„Ohne Fügetechnik ist nix mit Nachhaltigkeit“

Interview

Dr.-Ing. Klaus Middeldorf, Hauptgeschäftsführer des DVS, über die Relevanz der Fügetechnik in der Produktion von morgen, die Aussichten der Branche und die erste kongress-begleitende Fachausstellung des Verbandes, die DVS Expo.

04. Oktober 2011

Herr Dr. Middeldorf, in einem kürzlich veröffentlichten Strategiepapier zur Nachhaltigkeit Ihres Verbandes findet sich der Slogan ›Ohne Fügetechnik ist nix mit Nachhaltigkeit‹. Eine selbstbewusste Aussage – was steckt dahinter?

Nach dem Erdbeben in Fukushima und den verheerenden Folgen in Japan hat die Bundesregierung das Thema Nachhaltigkeit auch hierzulande ganz oben auf die Agenda gesetzt. Noch eher als ursprünglich geplant wird in Deutschland auf Kernenergie verzichtet werden. Für die Energieerzeugung ergeben sich damit ganz neue Herausforderungen. Und die Fügetechnik wird bei diesem neuen Energiemix einen entscheidenden Beitrag leisten, denn auch in Zukunft wird es keine Produkte und keine Produktion ohne Fügetechnik geben.

Können Sie uns einige Beispiele nennen, wo die Fügetechnik in diesen Bereichen gebraucht wird?

Nehmen wir die Windkraftanlagen, die bedeutendste alternative Energiequelle derzeit. Die Leistung der Turbinen ist stark gestiegen. Um mehr Effizienz zu erreichen, können die Windkrafttürme aber nicht immer höher gebaut werden, wo der Wind stärker weht. Also müssen die Turbinen größer und effizienter werden. Und die brauchen entsprechend stabile Türme: hochwertig gefügt und aus hochfesten Materialien. Deshalb erwarten wir verstärkt den Einsatz höherfester Stähle, um die schweren Turbinen trotz geringerer Wanddicken sicher zu halten. Die Rotoren wiederum werden mit neuesten Klebverfahren verbunden, um Gewicht zu sparen.

Nachhaltigkeit bedeutet aber auch eine lange Lebensdauer der Materialien. Hier spielen Beschichtungsverfahren eine zentrale Rolle. Deshalb werden die Anlagen mit thermischen Spritzverfahren behandelt, um sie vor Umwelteinflüssen zu schützen. Dieser Prozess ist vor allem für Offshore-Anlagen relevant, die stark im Kommen sind. Derzeit gehen die Experten von einer Lebensdauer von rund 35 Jahren für diese Windkraftanlagen aus, und die Beschichtung muss einiges abhalten.

Schließlich ist die Fügetechnik für die Photovoltaik nötig, um aus Solarzellen Solarmodule zu machen. Hier werden moderne Lötverfahren eingesetzt.

All das ist Fügetechnik, und bei all diesen Entwicklungen ist der DVS dabei, unterstützt und begleitet Forschungsvorhaben, bringt Unternehmen zur Abstimmung neuen Forschungsbedarfs zusammen und erstellt Regelwerke und Richtlinien zur einheitlichen Umsetzung neuer Technologien in der Wirtschaft.

In Ihrem Strategiepapier beziehen Sie sich auch auf die Mobilität in der Zukunft. Wie sehen Sie hier den Trend?

Fossile Energiequellen werden knapp, gleichzeitig können sich aber immer mehr Menschen weltweit ein eigenes Automobil leisten. Verständlich, dass niemand mehr darauf verzichten will, der einmal in den Genuss dieser mobilen Unabhängigkeit gekommen ist. Deutschland kann hier Vorreiter sein in der Entwicklung neuer Technologien, und die Fügetechnik unterstützt diesen Weg tatkräftig mit. Das in der Fügetechnik ›alte‹ Thema Leichtbau gewinnt heute rasant an Aktualität und wird zu einer Schlüsselkomponente der Branche.

Beispiel Elektroautos: Die Batterien sind relativ schwer, leichtere Karosseriestrukturen müssen dieses Gewicht kompensieren. Der Trend geht hier in Richtung Polymer-Metall-Hybridkarosserien. Das sind hoch innovative Materialien, die auch bei geringeren Wandstärken die geforderte Stabilität aufweisen. Dazu treten innovative Klebverbindungen zunehmend in Konkurrenz zu Schweißnähten, und bei den Schweißverbindungen werden Stumpf- statt Überlappnähte produziert, um Gewicht zu sparen. Das alles sind dynamische Forschungsprojekte, die auf Hochtouren um den nächsten Entwicklungsschritt konkurrieren.

