Posi-tief im Westen

Standpunkt/Nikolaus Fecht

Eigentlich ist es eine Hymne an Bochum, findet bbr-Gastkommentator Nikolaus Fecht: Der Wahl-Gelsenkirchener schildert, warum Herbert Grönemeyers ›Tief im Westen‹ heute besser auf Duisburg passt.

18. März 2015

Was hat denn – um Himmelswillen – das gegrölte Lied des Albums ›4630 Bochum‹, das letztes Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feierte, mit bbr zu tun? Sehr viel, denn es ist nicht nur eine Hymne an Bochum, sondern auch eine Liebeserklärung an die Stahlregion Ruhrgebiet.

Bereits in der dritten Strophe kommt Sänger Grönemeyer zur Sache: »Du hast ’n Pulsschlag aus Stahl, man hört ihn laut in der Nacht.« Der gebürtige Bochumer (heute London, Berlin) meinte damals eigentlich den Schmiedehammer eines nahegelegenen Stahlwerks und die damals über 10000 Stahlarbeiter. Der stählerne Pulsschlag ist heute dank der modernen Maschinentechnik kaum noch zu hören, auch die Sonne verstaubt wegen der Weiterentwicklung der Filtertechnik (und dem Wegfall vieler Kohleöfen) nicht mehr.

Doch der eigentliche Stahlpuls schlägt heute rund um die Uhr in Nordrhein-Westfalen in Duisburg, Europas größtem Stahlstandort (rund zwölf Millionen Tonnen Stahl pro Jahr). Sehr eindrucksvoll bewies das im Sommer 2014 eine Journalisten-Rundreise zu drei Standorten. Von den durchschnittlich 1,2 Milliarden Euro, die Stahlkonzerne in ihre deutschen Produktionsstandorte pro Jahr investieren, dürfte etwa jeder vierte Euro in Duisburg ankommen. So gaben die Stahlkonzerne Thyssen-Krupp Steel Europe (unter anderem Hochofen), Hüttenwerke Krupp Mannesmann (neue Kokerei) und Arcelor-Mittal (neue Stranggießanlage, Europas größte Drahtstraße) seit 2010 rund eine Milliarde Mark für ihre Produktionsstandorte aus. Das Engagement lobt besonders Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link, der sich besonders über die Sicherung der Arbeitsplätze (aktuell fast 25000) durch die Investitionen in die Stahlerzeugung und -verarbeitung freut, »die sich schon viele chinesische Delegationen angesehen haben«.

Was interessiert denn Chinesen in Sachen Stahl besonders, wo doch dieser Werkstoff angeblich laut mancher Automobilisten schon längst zum alten Eisen (!) gehört, den langfristig Aluminium, Plastik und CFK ablösen werden? Ein gern besuchtes Ziel ist der Großhochofen 2 von ThyssenKrupp Steel Europe (TKSE), der im Hafen Schwelgern nach 21 Jahren nahezu ununterbrochenem Betrieb überholt wird. Rund 200 Millionen Euro gibt TKSE für Demontage, Instandhaltung und Reparatur aus. So erhält der Hochofen beispielsweise eine gemauerte Innenauskleidung, die beim Schmelzen des Eisens 2200 °C aushalten muss. Außer dem Hochofen modernisiert TKSE zwei Warmbandwerke, zwei Konverter und eine Stranggießanlage.

Sinn und Zweck dieses Retrofitting de luxe und der Neuinvestitionen bei allen drei Stahlkonzernen ist es, die Nase auch in der Automobilindustrie, etwa bei den höherfesten Stählen, weiterhin vorne zu haben. Dass dies im Standort Duisburg gelingt, verdeutlichte der TKSE-Produktionsvorstand Dr. Herbert Eichelkraut am Golf 7, der wieder aus mehr Stahl bestehe, während Aluminium in der Karosserie an Anteilen verloren habe.

Gut, der Golf 7 ist ein preiswertes Allerweltsauto. Doch wie sieht es bei den edlen und teuren Luxusautos und E-Mobilen aus, die ja in Sachen Werkstoffe für künftige Autogenerationen als innovative Vorreitern der Branche gelten? Dazu ein Blick auf Carbonfaserkunststoffe (CFK), für manche die Werkstoffe der Zukunft: Hier scheint die CFK-Euphorie doch wieder der Realität des Bezahlbaren zu weichen. BMW erwäge angeblich – so Dr. Eichelkraut – im Elektroauto I3 »eine wichtige Stahlkomponente« einzuführen. Diese Botschaft kam sogar in der Fachpresse gut an. So heißt es im Newsletter einer Wochenzeitung: »Eine Rückkehr zum Stahl beim I3 ließe sich als Sinneswandel interpretieren, denn BMW bewirbt die Autos der I-Reihe auch wegen der eingesetzten Werkstoffe als besonders innovativ.«

Tja, tief in Westen, wo die Sonne nicht mehr verstaubt, ist der Werkstoff Stahl viel besser, als man glaubt.

Zur Person

Nikolaus Fecht ist Diplomingenieur der Fachrichtung Elektrotechnik und freiberuflicher Fachjournalist.

»Tief im Westen,

wo die Sonne verstaubt,

ist es besser, viel besser,

als man glaubt!

Tief im Westen.

Tief im Westen.«

Herbert Grönemeyer

Erschienen in Ausgabe: 02/2015