"Professioneller Widerstand"

HERIBERT HEINZ, INHABER DER COSYTRONIC GMBH, SOWIE DER GESCHÄFTSFÜHRENDE GESELLSCHAFTER DER DALEX SCHWEISSMASCHINEN GMBH, ULRICH EICHLING, ÜBER IHRE PLÄNE MIT DER »NEUEN« DALEX.

09. November 2004

br: Herr Eichling, es kommt nicht eben häufig vor, daß sich mittelständische Unternehmer zusammentun, um ein Unternehmen vor dem Konkurs zu retten. Warum haben Sie es dennoch getan?

EICHLING: Nun, wir sind eine in der Region Wissen und darüber hinaus wirtschafts- und sozialpolitisch engagierte Gruppe von Unternehmern und Managern. Als im Herbst 2002 die Insolvenz der Dalex-Werke Niepenberg GmbH nicht abzuwenden war, wollten wir wenigstens einen Teil der Arbeitsplätze hier im Westerwald und das komplette schweißtechnische Know-how dieses fast einhundert Jahre alten Traditionsunternehmens der deutschen Schweißbranche retten. In einer Marktuntersuchung aus dem gleichen Jahr war Dalex mit einem Bekanntheitsgrad von 98 Prozent nämlich das führende Unternehmen der Schweißtechnik in Deutschland. Und als dann noch Insolvenzverwalter Dirk Obermüller die Unternehmensbasis von Dalex analysiert und dem Unternehmen die Zukunftsfähigkeit attestiert hatte, wenn eine neue Führungsmannschaft die bestehenden Strukturen und das Produktportfolio rigoros umkrempelt, war uns klar: Wir können Dalex retten.

Wer war der Ideengeber für den Coup?

Die Initialzündung kam eigentlich von einem Dalex-Kunden, Friedrich Mayinger, Geschäftsführer der Stanztech Blechformteile GmbH, einem Automobilzulieferer in Treuenbrietzen, und von einem Dalex-Partner, Heribert Heinz, Inhaber der Cosytronic GmbH in Wissen. Beide hatten außer dem sozialen auch ein starkes wirtschaftliches Interesse, daß Dalex weiterhin bestehen bleibt: Cosytronic entwickelt und fertigt Steuerungen und Antriebe für die Schweißtechnik und hat damit unter anderem die Servozangen ausgerüstet, die in der Fertigung des neuen Audi A3 und des A6 zum Einsatz kommen. Stanztech gehört zur Kölner Kohl und Sohn AG, als Unternehmen der blechbe- und -verarbeitenden Industrie ein langjähriger Dalex-Kunde und daher auf Schweiß- Equipment aus Wissen angewiesen. Heribert Heinz, Friedrich Mayinger und fünf weitere Investoren, darunter auch ich, haben im Frühjahr 2003 die Namensrechte, die Gebäude, die Fertigungs- und Büroeinrichtungen und etwa 100 Mitarbeiter der Dalex Niepenberg GmbH in Wissen übernommen und Anfang Juni die Dalex Schweißmaschinen GmbH gegründet.

Herr Heinz, wie war es um die Finanzierung all dessen bestellt?

Trotz der positiven Analyse des Insolvenzverwalters wollte uns zunächst keine Bank Kredite gewähren. Es ist schon traurig, daß auf diese Art und Weise unternehmerische Eigeninitiative lahmgelegt anstatt gefördert wird. Das Start- und Eigenkapital der neuen Dalex kommt also weitgehend aus dem Privatvermögen der Investorengruppe. Unterstützung gab es dann aber doch noch: Durch Vermittlung des Wirtschaftsministers von Rheinland-Pfalz, Artur Baukhage, haben wir über Landesbürgschaften Banken gefunden, die uns mit entsprechenden Kreditlinien begleiten.

Wie sieht Ihre Bilanz nach knapp eineinhalb Jahren aus, Herr Eichling?

Im ersten Rumpf-Geschäftsjahr haben wir bei einem Umsatz von elf Millionen Euro einen guten Gewinn eingefahren und beschäftigen gegenwärtig etwa 130 Mitarbeiter. Für dieses Geschäftsjahr planen wir einen Umsatz von siebzehn Millionen Euro. Erst kürzlich haben wir einen Auftrag von DaimlerChrysler zur Lieferung von zwei Mega-Schweißpressen für das neue Preßwerk in Sindelfingen erhalten. Auftragswert: eine Million Euro.

Was prädestiniert Sie zum Geschäftsführer der ›neuen‹ Dalex?

Zugegeben: Anders als Heribert Heinz und Friedrich Mayinger bin ich kein Schweißfachmann. Meine Aufgaben liegen auch weniger im technischen Bereich, sondern eher im Aufbau der neuen Führungs- und Vertriebsstruktur. Und dafür prädestinieren mich meine Erfahrungen, die ich in der global aktiven Unternehmensberatung Kienbaum, in Top-Positionen bei AEG und den Geschäftsführungen von verschiedenen mittelständischen Unternehmen, unter anderem bei der Wolf-Garten-Gruppe in Betzdorf, gesammelt und - offensichtlich - positiv umgesetzt habe. Sonst hätten mir die Investoren wohl kaum das Vertrauen als Geschäftsführer der Dalex ausgesprochen. Eine meiner Aufgaben war, schon jetzt die Nachfolge zu regeln. Das ist jetzt in trockenen Tüchern: Auf der Euro-Blech in Hannover werden wir den neuen Dalex-Geschäftsführer vorstellen, den ich voraussichtlich noch zwei Jahre begleitend unterstützen werde.

Wie sehen diese neuen Strukturen aus?

