»Neues erzeugt immer Bedenken: Umso wichtiger ist es, sich damit zu befassen«

Dieselkrise, Fahrverbote, Brexit, Fachkräftemangel und vieles mehr. In der automobilen Lieferkette prallen derzeit Probleme und Umbrüche aufeinander. Ulrich Flatken ist seit knapp einem Jahr Vorstandsvorsitzender des Industrieverbandes Blechumformung (IBU) in Hagen. Wir sprachen mit ihm über das Thema Verbandsarbeit in einer Zeit des Wandels.

30. Mai 2019
»Neues erzeugt immer Bedenken: Umso wichtiger ist es, sich damit zu befassen«
Ulrich Flatken, Vorstandsvor- sitzender der IBU (© IBU)

Seit Mai 2018 sind Sie IBU-Vorstandsvorsitzender – welche ist die wichtigste Erfahrung dieser Zeit?

Ich kenne mehrere Verbände aus der Innenperspektive. Mich erstaunt immer wieder, wie viel eine Gruppe motivierter, loyal arbeitender Menschen bewegen kann. Sie kommen an einen Tisch, stoßen Themen an, schauen über den Tellerrand. Die meisten unserer Mitglieder sind Zulieferer der Automobilbranche und damit Teil der verarbeitenden Industrie. In Deutschland ist das die stärkste Branche. Entsprechend bedeutend ist die Position der Zulieferer. Starke Zulieferer sind entscheidende Faktoren für den Erfolg unserer Kunden. Für diese Tatsache müssen wir ein noch stärkeres Bewusstsein schaffen. Unsere Bedeutung zu verdeutlichen, ist oft genauso viel wert wie das Erreichen vermeintlich großer Ziele – das war auch im vergangenen Jahr wieder eine wichtige Erkenntnis für mich. Ebenso die Erfahrung im aktuellen Kampf gegen die EU-Importzölle auf Stahl. Damit kommen wir der großen Weltpolitik schon ziemlich nah.

Welche typischen Fragen kommen auf den gemeinsamen Tisch?

Die Liste ist lang: von der Datenschutzgrundverordnung bis zu Arbeitssicherheit oder Brandschutz, Qualitätsmanagement oder Zollrecht – um nur einige Aspekte zu nennen. Auf Unternehmen kommen immer wieder zusätzliche Anforderungen zu. Gerade für KMU ist das ein enormer Aufwand. Viele der am grünen Tisch entstandenen Vorgaben sind in der Praxis schwer umzusetzen. Daraus ergeben sich Aufgaben und Fragestellungen, die sich oft besser gemeinsam im Verband und mit externen Experten lösen lassen.

Welche Eigenschaften brauchen Mittelständler der automobilen Lieferkette angesichts aktueller Probleme und Umbrüche – wie können sie ihre Marktteilnahme mittel- und langfristig sichern?

»Wir sind für die Zukunft gut gerüstet« – diese Standardantwort reicht sicher nicht. Wir müssen uns die Zukunftsfähigkeit immer wieder neu hart erarbeiten. Es gibt keine Patentrezepte. Führungsteams sollten konzentriert zu Werke gehen und analysieren: Wo stehen wir heute, wo wollen wir in fünf und zehn Jahren sein? Möglichst objektiv und ohne Wunschdenken. Mit etwas Abstand zum operativen Geschäft schärft sich der Blick für Notwendigkeiten. Es sind viele Veränderungen zugleich zu bewältigen und die Wechselwirkungen schwer abschätzbar. Neues erzeugt immer Bedenken: Umso wichtiger ist es, flexibel zu sein und sich damit zu befassen. Wer sich nicht mit Neuem beschäftigt, macht einen Fehler.

Welche Rolle kann der IBU bei notwendigen Umorientierungen spielen?

Im Verband bieten wir die Chance, voneinander zu lernen und Lösungswege zu finden. Wir sorgen für Informationsfluss und Wissenstransfer, wir informieren über Themen und vermitteln dadurch Sicherheit. Aus der gemeinsamen Bewertung entsteht die Erkenntnis, dass es nicht nötig ist, bei jeder neuen Frage in Hektik auszubrechen.

Wie wirken sich die zu erwartenden Veränderungen auf die gesamte Branche aus?

Besondere und neue Anforderungen sind für uns keine Überraschung – das hat es gerade in unserer Branche immer gegeben. Neu und ein echtes Problem ist das, was gerade passiert: der Imageverlust der Branche, ausgelöst durch Dieselskandal und politische Einflüsse. Aber auch Themen wie Elektromobilität und autonomes Fahren sind Gegenstand intensiver Diskussionen. Wir müssen uns mit den vielfältigen Unsicherheiten beschäftigen, die sich aus der aktuellen Gesamtlage ergeben, und uns zukünftig noch flexibler aufstellen.

