»Nicht schwätzen, machen!«

Forum/Industrie 4.0

Neidisch schaut die Welt auf Deutschland: Nicht allein wegen unseres Vorsprungs in Sachen Technologie, sondern auch wegen unserer besonderen Netzkultur. Wie ›Netzwerken‹ in Reinkultur funktioniert, bewies Anfang des Jahres der Kongress ›Industrie 4.0‹ des VDI mit seinen 200 Teilnehmern. Mittendrin aktiv dabei: bbr-Stammautor Nikolaus Fecht, der die Abschlusskonferenz moderierte.

19. März 2013

Nikolaus Fecht: Was bedeutet für Sie persönlich Industrie 4.0, was nehmen Sie von den Referaten und von den persönlichen Gesprächen an Anregung mit, Herr Dr. Bettenhausen?

Dr. Kurt D. Bettenhausen, Senior Vice President bei der Siemens Corporation USA in Princeton und verantwortlich für das global aufgestellte Technologiefeld ›Automation and Control‹: Da ich nicht sehr häufig in Deutschland bin, fällt mir auf, dass sich hier eine sehr positive Grundstimmung verbreitet hat. Es wird zwar heute häufiger die Frage nach dem Nutzen gestellt, aber es gibt eine positive Grundstimmung, gemeinsam etwas zu bewegen. Ich habe sehr oft den Dialog zwischen Forschern, Herstellern und Anwendern gehört, den ich für sehr wichtig halte. Außerdem entstehen durch den Dialog zwischen Menschen, die nicht zwingend in den gleichen Branchen arbeiten, neue Ideen. Daher sehe ich das Ganze als sehr positives Signal für Industrie 4.0 an. Etwa nach dem Motto: Blicke über den Tellerrand, sei wachsam und setze es schnell um!

Sie leben in den USA: Wie stehen wir denn heute international in Sachen Industrie 4.0 und Automatisierung da?

Dr. Kurt Bettenhausen: Wir treiben mit Industrie 4.0 etwas voran, das weltweit für Aufmerksamkeit sorgt. Doch wir dürfen auch die globalen Aktivitäten vor allem in China und den USA nicht unterschätzen. Als besondere Stärke sehe ich bei uns den Erfahrungsschatz, über den wir in der Produktion und Automation verfügen. Wir haben also eine gute Tradition, es besonders gut zu machen.

Wie beurteilt ein Mittelständler aus Deutschland den Stand der Dinge, der als Mitinitiator des VDMA-Forums ›IT@Automation‹ ein ausgesprochener Netzwerkanhänger ist?

Harald Preiml, Vorstand der Heitec AG, Erlangen: Ich bin begeistert, dass das Interesse so groß ist. Deutschland hat beim Umsetzen den Vorteil, dass die Wertschöpfungsketten bereits sehr gut vernetzt sind. Viele Unternehmen hatten früher allerdings Berührungsängste, mit dem Wettbewerber über fachliche Themen zu sprechen. Industrie 4.0 fördert eine neue Denkweise, viel übergreifender zusammen zu arbeiten. Wir merken, dass nun auch andere mittelständische Automatisierungsunternehmen zur Zusammenarbeit bereit sind. Wenn dagegen jedes Unternehmen alles für sich alleine macht, werden wir nur sehr langsam vorankommen. Heute fiel der Begriff Schwarmintelligenz: Wenn wir dagegen mit ihrer Hilfe Basisstandards entwickeln, geht es schneller voran.

Apropos Schwarmintelligenz: Da sind Sie, Herr Dr. Veith, mit Ihrer Bionik angesprochen.

Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender und Vorstand ›Technology and Market Positioning‹, Festo AG: Das gemeinsame Schaffen ist bei Industrie 4.0 extrem wichtig, da sind wir in Deutschland sehr gut unterwegs. Wir sollten jetzt aber nicht lange ›drum herumschwätzen‹, sondern Industrie 4.0 umsetzen. Es ist nicht damit getan, dass sich Ingenieure etwas ausdenken. Wir müssen mit entsprechender Aus- und Weiterbildung auch die Basis zu schaffen, dass die Ideen in Form von Produktion und Produkten in die Tat umgesetzt werden. Wir müssen die Politik begeistern, aber auch mal das Positive, was diese Industrie und diese Nation leistet, zum Wahlthema zu machen. Dafür sollten wir kämpfen.

Dr. Peter Terwiesch, Vorstandsvorsitzender der ABB AG und Leiter der Region Zentraleuropa, Mannheim: Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Es gibt dank Vorarbeiten wie der Acatech-Studie (Die Rede ist von den ›Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0‹ der Forschungsunion, dem zentralen Beratungsgremium zum Umsetzen der Hightech-Strategie 2020 für Deutschland – die Red.) eine starke gemeinsame Basis mit einer weitgehend zueinander passenden Begriffswelt. Wir wissen zwar noch nicht im Detail, wie jeder Aspekt aussehen wird. Aber es gibt ein Ziel, zu dem wir uns bewegen wollen. Das ist etwas ganz anderes als das Gejammer vom Hochlohnstandort und von fehlenden Rohstoffen.

Könnte es aber nicht auch sein, dass viele Unternehmen den Einstieg in Industrie 4.0 fürchten, weil sie Angst vor dem Datenklau aus der angeblich so nötigen Cloud haben?

