Paradigmenwechsel

Und was planen Sie?

Prozessfluide - hinter diesem Begriff verbirgt sich großes Potenzial. Zunehmend werden sie als wesentlicher Faktor von Fertigungskonzepten wahrgenommen. Ein Interview mit Dr. Martin Walter, Bechem Lubrication Technology.

06. Juni 2014

Herr Dr. Walter, auf der Webseite der Hannover Messe findet man Bechem in Rubriken wie ›Intelligente Funktionswerkstoffe‹, ›Systemlösungen für energieeffiziente Prozesse‹ und ›Verfahrenssubstitution‹. Was kann sich der Anwender konkret darunter vorstellen?

Als Hersteller von Hochleistungsschmierstoffen bieten wir ein breites Sortiment von Spezialprodukten und Prozessfluiden an. Hierzu gehören neben hochwertigen Standardprodukten auch neuartige Schmierstoffkonzepte für vielfältige Aufgaben, für die Schmierstoffe, ob als Konstruktionselement oder als Verfahrensmedium, entscheidenden Einfluss auf die Performance haben. Moderne industrielle Prozesse sind so komplex, dass die Wahrnehmung des Stellenwertes von Schmierstoff beim Anwender geschärft werden muss.

Ihr Kühlschmierstoffkonzept Berufluid ist im deutschen Sprachraum sehr bekannt. Gibt es weitere neuartige Schmierstoffkonzepte in Industrieanwendungen?

Das Potenzial des wasserbasierenden, viskosen Kühlschmierstoffs Berufluid für die Metallbearbeitung ist noch lange nicht ausgereizt. Aufgrund der Breite des Anwendungsspektrums können wir immer neue Prozesse von mineralölbasierenden Standardprodukten auf das mineralölfreie Konzept umstellen. Ein gutes Beispiel ist die Umstellung von Bearbeitungsöl auf Wasser bei einem Automobilzulieferer. Der konnte danach die zuvor auf zwei verschiedenen Maschinen durchgeführten Prozesse ›Fräsen und Feinschleifen‹ durch zwei aufeinanderfolgende Schleifoperationen ›Schruppen und Feinschleifen‹ auf einer Maschine ersetzen. Die Standzeitverlängerung von Werkzeug und Kühlschmiermedium zuzüglich Verschlankung des Workflows ergaben Produktivitätsverbesserungen im zweistelligen Prozentbereich. Ein zusätzlicher Nutzen ist die Reduzierung des Brandrisikos durch das wasserbasierende Medium.

Können Prozessänderungen und Schmierstoffkonzepte einen ›Paradigmenwechsel‹ auslösen?

Eine interessante Frage, deren Antwort wir uns bereits durch weitere Entwicklungsansätze genähert haben. Die Möglichkeit, das seit den 1930er-Jahren etablierte Verfahren der Zinkphosphatierung in der Umformtechnik durch ein phosphatfreies Beschichtungskonzept unseres Hauses abzulösen, zeigt, dass moderne Prozessmedien das Potenzial haben, bestimmender Faktor beim Design von Fertigungskonzepten zu werden. Es gibt weitere Beispiele, die ähnlich weitgreifende Änderungen durch Schmierstoffkonzepte belegen, etwa der Grobzug von Aluminium mit Emulsionen, was lange Zeit nur mit Öl möglich erschien.

Ein Blick in die Zukunft, was planen Sie?

Industrieunternehmen setzen sich intensiver als je zuvor mit Effizienz und Nachhaltigkeit ihrer Produkte und Prozesse auseinander. Neuartige Materialien, Verbundwerkstoffe und Verarbeitungsverfahren machen Fahrzeuge, Maschinen und Geräte leichter und effizienter. Die sich hieraus ergebenden Prozessanforderungen begreifen wir als Hersteller von Spezialschmierstoffen als Herausforderung und Chance, mit unseren neuen Schmierstoffkonzepten gemeinsam mit den Kunden anforderungsgerechte Lösungen zu entwickeln.

Erschienen in Ausgabe: 04/2014