Auf der Führungs- und Fertigungsebene ganz schlank. Wir haben den aufgeblähten personellen Overhead in der Verwaltung abgebaut und die Fertigungstiefe deutlich reduziert. Unser Vertrieb ist auf direkte Tuchfühlung mit dem Markt gegangen. Von der ursprünglichen Vertriebsorganisation mit eigenen Niederlassungen haben wir uns verabschiedet - zugunsten eines an Kundenforderungen orientierten Partnerkonzeptes, bei dem jeder Schweißfachbetrieb, der Dalex-Maschinen verkauft oder unsere Komponenten einsetzt, unser Partner werden soll. Unsere Standard- beziehungsweise Serienmaschinen werden ausschließlich von Händlern vertrieben. Der Vertrieb am Standort Wissen fungiert als Fachberater gleichermaßen für Händler und Kunden. Unser erklärtes Ziel ist es, mittelfristig ein Partner-Netzwerk aufzubauen, das ohne Gebietsschutz und die dadurch vorprogrammierten Animositäten funktioniert.

Herr Heinz, welche Neuausrichtungen gibt es hinsichtlich der Produktstrategie?

Die Themen Lichtbogenschweißen und Clinchen, welche die Dalex Niepenberg vor Jahren massiv forciert hatte, verfolgen wir nicht weiter. Von Anfang an war klar, daß wir nur dann erfolgreich sein werden, wenn wir uns auf das Kerngeschäft konzentrieren, und das heißt Widerstandsschweißen. Bei uns gibt es vier Geschäftsbereiche: Serien- beziehungsweise Standardmaschinen, Sondermaschinen und kundenspezifische Schweißanlagen, elektromotorische Punktschweißzangen und - last but not least - Komponenten, vornehmlich Mittelfrequenz-Transformatoren aus eigener Fertigung. Durch die Partnerschaft mit meinem Unternehmen Cosytronic wollen wir das Thema Servotechnik forcieren und zum innovativsten Anbieter von Widerstandsschweißtechnik in Europa werden. Der Clou ist, daß wir die neue Technik auf etablierten Systemen wie den Euro-Zangen oder klassischen Buckelpressen umsetzen. Erst kürzlich haben wir eine Produktoffensive gestartet, bei der wir nach einem kompletten Re-Engineering Schweißmaschinen ›Made in Germany‹ zu Preisen anbieten, wie sie der Markt erwartet. Nicht verstecken müssen wir uns vor unserer werten Konkurrenz aus Italien oder aus Osteuropa - ganz im Gegenteil: Selbst in deren Heimatmärkten sind wir jetzt im Rennen.

Und die Entwicklungsphilosophie bei Dalex?

Objektiv betrachtet, hat sich das Widerstandsschweißen seit den 80ern eigentlich nicht wesentlich weiterentwickelt, sieht man einmal von Verbesserungen an der Mechanik und der Steuerung ab. Über Jahrzehnte hinweg hat man auf Pneumatik gesetzt, obwohl sich das Medium Luft eigentlich nur sehr schwer ›dressieren‹ läßt. Bei kniffligen Dingen, etwa dem Verschweißen unterschiedlicher Materialkombinationen oder von Aluminiumblechen, mußten Anwender mit Kompromißlösungen vorlieb nehmen. Genau hier setzen die Entwicklungsingenieure von Dalex und Cosytronic an. Konkret nutzen wollen wir die Möglichkeiten, die moderne Servoantriebe bieten, und die sind noch lange nicht ausgereizt. Im Entwicklungszentrum von Dalex haben wir alle Möglichkeiten, um neue Schweißlösungen zu kreieren und bis zur Marktreife auszutesten. Also, was Innovationen anbelangt, da wird einiges auf den Markt und die Dalex-Kunden zukommen. Auf der EuroBlech beispielsweise wollen wir eine klare Aussage zur Qualität von Schweißpunkten machen - fast schon revolutionär beim eher konservativen Widerstandsschweißen. Im Sondermaschinenbau und bei kundenspezifi sche Lösungen erwarten immer mehr Unternehmen von ihren Ausrüstern und Zulieferern umfassendes Knowhow für die Beherrschung von prozeßtechnischen Problemen. Sie verlangen Komplettlösungen - in unserem Fall zum Widerstandsschweißen. Wir haben beides: Prozeß-Know-how und Fertigungskompetenz. Die Bandbreite unserer Leistungen reicht von der Beratung über die optimale Schweißlösung und die entsprechende Technik inklusive Anlagenbau bis hin zum Service. Das gleiche gilt auch für Komponenten und Systeme, die wir nicht fertigen sondern zukaufen.

Herr Eichling, das 3. Standbein der ›neuen‹ Dalex sind mobile und stationäre Punktschweißzangen. Wohin geht hier die Entwicklung?

Hier setzen wir auf das gewachsene Knowhow, das sich Dalex in den letzten Jahren im Nischensegment mit pfiffigen Sonderlösungen bei Punktschweißzangen erarbeitet hat. Wie groß das Vertrauen in die Kompetenz von Dalex hierbei ist, zeigt, daß wir den Auftrag erhalten haben, für die Prototypenfertigung des neuen Daimler Sprinters in Düsseldorf die Kabelhandzangen zu liefern. Auftragswert etwa 1,5 Millionen Euro. Das sind Erfolge, die Mut machen und zeigen, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Wir wollen aber auch ins klassische Industriegeschäft, und zwar mit servomotorischen Zangenpaketen, die wir gemeinsam mit unserem Technologie-Partner Cosytronic realisieren.

Erschienen in Ausgabe: 10/2004