Die vergangenen fünf Jahre waren für die meisten Unternehmen gute Jahre. Reicht die Substanz für jetzt notwendige Investitionen?

Sowohl bei großen Kunden als auch bei Zulieferern wird es maßgebliche Veränderungen geben. Kurzfristig ist das eine Liquiditätsfrage, mittel- und langfristig werden sich variablere Geschäftsmodelle entwickeln. Volkswagen installiert einen Geschäftsbereich ›Zulieferer‹, selbstständige Mittelständler gehen in Unternehmensgruppen auf. Nicht alle bestehenden Geschäftsmodelle werden auch in Zukunft unverändert funktionieren. All das wird unsere Branche wandeln. Die Grundlage für Investitionen müssen wir uns immer wieder neu verdienen.

Der Facharbeitermangel wird sich durch die demografische Entwicklung weiter verschärfen. Braucht die Branche einen ›Ehrenkodex‹ in puncto Abwerbung?

Es ist inakzeptabel, wenn einige Unternehmen nicht ausbilden und offensiv Facharbeiter bei anderen abwerben. Als Verband müssen wir dieses Verhalten ablehnen und an den Anstand im Wettbewerb appellieren. Unsere Sympathie gilt dem ehrenwerten (Hamburger) Kaufmann und seinem gesellschaftlichen Verhalten. Insofern gibt es so etwas wie einen ›Ehrenkodex‹ bereits – es müssen sich dann nur alle daran halten …

Was kann der Verband denn gegen das aggressive Abwerben von Fachkräften tun? Ist die Stärkung der dualen Ausbildung ein Erfolgsweg?

Auf jeden Fall. Wir haben als Verband letztlich wenig Einfluss auf die Aktionen einzelner Unternehmen. Wir können dem Abwerben aber entgegenwirken, indem wir die klassische duale Ausbildung und ihren Ruf stärken. Und massiv bewerben. Eine Sachbearbeiterposition erfordert oft keinen Bachelor, für viele Tätigkeiten in der Produktion ist der qualifizierte Facharbeiter die beste Besetzung. Wichtig sind also hoch qualifizierte Fachkräfte – die brauchen wir alle und die müssen wir ausbilden.

›Klagemauer‹ und ›Kennzahlen‹ – zwei Reizthemen für Sie …

Stichwort Klagemauer – natürlich haben wir ein offenes Ohr für die Klagen unserer Mitglieder. Und als Verband die Aufgabe, ihre Interessen zu stärken und zu vertreten. Ebenso wichtig ist es aber, unsere Stärken immer wieder herauszustellen. Aktives Handeln im Bewusstsein dieser Stärken muss im Vordergrund stehen. Wir können als Verband den Unternehmern das Handeln nicht abnehmen – jeder muss seine Hausaufgaben selbst machen. Der Verband hilft aber bei der Vorbereitung notwendiger Maßnahmen. Zu den Kennzahlen: Der Umgang damit ist nicht so einfach. Es gibt nicht den einen entscheidenden Faktor. Es gibt Prozesse, ein komplexes Umfeld, situativ bedingte Anpassungen. Und es gibt auch Möglichkeiten, Dinge messbar zu machen. Eine einzige Kennzahl reicht da aber nicht aus. Entscheidend ist es für jeden Unternehmer, ein Auge für Veränderungen zu haben und darauf zu reagieren.

Als Schlusswort – was ist mit ›Dieselgate‹? Ist es bei den Verbänden in den Hintergrund getreten?

In emotional geführten Diskussionen ist es wenig zielführend, individuelle Interessen und Frustrationen kundzutun. Fakt ist: Die Automobilindustrie hat in beschämender Weise ihr Vertrauen verspielt. Und genau dieses Vertrauen brauchen wir, um gegenüber Politik und Verbraucher beim Thema neue Antriebe einen klugen Kurs fahren zu können. Wir müssen die Fehler der Vergangenheit aufarbeiten. Ich habe den Imageverlust der Branche angesprochen – er ist das Resultat von Dieselgate & Co. Hochschulabsolventen haben keine Lust mehr, im Automobilbau zu arbeiten. Das ist ein ungeheurer Schaden für unsere Volkswirtschaft und Gesellschaft. Wir wollen und müssen wieder eine Vorbildbranche werden.

Erschienen in Ausgabe: 03/2019
Seite: 8 bis 9

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