Nur Mut!

Editorial

»Wir brauchen an der Spitze Männer und Männinnen, keine Memmen. Ein gewisses Talent zum Animateur schadet auch nicht.«

07. Oktober 2016

Geschätzte Hosenträgerinnen und Hosenträger, kennen Sie die Gemeinsamkeit von Hosenanzug und Bauchnabel? Ganz einfach: Der erste Teil des Wortes ist in beiden Fällen gänzlich überflüssig, denn ein Anzug mit Rock heißt Kostüm und einen zweiten Nabel hat kein Lebewesen. Und kommen Sie mir nicht mit dem Nabel der Welt, denn den gibt es nicht, auch wenn wir uns alle dafür halten. Schon eher könnte man permanent »Gesichtsnase« sagen, zur Unterscheidung von einer Berg- oder Lacknase. Das »Bauch« zu »Nabel«, das ist so penetrant wie das »Uh-ah« zu ›Hey, Baby‹ oder das 1-2-3-4-Gepatsche auf alles, was irgendwie Töne hat – und seis ein Swing oder leichter Walzer (Dreivierteltakt!).

Zurück zu den Hosenträgerinnen und Hosenträgern und den kleinen Unterschieden mit der großen Wirkung: Während die einen trotz martialischer wie primitiver Sprüche wirken, wie Mädchen, denen man das rosa Schäufelchen weggenommen hat, nach der Mammi oder dem großen Bruder rufen und sich hinter Mauern verstecken möchten, wirken die vor Jahrzehnten wirklich Mädchen Gewesenen zumindest vergleichsweise ermutigend. Während die einen die Situation schlimmer reden, als sie ist, setzen die anderen, die vom gefühlsbetonten Geschlecht, auf Verstand und Engagement, damit wir ›das‹ schaffen. Wenn nicht wir, wer dann? Wir wollen doch wieder stolz sein können auf etwas!

Vor allem die Zuversicht es zu schaffen, hat uns seinerzeit befähigt, aus einer wirklich bedrohlichen Krise stärker als je hervorzugehen, und Zuversicht, berechtigte Zuversicht, wird die Euroblech prägen, so wie gerade eben die AMB und zuvor Tube & Wire und all die Maschinenbaumessen der letzten fünf Jahre.

Dass wir es so gut aus der Krise geschafft haben, ist zwar vor allem dem Mut, der Zuversicht und dem Fleiß der vielen ›kleinen Leute‹ zu verdanken, aber durchaus auch den Führungskräften, die uns signalisierten, dass wir das schon schaffen würden.

Wir brauchen an der Spitze – und nicht nur dort – Menschen, die Hosen anhaben, statt sich … Stellen Sie sich vor, damals hätten der Leiter und vor allem der Controller (der gerne Leiter anstelle des Leiters würde) Ihres Pressen bauenden Tochterbetriebes einer großen Aktiengesellschaft ständig, vor allem vor Kameras und Mikrophonen, den Untergang des Abendlandes prophezeit, weil »die Leute« in der Krise nur noch die attraktiven Pressen aus Plagiasien kauften! Und hätten gefordert, schnellstens die gleichen Pressen wie die Plagen (so heißen die Bewohner Plagiasiens) zu bauen, in gedeckteren Farben vielleicht, nicht ganz so schrill, aber mit dem gleichen Inhalt, denn danach verlangten »die Leute«. Stellen Sie sich vor, die beiden und ihre Satrapen hätten damals hinausposaunt, die Konzernchefin, die auf die alten Werte der Gesellschaft, auf ›Made in Germany‹ setzte, sei komplett irre und führe die ganze AG in selbige sowie in den Abgrund und stärke mit ihrer sentimentalen Qualitätsoffensive die Plagen. Wären wir so aus der Krise gekommen?

Zweierlei übersähen so ein Controller und sein Filialleiter: Erstens wollen 70 Prozent der potenziellen Kunden niemals plagiasische Maschinen wählen, sondern unbeirrbar auf bewährte Werte setzen; zweitens könnte das penetrante, permanente, perennierende Lob durch einen bisher auf Wertarbeit setzenden Wettbewerber die Plagen noch stärken, weil sich Schwankende, immerhin jeder Zehnte, vielleicht für das – verkehrte Welt – plagiasische ›Original‹ und nicht für dessen Imitat entscheiden. Denn Plagen überzeugen das Volk nicht nur mit billigen Maschinen, sondern auch mit noch billigeren Werbesprüchen.

Führungskräfte, die ihrem, also Ihrem Unternehmen schaden, indem sie es schlechtreden, und dann bejammern, dass es ihm schlecht ginge, woran nur alle anderen schuld seien: Da bekommt – wir sind zurück beim Thema Wörter und ihre Bedeutung – »Vollverschleierung« einen ganz anderen Sinn.

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 06/2016