Putzmunter und gestärkt

Editorial

Von drauß vom Walde … Also: Da wo ich herkomme, sagt man »vom Woid drinad ...«. Wer sich jetzt schon wieder auf die Schenkel klopft ob der dummen Seppeln in den Lederhosen, sollte lieber mit einem Besen vor die Tür gehen und beim Kehren über den Unterschied von (hier-)›hin‹ und (hier-)›her‹ meditieren. In diesem Zusammenhang sei ein kleiner Hinweis auf die Benjamin-Clugsch-Glosse am Ende dieses Heftes erlaubt. Aber zurück: Genau genommen bin ich gar nicht vom Wald daheim, sondern aus einer Vorstadt jener liebenswerten grünen ›Hölle‹.

07. Dezember 2010

Das Stichwort Hölle führt uns geradewegs ins Jahr 1960, dem Jahr der bbr-Gründung. Wieso Hölle? Fast alles war doch wieder aufgebaut, kaum noch Ruinen, allenfalls noch nackte Brandmauern zu sehen, nur noch wenige Menschen hungerten in Deutschland; eine Welt fast wie im Heimatfilm, nur ohne Wilderer. Nun gut, es gab noch Behelfsheime und Baracken, ab und zu sah man einen Kriegsversehrten, aber sonst war alles in Ordnung – wenn man sich anpasste. Wer freilich anders war, gehörte »an die Wand«, »vergast« oder »rüber« – eine Haltung, die heute doch etwas seltener geworden ist, zumindest in den Städten. 1960 war die Hoch-Zeit des pusseligen Spießertums – von da an ging’s bergab damit.

Den raumfahrenden Russen und Amerikanern tat sich 1960 der Himmel immer weiter auf, aber einem guten Dutzend Sechsjähriger die Hölle, personifiziert durch ihre erste Lehrerin, die dafür sorgte, dass das Thema Schule für etwa die nächsten zehn Jahre zwischen Grauen und Panik angesiedelt war.

Schlüsselreize

Womit wir schon im (vor allem für angehende Männer) aussichtsreichen Jahr 1970 angekommen wären, als die jungen Menschen völlig anders aussahen als 1960: Die jungen Frauen glichen die extrem kurzen Röcke und Hosen durch extrem lange Haare aus, auch die meisten jungen Männer reduzierten ihr Friseur-Budget radikal. Und man wurde politisch. Sehr sogar.

Das war man auch noch 1980, im Gründungsjahr der ›Grünen‹, nur ging es jetzt nicht mehr um den gesellschaftlichen Umsturz – der hatte zumindest in Nuancen stattgefunden –, sondern gegen jegliche Nutzung der Atomenergie. Die Feindbilder waren klar: Reagan und die Russen. Doch dann kam Gorbatschow dazwischen und das Feindbild abhanden.

1990, nach der Atomisierung des Eisernen Vorhangs, wurde klar, wozu Jahrzehnte beziehungsweise Jahrhunderte ohne Aufklärung führen können: einem Boom volksdümmlicher Fernsehsendungen im nächsten, religiösem Fanatismus im Nahen und Stammeskriegen im Mittleren Osten.

2000 benutzte die ›Generation Golf‹ ganz böse Wörter, die dem aktiven Wortschatz ihrer Eltern noch gefehlt hatten: »Karriere« zum Beispiel. Die Eltern, das waren die bösen und nichtsnutzigen ›68er‹, die der Welt so schlimme Dinge wie Kitas und wilde Ehen, die Strafbefreiung der Kuppelei, unehelichen Kindern und Homosexuellen eine Art Menschenwürde und Ehefrauen das Recht auf Arbeit, die Verfügungsgewalt über ihr Einkommen, eine freiere Namenswahl und Männern freiere Kragen beschert hatten. Selbst Nachrichtensprecherinnen, Regierungschefinnen, Polit- und andere, sogar Sport-Moderatorinnen konnten Frauen werden und ohne Angst vor Rausschmiss genau so dumm daherreden wie ihre männlichen Kollegen.

Und 2010, das Jahr nach der Krise? Es ist ein Ruck gegangen durch Deutschland, besonders durch die Maschinenbau- und Werkzeugindustrie. Nehmen Sie den Schwung mit! Wer mehr Maschinen bauen muss, muss auch mehr Maschinen und Werkzeuge kaufen. Lassen Sie dem Boom der Auslandsnachfrage den im Inland folgen!

Auch die Fachzeitschriftbbr, gerade 50 geworden und damit an der Schwelle zum besten Mannesalter, wird, putzmunter und gestärkt, schwungvoll ins nächste Jahr gehen. Schwingen Sie mit uns, und ich verkündige Ihnen schon jetzt große Freude!

Und weil wir gerade dabei sind: Falls Sie immer noch nicht wissen, was Sie schenken sollen, dann spenden Sie! Und lassen Sie die Silvesterknallerei bleiben! Die schadet nur.

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 06/2010