Dr. Peter Terwiesch: Wir sollten uns etwas mehr Gedanken über die Cloud machen, denn es gibt hier ein ganzes Spektrum an Fragen. Da geht es nicht nur um technische Themen, die wir mit Verschlüsselung und Informationskonzepten bearbeiten. Wir müssen uns besonders der Interdisziplinarität dieser Aufgabe bewusst sein und entsprechende Lösungen ausarbeiten. Außerdem verbergen sich hinter dem Begriff Cloud viele Gestaltungsvarianten, die wir im Sinne des besten Ergebnisses nutzen sollten.

Dr. Kurt Bettenhausen: Die Diskussion zur Cloud ist in den USA wesentlich weiter. Dort gibt es die öffentlich zugängliche ›Public Cloud‹, die in Unternehmen so gut wie nie genutzt wird. Sie verwenden im eigenen Rechenzentrum sogenannte ›Private Clouds‹. Und es gibt außerdem dazwischen jede beliebige Hybrid-Form.

Was haben Sie als ehemaliger Wissenschaftler des WZL und Automatisierungsexperte gedacht, als Sie den Begriff Industrie 4.0 zum ersten Mal hörten, Herr Dr. Possel-Dölken?

Dr. Frank Possel-Dölken, Director Manufacturing Systems, Phoenix Contact GmbH & Co. KG, Blomberg: Erstmals las ich davon an einem Samstagmorgen in der Tageszeitung, in der die Rede von einer industriellen Revolution namens Industrie 4.0 war. Schmunzelnd dachte ich damals: »Oh, was kommt denn da wieder für eine Marketingwelle auf uns zu?« Ich bin mir jedoch seit meiner Studentenzeit sicher, dass das Thema Intelligenz in technischen Systemen einer der langfristig entscheidenden Wettbewerbsfaktoren für unsere Wirtschaft sein kann. Ich habe als Wissenschaftler Ende der 90er-Jahre bereits viele funktionierende Prototypen gesehen, bei denen ich mich heute frage, warum man sie immer noch nicht kaufen kann. Viele dieser Themen tauchen nun plötzlich bei Industrie 4.0 wieder auf.

Nikolaus Fecht: Ich glaube in der Tat, dass die Zeit nun für Industrie 4.0 reif ist. Als Basis sehe ich das vor rund 30 Jahren gestartete Projekt CIM – also ›Computer Integrated Manufacturing‹, oder auf Deutsch: rechnerintegrierte Fertigung. 1986 sagte dazu Computerpionier Heinz Nixdorf, ein Vorreiter der EDV-Vernetzung: »Es geht darum, die richtige Information zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Partner zu übermitteln – und das nicht nur im Büro, sondern auch in der Fabrik.« Und diese einfache Botschaft gilt immer noch. Wir haben heute aber die technischen Mittel und jahrzehntelange Erfahrungen, um das CIM-salabim leichter und anders als bisher zu verwirklichen.

Nikolaus Fecht

Freier Fachjournalist aus Gelsenkirchen

Meinungsbild Industrie 4.0: App, app away?

Für Prof. Dr.-Ing. Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), kommt es bei Industrie 4.0 darauf an, die Freiheit des Internets, in der jeder alles veröffentlichen und kostenlos nutzen kann, auf die Systeme in der Produktion zu übertragen. Die flexible Auftragsabwicklung werde letztendlich von den Aufträgen selbst übernommen. »Wenn irgendwo eine Störung an einer Maschine auftritt und der Auftrag dort nicht abgearbeitet werden kann, dann weiß der intelligente Auftrag, sprich das intelligente Produkt, welche Maschinen es noch ansprechen kann, und sucht eine alternative Route in der Produktion, ohne dass ich mich darum kümmern muss«, sagt der IPA-Leiter. »Und erst wenn der Auftrag es nicht pünktlich schafft, meldet er sich, und der Mensch muss sich einschalten. Das hört sich etwas utopisch an, aber das geht! Messen wie die Emo Hannover 2013 sind ein hervorragendes Schaufenster zur Darstellung dieser heute noch utopisch anmutenden Möglichkeiten.«

Für Prof. Dr.-Ing. Alexander Verl, sein Kollege aus der Institutsleitung des IPA, wurde die vierte industrielle Revolution zwar ausgerufen, sie habe aber noch nicht stattgefunden. Als Grund sieht er an, dass die proklamierten »cyber-physischen Systeme (CPS) meist noch zu teuer, nicht zuverlässig genug und häufig überdimensioniert« seien. Als weitere Hürde für das Internet der Dinge bezeichnet Dr. Verl die fehlende Standardisierung.

An Ipad, Iphone und Co. orientieren sich Werkzeugmaschinenhersteller. Sie schwärmen von den Möglichkeiten, die Funktionen von smarten Geräten mit Hilfe von Zusatzprogrammen, den sogenannten Apps, zu erweitern. Dr.-Ing. Jan Kotschenreuther, Vice President Software & Controls der MAG Europe GmbH, Göppingen: »Apps lassen sich für Vertriebs- und Marketingzwecke genauso einsetzen wie für die Produktionsplanung und -steuerung. Sie bieten große Potenziale zur Vereinfachung des Informationsaustauschs und ermöglichen es, auf veränderte Anforderungen schneller denn je zu reagieren.« Realisiert wurde bereits eine Website für Smartphones, die es erlaubt, den aktuellen Zustand eines Maschinenparks im Überblick zu sehen. Als einzigen Grund, warum die Fertigung von (über-)morgen nicht vom Handy aus gesteuert werden könnte, sieht Kotschenreuther »den begrenzten Platz auf dem Bildschirm. Mit einem Laptop oder einem Handheld-Device wäre es durchaus möglich, eine Fertigung zu steuern«.

Erschienen in Ausgabe: 02/2013