Ob Mobilität oder neuer Energiemix: Für all diese neuen Technologien brauchen wir moderne Fügetechnologien. Nur so sichern wir langfristig den Standort Deutschland, auch im Hinblick auf Arbeitsplätze.

Die technischen Entwicklungen sichern Arbeitsplätze, allerdings werden dafür erst einmal die richtigen Fachkräfte gebraucht. Der Fachkräftemangel schlägt sich sicher auch in Ihrer Branche nieder. Was macht Ihr Verband, um diesem Trend zu begegnen?

In der Tat fehlen in der Fügetechnik Fachkräfte, sowohl Ingenieure als auch Facharbeiter. Das Erste, was ich an dieser Stelle machen will, ist, an Ihre Leser zu appellieren: Eine Ausbildung in der Fügetechnik lohnt sich, Industrie und Handwerk suchen händeringend nach qualifizierten Schweißern, Technikern und Schweißfachingenieuren, und das Lohnniveau ist vergleichsweise hoch!

Das ist aber noch nicht alles, was der DVS auf diesem Gebiet macht. Mit dem neu gestalteten Lehrmaterial ›Schweißen macht Schule‹ wenden wir uns schon an Teenager, um die für die Fügetechnik zu begeistern. Die Mappe vermarkten wir an Schulen; mit dem Angebot, das Wissen praktisch in unseren Bildungseinrichtungen zu untermauern. Für Auszubildende veranstalten wir den Wettbewerb ›Jugend schweißt‹ und setzen uns für einen neuen schweißtechnischen Ausbildungsberuf ein.

An den Universitäten werben wir mit praktischen Exkursionen nur für Studenten, finanzieren Doktoranden die Teilnahme an der IIW-Tagung und veranstalten einen Studentenkongress. Wir unterstützen die Ausbildung zum Schweißfachingenieur finanziell, und neuerdings gibt es sogar DVS-Studentengruppen an Hochschulen mit fügetechnischer Ausbildung.

Diese Nachwuchsförderung wird aber kaum ausreichen, um den Bedarf zu decken. So hat eine aktuelle Untersuchung im Auftrag des DVS ergeben, dass die Fügetechnik in Zukunft auch An- und Ungelernten verstärkt Arbeitsplätze bieten und diese Menschen weiterbilden wird. Um Fachkräfte zu finden, müssen wir weitere Potenziale erschließen. So entwickelt der DVS derzeit Konzepte, mit denen Arbeitnehmer länger und zu angemessenen Bedingungen in der Produktion tätig sein können. Auch eine verstärkte Anwerbung von Frauen und mehr Einwanderung können Abhilfe schaffen.

Es gab doch bereits früher eine Ausbildung in der Schweißtechnik?

Das stimmt, bis in die 90er-Jahre gab es den Beruf des Schmelzschweißers. Dieser wurde im Zuge einer Ausbildungsreform abgeschafft und in andere Ausbildungsangebote integriert, etwa in den Beruf des Metallbauers oder in den des Konstruktions- und Anlagenmechanikers. Jetzt ist die Zeit wieder reif für eine eigenständige Ausbildung, wie die Studie eines unabhängigen Forschungsinstituts belegt.

Experteninterviews und eine Telefonbefragung von 300 Unternehmen haben ergeben, das die Industrie großes Interesse an einer speziellen Ausbildung hat. Die Ausbildung zur ›Schweißtechnischen Fachkraft‹ soll aber keine bestehenden Berufe ersetzen, sondern das Ausbildungsangebot vor allem für schweißintensive Unternehmen ergänzen. Derzeit sind wir noch in der Genehmigungsphase. Wenn sich die bildungspolitischen Gremien für das Projekt entscheiden, rechne ich mit den ersten Auszubildenden im Jahr 2014.

Das ›Wunderland Deutschland‹ hält sich entgegen dem Trend derzeit noch gut in der krisengeplagten Eurozone. Was erwarten Sie, speziell für die Fügetechnik?

Nach dem deutlichen Wirtschaftsaufschwung in der ersten Jahreshälfte macht sich im zweiten Halbjahr eine wirtschaftliche Zurückhaltung bemerkbar. Zu den Einflüssen aus dem Ausland kommen der zurückhaltende private Konsum und schwache Entwicklungen im Baubereich. Bedingt durch die gegenseitige Abhängigkeit der EU-Länder ist damit zu rechen, dass der Wirtschaftsaufschwung hierzulande davon nicht unberührt bleibt. Das größte Risiko für das derzeitige deutsche Wirtschaftswunder ist die Schuldenkrise in der Eurozone.

