Platzhirsche oder wie verteidige ich meine Marktposition?

Übrigens Prof. Dr.-Ing. Wolfram Volk

»Macht macht uns Spaß, Verantwortung Stress.«

13. Oktober 2015

über Methoden, wie man Testumgebungen erkennt und dann aktive ›Beschönigung‹ einleitet, ist in letzter Zeit viel geredet und geschrieben worden. Ich möchte diesmal das Thema von einer anderen Seite beleuchten und mich mit den dafür verantwortlichen Alphatieren auseinandersetzen.

Zuerst ist für mich spannend, die Definition eines Platzhirsches mal näher anzuschauen. In kurzer Form schreibt der Duden dazu: »Stärkster Hirsch, der sich im Kampf gegen Nebenbuhler behauptet und das Rudel führt.« Von der Seite her ist es eigentlich eine ganz natürliche und positive Eigenschaft. In der semantischen Verwendung hat aber der Platzhirsch aus meiner Sicht nach sehr viel mehr negative Aspekte bekommen. Ich finde, dass wir bei der Nennung des Platzhirsch-Gehabes irgendwie eine unnötige Aggressivität mit unterstellen.

In Wikipedia fand ich es schon ein wenig amüsant, dass der Platzhirsch angeblich auch an deutschen Universitäten verbreitet ist und damit Kollegen bezeichnet werden, die mit Studenten und Doktoranden versuchen, ihren Einfluss zu erhöhen. Ehrlich gesagt, hatte ich dies so noch nicht gehört, aber es geht in die Richtung, die ich gerne etwas näher diskutieren und damit auch Bezug zu den aktuellen Ereignissen herstellen möchte.

In jedem Marktsegment gibt es Marktführer. Manchmal haben diese Unternehmen marktbeherrschende Positionen, und dann wird es erfahrungsgemäß gefährlich. Es scheint einfach nur zu menschlich zu sein, dass der Platzhirsch nicht versucht, für sein Rudel die besseren Weidegründe zu finden, sondern alle Kraft aufwendet, um die Nebenbuhler von seinem Rudel (Kunden) fernzuhalten.

Die Methoden zur Erreichung dieser Ziele können dann schon manchmal die Grenzen der Legalität verlassen. In der Softwarebranche kennen wir die harten Urteile der Kartellbehörden in der Vergangenheit beispielsweise gegen Google oder Microsoft. Bei Volkswagen war es für mich ganz ähnlich. Um den Verkauf zu steigern, wurden die Methoden, um die Abgaswerte im Sinne der Absatzsteigerung und Verbesserung der Marktposition ›schön‹ zu rechnen, immer verwegener. Ein meiner Ansicht nach typisches Platzhirsch-Verhalten.

Sehr spannend fand ich die Aussage meines Kollegen aus der Fahrzeugtechnik, Prof. Lienkamp, dass die Möglichkeit, die Abgaswerte durch die sogenannte Zykluserkennung zu ›verbessern‹, schon lange in der Fachliteratur beschrieben wurde. Das ist somit keine Erfindung von Volkswagen, denn Toyota hatte beispielsweise auch schon für die softwaretechnische Zykluserkennung eine Strafe in den USA bezahlt. Es ist bekannt, dass wirklich jeder Hersteller die (legalen) Freiräume nutzt. Beispielsweise dürfen die Zyklustests zwischen 20° und 30° Celsius durchgeführt werden und daher haben die Klimakammern mit stabil 30° minus Epsilon Hochkonjunktur, da dort die Reibung am niedrigsten ist.

Am meisten nachdenklich hat mich gemacht, dass den zuständigen Ingenieuren offensichtlich jedes Rechtsbewusstsein gefehlt hat. Nehmen wir mal an, dass die obersten Manager wirklich nichts im Detail gewusst haben, dann bedeutet es doch, dass die zuständigen Fachingenieure tatsächlich nicht auf die Idee gekommen sind, dass die Software nicht nur ein Betrug am Kunden, sondern auch illegal ist. Ansonsten würde sich jeder zuständige Mitarbeiter doch ›nach oben‹ absichern.

Ein Lerneffekt dieses Skandals wird sicherlich sein, dass nun die obersten Manager wahrscheinlich vieler großen Unternehmen eine Lawine an Informationen bekommen, um in allen möglichen anderen Fällen die bewusste Verantwortung zu tragen, was zur Sicherung und Erhöhung der Marktstellung noch erlaubt und opportun ist. Dann dürfen sie zeigen, dass sie den Namen des Alphatiers im Sinne des Platzhirsches zu Recht tragen und ihr Unternehmen richtig steuern, aber auch die Verantwortung für die zugehörigen Maßnahmen übernehmen. Ob dies dann noch der Traumberuf ist und man noch ruhig schlafen kann, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ihr

Wolfram Volk

Erschienen in Ausgabe: 06/2015