»Perfektes Gesamtpaket«

Fokus/Wasserstrahlschneiden

Einer der größten Hersteller von Umform-, Druckguss-, Stanz- und Feinschneidwerkzeugen in Europa ist Aweba aus Aue im Erzgebirge. Diesen Erfolg verdankt man vor allem der Produktqualität, die wiederum – neben dem Know-how der Beschäftigten – auf der sorgfältigen Auswahl der Produktionsmaschinen beruht. Zu diesen gehört eine Wasserstrahl-Schneidanlage, die so genau und sauber arbeitet, dass sich spangebende Nachbearbeitungen erübrigen.

13. Oktober 2015

Die Erzgebirgsregion Aue-Schwarzenberg ist ›im Westen‹ vor allem durch zwei historische Gegebenheiten bekannt: Da ist zum einen die regional und zeitlich leider eng begrenzte, erst später so genannte ›Republik Schwarzenberg‹, von den Siegermächten zunächst übersehen und dann zusammen mit Thüringen und dem Süden Sachsens der damaligen sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen, nur durch das gleichnamige Buch Stefan Heyms in Erinnerung gehalten (Tipp: besorgen und lesen!); zum anderen ist da die einstige Betriebssportgemeinschaft ›BSG Wismut Aue‹ (heute FC Erzgebirge Aue) mit ihrer hin und wieder auch international auftretenden Fußballabteilung – dass sich hinter dem ziemlich harmlosen und wirtschaftlich bedeutungsarmen Schwermetall ›Wismut‹ ein ziemlich gefährliches und wirtschaftlich sehr bedeutungsvolles anderes Schwermetall verbarg, dessen Abbau und Verarbeitung Zehntausenden Gesundheit und Leben kosteten, erfuhr nicht nur der Westen, sondern auch die Erzgebirgsbevölkerung selbst erst in den 90ern: Uran. Mit der Entschärfung der Abraumhalden ist man bis dato gut beschäftigt.

Heute ist das Erzgebirge jedoch vor allem geprägt durch eine aufblühende Industrie, die auf einer langen Tradition basiert. Nicht zuletzt hat sich die Automobilindustrie schon vor über 100 Jahren in dieser Region etabliert. Ihr war bereits im frühen 19. Jahrhundert eine allgemeine Industrialisierung vorausgegangen, basierend auf handwerklichem Geschick der Bewohner und der Nähe zu wichtigen, oft schon seit dem Mittelalter genutzten Rohstoffquellen: Sachsen kann als Wiege des deutschen Maschinenbaus angesehen werden, noch vor dem Ruhrgebiet und lange vor Schwaben.

Kein Wunder, dass auch die Historie vieler Unternehmen aus dem Erzgebirge ins vorletzte Jahrhundert zurückreicht. Eines dieser Unternehmen ist die Aweba Werkzeugbau GmbH, einer der größten Werkzeugbauer Europas, gegründet 1882, also vor mehr als 130 Jahren. Zitieren wir aus Awebas Online-Vorstellung: »Mit der Fabrikation von Blechbearbeitungsmaschinen war der Stanz- und Schnittbau verbunden. Er lieferte die Formen, mit denen auf den Maschinen die gewünschte Metallerzeugnisse hergestellt werden konnten. Bernhard Hiltmann, ein Schlossergeselle erkannte, dass eine Trennung von Maschinen- und Werkzeugbau erhebliche Vorteile bringt. 1882 gründete er eine Spezialfabrik für Schnitt- und Stanzwerkzeuge und markierte mit diesem Datum einen Meilenstein für den Werkzeugbau: Ein älteres und nach wie vor am Markt bestehendes Unternehmen dieser Branche ist nicht bekannt.«

Etwa 465 Mitarbeiter schaffen alleine am Standort Aue, die Hälfte davon in der Fertigung. Der Umsatz wird dieses Jahr wahrscheinlich 50 Millionen Euro überschreiten; das ist fast eine Verdoppelung gegenüber 2009, also deutlich mehr als zehn Prozent Durchschnittswachstum pro Jahr. Das Unternehmen pulsiert: Wurden nach der ›Wende‹ die vielen kleinen Betriebstätten in und um Aue zum jetzigen Hauptsitz zusammengezogen, erlebt man jetzt aufgrund des Wachstums auch wieder eine gewisse räumliche Zerstreuung – auf inzwischen wieder zwei Standorte.

Alt ist diese Liebe zum nassen Schnitt noch nicht: 2008 begannen die Sondierungen in Richtung Wasserstrahl. Umso schneller freundete man sich dann mit dem Verfahren an, so dass man rasch auf Lieferantensuche gehen konnte. Das hört sich einfach an, aber Thomas Schlemmbach, Leiter des Bereichs Fertigung bei Aweba, mag sich vorgekommen sein wie der Gast eines guten Restaurants: Unter vielen guten Vorschlägen fällt die Entscheidung besonders schwer. Und gute Wasserstrahlschneidanlagen gibt es nicht zu knapp auf dem Markt.

