Pressen für Le Mans

In vier Minuten zum neuen Werkstück

Was hat Le Mans mit italienischen Pressen für den Automobilbau zu tun? Sehr viel, denn eines der führenden italienischen Unternehmen in der spanlosen Blechumformung hat einen Auftrag über mehrere Millionen Euro von einem Tochterunternehmen eines großen französischen Automobilunternehmens in Le Mans erhalten. Und dort, wo die berühmten Rennwagen ihr 24-Stunden-Rennen bestreiten, werden die italienischen Transferpressen fast pausenlos - und wenn, dann mit kürzesten Boxenstopp - Autoteile für den großen französischen Automobilbauer herstellen - was sonst ?

26. März 2002

Anläßlich einer Hausmesse in Pavone Mella bei Brescia, Italien, stellte Rovetta-Presse, ein Unternehmen der Manzoni-group, eine Groß-Transferpresse mit Doppelstößel vor. Die Transferpresse wird an ACI/Renault nach Le Mans geliefert.

Die Groß-Transferpresse mit einer Nennpreßkraft von 30.000 kN besteht aus einer 20.000-kN-Einheit (erster Schlitten) und einer 10.000-kN-Einheit (zweiter Schlitten). Die jeweilige Stößelfläche der beiden Module beträgt 4.200 x 2.500 mm. Mit einer Höhe von über elf Metern, einer Länge von 24 Metern und einer Breite von elf Metern, sowie einer Fundamentgrube von sieben Metern Tiefe, gehört die Anlage sicher zu den ganz großen Pressen im Automobilbau.

Zu dieser Presse, die ausschließlich für die Produktion eingesetzt wird, liefert die Manzoni-group noch eine 20.000-kN-Presse, die baugleich mit dem 20.000-kN-Modul der Großpresse ist. Diese zweite Presse dient dem Austesten neuer Werkzeuge und zur Einstellparameter-Findung, denn wenn ein neues Werkzeug in der Produktion laufen soll, muß reibungslos in die „Produktionstransferpresse“ eingesetzt werden können.

Strategisch wichtig für Kunde und Lieferanten

Moderne Technik und die intensive Projektplanung zusammen mit dem Kunden, das ist das Erfolgsrezept der italienischen Unternehmensgruppe, die in Italien in der spanlosen Blechumformung eine führende Marktposition inne hat. Für die Italiener ist das Projekt strategisch sehr wichtig, denn es katapultiert sie in die Reihe der weltweit führenden Hersteller im Bereich der großen Pressen für die Automobilindustrie. Und für Renault ist das Projekt strategisch wichtig, da die Anlage von der Tochtergesellschaft Auto Chassis International in Le Mans (Frankreich) gekauft wird. Diese Tochter soll die Teile eines neuen Automodells herstellen und weltweit liefern. ACI wird der einzige Lieferant dieser Renaultteile sein. Die Geschäftsbeziehung zwischen dem französischen Unternehmen Manzoni stützt sich auf langjährige Beziehungen. Die Anlagen des italienischen Pressenherstellers sind bereits bei verschiedenen Renault-Werken in Frankreich, Spanien und der Türkei installiert. Und gerade jetzt, da sich der französische Autohersteller zunehmend international engagiert, wie mit der Vereinbarung mit Nissan in Japan oder dem Erwerb des rumänischen Unternehmens Dacia, wird die enge Beziehung für den italienischen Pressenhersteller noch interessanter.

Schneller Boxenstopp, dank eingespielter „Boxen“-Crew

Die Transferpresse ist ein eindrucksvolles Zeugnis für die Zusammenarbeit der einzelnen Unternehmen der Manzoni-Unternehmensgruppe. Die Automation, wie Transfergerät und Vorschub, werden im Werk Manzoni-Presse (Lecco) gebaut. Proseat steuerte den elektrischen und elektronischen Teil bei, und Innse-Presse-Sheet-Metal-Forming übernahm die mechanische Bearbeitung der Großbauteile. Rovetta-Presse beschäftigt derzeit rund 170 Mitarbeiter in der Produktion. Im Jahr verlassen rund 40 bis 45 Pressen - abhängig davon, wie viele Großpressen gebaut werden - das Werk bei Brescia. Rovetta bewegt sich zudem in einer Marktnische als Spezialist für kleine Pressen, die der Warmumformung von Buntmetall dienen. Mit den Rovetta-Pressen werden beispielsweise Wasser- und Gasarmaturen hergestellt. Mit diesen Spezialpressen wird das Material der Armaturen verdichtet und in die entgültige Form gebracht. In dieser Nische ist Rovetta der einzige außerjapanische Hersteller, der den japanischen Markt beliefert, und auch ein großer deutscher Armaturenhersteller greift auf die italienischen Pressen zurück.