Die Fügetechnik wird davon profitieren, dass in ihren Kernabsatzmärkten – also im Fahrzeug- und Maschinenbau, im Stahl- und Metallbau und im Baugewerbe – schweiß- und fügetechnische Produkte oder Dienstleistungen weiterhin gefragt sein werden. Entscheidend ist, wie sich der Export entwickeln wird. Bisher bringen die BRIC-Märkte noch einen deutlichen Nachfragesog hervor. Auch in Zentral- und Osteuropa steht die deutsche Schweißtechnik zunehmend im Fokus. Schwierig wird es jedoch, wenn der Aufschwung in diesen Exportländern durch die allgemeine globale Lage zu stark gebremst wird.

Ende September fand in Hamburg der DVS Congress mit der ersten DVS Expo unter dem Aspekt Nachhaltigkeit statt. Sind Sie zufrieden mit dieser ersten kongressbegleitenden Fachausstellung?

Ich bin mehr als zufrieden. Wenn man das erste Mal neue Wege geht, ist immer Unsicherheit dabei. Wird die Veranstaltung angenommen? Kommen genügend Leute, die sich nicht nur für die Fachvorträge interessieren, sondern auch für die praktischen Exponate? Schon im Vorfeld hatte sich der Erfolg dieser ersten DVS Expo abgezeichnet. Rund einen Monat vor der Veranstaltung war die Ausstellungsfläche ausverkauft, selbst eingeplante Abstellflächen wurden zu Ständen ausgebaut.

Die Freikarten für unsere Mitglieder und Bildungseinrichtungen waren nach kurzer Zeit vergriffen. Schließlich haben wir das Kontingent noch einmal erhöht. Wir hatten diese Veranstaltung aber natürlich besonders akribisch vorbereitet und alle Partner mobilisiert: befreundete Verbände, Bildungseinrichtungen, die Fachpresse und besonders Unternehmen und Gremien vor Ort.

Es wird also eine weitere DVS Expo im Rahmen Ihrer Jahrestagung, dem DVS Congress, geben?

Ja. Unser Verband plant, den DVS Congress alle vier Jahre zusammen mit der DVS Expo anzubieten, also genau zwischen den internationalen, ebenfalls vierjährlich stattfindenden Fachmessen ›Schweissen und Schneiden‹ in Essen.

Für die Aussteller ist das Konzept des DVS Congress recht attraktiv: Wo sonst könnten sie die Fachwelt der Füge-, Trenn- und Beschichtungsbranche so gebündelt wie auf dem DVS Congress treffen?

Zahlen & Fakten

Dr.-Ing. Klaus Middeldorf ist Hauptgeschäftsführer des DVS – Deutscher Verband für Schweißen und verwandte Verfahren e.V. Der Verband mit rund 19000 Mitgliedern engagiert sich für die Weiterentwicklung und Standortsicherung der Füge-, Trenn- und Beschichtungsbranche.

An rund 365 Bildungseinrichtungen bundesweit bietet er international anerkannte Weiterbildungslehrgänge an, etwa an den Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalten der GSI – Gesellschaft für Schweißtechnik International mbH.

Die Forschungsvereinigung Schweißen und verwandte Verfahren e.V. des DVS unterstützt branchenspezifische Forschungsprojekte in Zusammenarbeit mit 37 Hochschulinstituten. Dazu erstellt der DVS technische Regelwerke, um Standards für die fügetechnische Produktion zu ermöglichen.

Gemeinsam mit der Messe Essen GmbH veranstaltet der DVS alle vier Jahre die internationale Messe Schweissen und Schneiden in Essen; die nächste Fachausstellung findet 2013 statt.

Ein ganz neues Veranstaltungskonzept bot der DVS Ende September dieses Jahres an: Auf der ersten kongressbegleitenden Fachausstellung ›DVS Expo‹ präsentierten 154 Aussteller ihre fügetechnischen Produkte einem Expertenpublikum, das sich auf dem DVS Congress jährlich zum Erfahrungsaustausch mit Fachtagungen und Forschungskolloquien trifft.

Das DVS-Statuspapier zur Nachhaltigkeit ist beim Verband erhältlich, Tel. 0211 1591-301 oder -304.

Erschienen in Ausgabe: 05/2011