Die beiden neuen Außenposten sind Zukäufen 2013 und 2014 zu verdanken, mit denen ein Gesamtumsatz von 58 Millionen € angestrebt wird; das übrige Wachstum ist organischer Natur. Aweba beschränkt sich auf die Herstellung von Werkzeugen, unter anderem für das Stanzen von Stahl, Edelstahl, Aluminium und Magnesium, und produziert keine eigenen Serienteile – mit einer Ausnahme: Einen gestanzten Synchronring für ein PKW-Getriebe kann die Aweba-Tochter Auer Teilefertigung statt der bisher gefrästen Ausführung anbieten.

Die Werkzeuge werden in erster Linie an die Automobilindustrie geliefert, aber auch in die Elektroindustrie: Generator- und Trafobleche sind typische Produkte, die mit Aweba-Werkzeugen geschnitten werden. Aweba kann Werkzeuge bis 40 t bauen, die meisten Werkzeuge liegen bei 25 t, was dem Geschäft jedoch nicht schadet – im Gegenteil, wie Thomas Schlemmbach, Leiter der Fertigung, versichert: »Wir sind der größte konzernunabhängige Werkzeugbauer Europas. Wir verzeichnen 5.000 Arbeitsbewegungen täglich und produzieren 50.000 Einzelteile pro Jahr.«

Die Werkzeuge werden einsatzfähig ausgeliefert: gehärtet, geschliffen, vermessen, geprüft, erprobt. Vorrichtungen und Spannwerkzeuge gehören ebenfalls zum Produktspektrum. Weitaus die meisten Teile kann Aweba im eigenen Hause mit dem jeweils besten Verfahren härten. Der der Vielfalt geschuldete Anlagenumfang wird allerdings durch die eigenen Produkte nicht ausgeschöpft, weshalb man die Härterei benachbarten und befreundeten Betrieben zur Verfügung stellt.

Härtungen sind aber nicht immer und überall willkommen, schon gar nicht zu früh in der Prozesskette, etwa beim Zuschnitt der Teile. Diese unerwünschten Randaufhärtungen treten aber praktisch immer auf, wenn thermisch geschnitten wird, beispielsweise mit Laser oder Plasma. Als Alternativen kommen Fräsen, Sägen, Drahterodieren und Wasserstrahlschneiden infrage. Fräsen erzeugt zu viel Abfall, Sägen ist unflexibel, Drahterodieren langsam. Deshalb wird bei Aweba gerne mit dem Wasserstrahl geschnitten: schmale Schnittfugen, nahezu beliebige Konturen, nahezu beliebige Werkstoffe, hoher Automationsgrad (›Geisterschichten‹), ausreichende Genauigkeit und Oberflächengüte – und vor allem: keine Gefügeänderungen.

Dem Wasserstrahlschneiden ist ja systemimmanent, dass auch die Anlagenkomponenten, soweit sie mit Abrasiv in Berührung kommen, verschleißen. Folglich spielen die schnelle Ersatzteilversorgung und eine effiziente Wartung eine herausragende Rolle. Inzwischen kennt man bei Aweba die Anlage gut genug, um gefährdete Komponenten rechtzeitig auszuwechseln. Die meisten Störungen, so selten sie ohnehin auftreten, kann der Betriebsschlosser selbst beheben. Auf der anderen Seite denkt auch Innomax mit, wie Ralf Hesselbach versichert: »Wir kennen die Laufleistung der Maschinen und bevorraten die eventuell kurzfristig benötigten Ersatzteile rechtzeitig.«

Schließlich fiel die Wahl auf den Mönchengladbacher Anbieter Innomax, der die Anlagen des US-Wasserstrahlpioniers Omax vertreibt. Das passte zusammen wie Nut und Feder: auf der einen Seite der Hersteller mit der größten Erfahrung im Wasserstrahlschneiden von Metallen, auf der anderen Seite der Anwender, der bis dahin überhaupt keine Erfahrung mit dieser Technologie hatte.

Vor allem aber hat Omax einen sehr guten Ruf in Sachen 3D-Schneiden, notwendig für die Kompensation der Konizität des Schneidspaltes. Ralf Hesselbach, bei Innomax zuständig für Vertrieb und Service am Standort Sachsen: »Omax war der erste Hersteller, der auch einen Schwenkkopf zum Wasserstrahlschneiden von Blech anbot.« Für einen Werkzeugbauer ist die Rechtwinkligkeit der Schnittflächen natürlich ein Muss. Der 3D-Kopf kann ± 9° schwenken, also mehr als genug.

Auf die Omax kann er sich da absolut verlassen, wie Ralf Hesselbach versichert: »Unsere Software errechnet abhängig vom Werkstoff, Materialstärke, gewünschter Schneidqualität, Abrasivmittel, Druck, Schneidbahnverlauf etcetera zu jeder Zeit den richtigen Kompensationswinkel, so dass sich der Anwender darüber keine Gedanken machen muss.« Nebenbei bemerkt: Innomax-Kunden können sich Software-Updates jederzeit kostenlos aus dem Netz herunterladen.

