Kontrollen steigt ins uferlose, denn die Dokumentation und ihre Auswertung wollen ja überwacht sein. Dieses Phänomen führt dazu, dass nicht nur Industriebetriebe durch die ausufernde Dokumentationspflicht in ihrer eigentlichen Arbeit behindert werden, wie am Gesundheitssystem oder in den Altenheimen vielfach deutlich erkennbar ist.

Chancen ergreifen, Fesseln lösen

Durch einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess sollte das Gold in den Köpfen der Mitarbeiter gehoben werden. Doch erleben die Mitarbeiter diesen Prozess häufig als problematisch, da die Ergebnisse der mit großem zeitlichem Aufwand durchgeführten Planungszirkel oft geschönt sind und die Bewertungs- und Vergütungsstrategien als ungerecht empfunden werden. Die Rolle von QM-Systemen ist nicht per se schlecht. Allerdings müssen diese Systeme auf ein gesundes Maß zurückgestutzt werden. Diese Systeme bieten die Chance, interne Prozesse zu optimieren und Betriebsblindheit zu überwinden. Zudem profitieren nicht nur die Beschäftigten, wenn Sicherheits-, Umwelt- und Gesundheitszentrierte Systeme installiert werden. Unternehmen sind gut beraten, sich ihrer Stärken zu besinnen und dem QM-Zwang selbstbewusst entgegenzutreten. Wer bisher Spitzenqualität lieferte, soll dies auch künftig ohne Zertifikat tun können und die Möglichkeit haben, eingesparte Zertifizierungskosten in weiter verbesserte Produkte und Abläufe zu stecken. Nur zweifelhafte Glaubens- und Religionsgemeinschaften verlangen von ihren Mitgliedern die völlige Unterwerfung, um die totale Macht über sie zu gewinnen.

Wolfgang Fottner

Erschienen in Ausgabe: 03/2008