Von der Nische zur Großpresse

Seit dem Zusammenschluß von Rovetta mit der Manzoni-group wurde das Werk um zwei Hallen erweitert und durch diese Kapazitätserweiterung und dem gesamten Firmen-Know-how war es möglich, die vorgestellte Groß-Transferpresse mit Doppelstößel herzustellen. Die Presse ist mit einem vollcomputerisierten Werkzeugwechsel-System ausgerüstet und kann normalerweise von nur einem Bediener gesteuert werden. Blechteile mit Abmessungen von 500 x 500 mm bis 2.000 x 1.000 mm und Blechdicken von 3 bis 5 mm können hier bearbeitet werden. Die Produktionsgeschwindigkeit beträgt 1.500 Teile pro Stunde! Doch nicht nur die schnelle Produktion ist gefragt. Der komplette Werkzeugwechsel gleicht einem rasanten Boxenstopp. Vom letzten produzierten Teil des „alten“ Werkzeuges bis zum ersten produzierten Teil des „neuen“ Werkzeuges vergehen gerade einmal 4 Minuten! Diesen rasanten Wechsel ermöglichen das Werkzeugwechselsystem und die ausgeklügelte Transfereinrichtung.

Takt für Takt zum fertigen Bauteil

Jede Einheit dieser mechanischen Transferpresse ist ein wichtiger Baustein in puncto Produktivität. In der Be-und Entladestation werden die vollen Materialpaletten über Kettensysteme und Rollen zugeführt und die leeren Paletten abgeführt. Dabei können maximal zwei volle und zwei leere Paletten in der Größe von 1.500 x 1.100 mm und einer maximalen Stapelhöhe von 400 mm aufgenommen werden. Eine volle Palette steht unter dem Magnet-Feeder, der die Bleche aufnimmt und der Presse zuführt. Das Zuführen der Bleche und die Entnahme der fertigen Bauteile erfolgt, ohne das die Presse angehalten werden müßte, im Pressentakt. Bei der Demonstration der Anlage wurden 3 mm starke Blechteile umgeformt, die Takt für Takt ihre entgültige Form erhielten. Dabei wurden die Blechteile automatisch den einzelnen Werkzeugstufen zugeführt, nach dem Preßvorgang entnommen und der nächsten Station zugeführt. In der letzten Werkzeugstation wurden die Teile, an denen der Stoßdämpfer eines Autos befestigt wird, getrennt und so entstanden pro Pressenhub zwei spiegelbildliche Autoteile.

Transfereinrichtung für beschleunigten Wechsel

Die Transfereinrichtung der Presse ist so aufgebaut, daß sie zum Werkzeugwechsel einfach heruntergefahren werden kann und die Werkzeuge über Schlitten der Presse zugeführt werden können. Zwei Stahlträgerrohre, in Längsrichtung montiert, nehmen die Aluminiumgreifer für den Blechtransfer auf. Während die Stahlträgerrohre fix stehen, bewegen sich die pneumatisch Aluminiumgreifer, angetrieben von 16 Motoren in Transferrichtung. Beim Werkzeugwechsel klappen die Stahlträgerrohre nach unten, und die Aluminiumgreifer werden automatisch ausgetauscht. So können die Werkzeuge auf ihren Schlitten bis zum Pressentisch vorgefahren werden. Aufgrund dieses Aufbaues ist die extrem kurze Werkzeugwechselzeit möglich. Die Presse wird mit einem 600-kW-Hauptmotor angetrieben. Vier pneumatisch gesteuerte Ziehkissen im ersten und drei Ziehkissen im zweiten Pressensegment verfügen über eine hydraulische Dämpfung und können hydraulisch verriegelt werden. Die gesamte Elektrik, Elektronik und Überwachung steuerte Proseat dazu. Mit zwei Kameras im Arbeitsraum der Presse kann der Betrieb überwacht werden. Die Steuerung der Gesamtanlage erfolgt von einem Steuerpult.

Insgesamt dauerte es 14 Monate vom Auftragseingang bis zur fertigen, funktionsüberprüften Presse, die bereits auf dem Weg zu ihrem französischen Bestimmungsort ist.

Erschienen in Ausgabe: 08/2001