Der Präzisionskopf ermögliche präzise Schnitte, wie sie der Werkzeugbau braucht: ± 0,05 mm prozesssicher bei 20 mm Blechstärke bis hin zu ± 0,02 mm bei Einzelteilen. Die hohe Präzision in Verbindung mit großer Wirtschaftlichkeit sei, so Ralf Hesselbach weiter, zu einer Domäne von Omax geworden. Dagegen spielen Mehrkopfsysteme zur Produktion größerer Stückzahlen kaum eine Rolle im Omax-Programm.

Doch zurück zur Entscheidungsfindung: »Es waren mehrere Hersteller nahezu gleichauf: Der eine hatte hier die Nase vorne, der andere dort. Innomax hatte einfach das beste Gesamtpaket«, erinnert sich Thomas Schlemmbach. Nicht ganz unwesentlich war, dass einige Komponenten in der Nähe von Aue hergestellt wurden: »Hätten wir zum Beispiel ein Problem mit der Entschlammung, könnten wir uns direkt an den Hersteller der Entschlammungsanlage hier in der Nähe wenden und bekämen in kürzester Zeit Hilfe.«

Vom Sparen an der falschen Stelle rät Thomas Schlemmbach ab: »Qualität zahlt sich aus. Der Gewinn an Prozesssicherheit und Lebensdauer ist höher zu bewerten als die Steigerung der Anschaffungskosten. Omax entwickelt aber auch die Standardkomponenten permanent weiter. Das Upgrade für die Hochdruckpumpe brachte uns die doppelte Standzeit der Dichtungen.« Aweba nimmt die Anlage hart ran: Wo 4.000 bar draufsteht, wird auch gerne mit 4.000 bar gefahren – während es viele andere Wasserstrahlschneider dann eher bei 3.500 bis 3.600 bar bewenden lassen.

Den Hype, der vor einigen Jahren um Anlagen mit 6.000 bar und mehr zu beobachten war, hält Ralf Hesselbach für erledigt: »Man kann damit zwar etwas schneller schneiden, hat dann aber erheblich mehr Verschleiß und damit auch höhere Kosten.«

Der Verschleiß ist ein wichtiges Thema für Aweba, denn bei mehr als 3.000 Einsatzstunden pro Jahr – damit gilt Aweba als ›Poweruser‹ – muss die Maschine jederzeit verfügbar sein. Verfügbarkeit und Prozesssicherheit waren auch die wesentlichen Entscheidungskriterien, bekennt Thomas Schlemmbach: »Wir machen keinen Billig-Werkzeugbau, sondern liefern Qualität zu wettbewerbsfähigen Kosten. Folglich sind wir auch in der Auswahl unserer Betriebsmittel nicht preis-, sondern prozessgetrieben. Und Prozesse müssen nicht nur genau und reproduzierbar, sondern auch zu jedem gewünschten Zeitraum abrufbar sein. Innomax konnte uns glaubwürdig darlegen, dass sowohl Ersatzteile und -aggregate als auch, falls nötig, Fachkräfte innerhalb weniger Stunden an Ort und Stelle sein könnten.« Fertigungsmeister Andreas Günther bringt es auf den Punkt: »Die Zusammenarbeit mit Innomax ist bombig.«

Lohn dieser Kundennähe, die sich natürlich herumspricht: »Etwa 75 Prozent der Werkzeugbauer Sachsens, die mit Wasser schneiden, haben Omax-Maschinen«, schätzt Ralf Hesselbach.

Dies liege wohl auch an der Robustheit der amerikanischen Maschinen, wirft Andreas Günther ein: »Die Omax-Anlage kann ohne weiteres 20 Stunden am Stück durchlaufen.« Muss sie auch, denn mit einem 60 mm starken Blech von vier mal zwei Metern Größe – dafür ist das Bett groß genug – ist sie eine Weile beschäftigt. 20 Stunden am Stück heißt aber auch personalarme Nachtschicht und entsprechende Anforderungen an die Steuerung, damit die Maschine alles, wirklich alles ohne menschlichen Eingriff kann. Das gilt auch für scheinbare Kleinigkeiten wie den automatischen Einstich.

Die Anlage könnte auch 160 mm dicke Bleche schneiden, doch ist sie dann bei Aweba nicht mehr wirtschaftlich im Vergleich zum Fräsen oder Drahterodieren. Auch würde die Schnittfläche ziemlich rauh (Rz 20 nimmt Aweba noch hin). Deshalb lässt Thomas Schlemmbach nur Bleche zwischen 0,5 und 60 mm per Wasserstrahl schneiden.

Zwei mal vier Meter, 4.000 bar, automatischer Betrieb, Schwenkkopf, guter Service … so richtig sensationell klingt das alles nicht. Was gab also den Ausschlag zugunsten Innomax? Thomas Schlemmbach wiederholt kurz und knackig: »Das perfekte Gesamtpaket.«

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 06/2015