Neues aus der Provinz

Technik/Pressen und Bandan

Qualität und Service eines Anlagenlieferanten sind heute das A und O für einen Produktionsbetrieb. Wie gut das zwischen Norditalien und Westdeutschland klappen kann, zeigen zwei Beispiele aus dem Siegerland.

04. Juni 2013

Die Stadt Haiger liegt zwischen dem östlichen Rand des Westerwaldes und den südlichen Ausläufern des Rothaargebirges nur rund neun Kilometer vom Dreiländereck von Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz entfernt. Insider wissen sofort, diese Gegend ist traditionell ein Zentrum mittelständischer Metallverarbeitung. Rund 1000 Menschen arbeiten hier allein im Industriegebiet Kalteiche. Eines der dort ansässigen Unternehmen ist die GMS Gesellschaft mbH, ein Dienstleistungsunternehmen, das sich auf Vertrieb, Aufbau und Instandhaltung von Blechverarbeitungsmaschinen spezialisiert hat.

Das Geschäft bei GMS läuft gut. Warum, erklärt Geschäftsführer Werner Gräbener: »Begriffe wie Service, Kundendienst oder ausführliche Beratung sind für uns keine Fremdwörter. Das gibt unseren Kunden Sicherheit bei Planung und Kauf.« Das Wort Kundendienst nimmt er mit seinen Mitarbeitern deshalb wörtlich. Erfolg zu haben, hängt nicht zuletzt von der Bereitschaft ab, guten Service zu bieten. Dazu gehört auch die schnelle Bereitstellung benötigter Ersatzteile, gut ausgebildetes Fachpersonal, das für Inbetriebnahme, Reparaturen oder Störungen immer schnell da sind. Durch die gut durchdachte Betriebsorganisation und die reibungslose Zusammenarbeit mit den Maschinenherstellern wird ein insgesamt gutes Preis-Leistungs-Verhältnis für den Kunden erreicht.

Im Vertriebsprogramm hat er auch Maschinen aus Italien. Die norditalienischen Unternehmen Omera und Millutensil gehören zu seinen Partnern, mit denen er bei gemeinsamen Projekten eng zusammenarbeitet. Gräbener hat sich so bei der Konzeption und dem Verkauf ganzer Anlagen ein umfangreiches Know-how und damit Vorteile erarbeitet und sich so beim Verkauf und beim Service von Stanzen und Pressen in dieser Region unentbehrlich gemacht. Allerdings sind die GMS-Experten nicht nur regional im Siegerland oder im Westerwald aktiv. Werner Gräbener und seine Mitarbeiter arbeiten deutschlandweit und betreuen inzwischen rund 1000 Maschinen zwischen Flensburg und Füssen.

Internationale Zusammenarbeit

Die Planungen für einen reibungslosen Betrieb der Maschinen beginnen bei GMS schon bei der Konzeption. Hinzu kommt eine gedeihliche Zusammenarbeit mit den Technikern der Omera- und Millutensil-Partner aus Italien. Von Anfang wird gemeinsam mit dem Kunden geplant, gestaltet und entworfen. Werner Gräbener: »Bei gründlicher Vorbereitung können später –auch nach Jahren – eventuell auftretende Fehler oder Probleme schnellstens behoben werden.«

Folgende Beispiele zeigen, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit zwischen Maschinenherstellern und den Vertriebs- und Servicepartner ist. Im letzten Jahr wurden Exzenter-Pressen an zwei Unternehmen in Siegen-Netphen und in Haiger geliefert. Es sind Maschinen der Ross-Serie, die Omera herstellt. Grundsätzlich sind Maschinen lieferbar, die mit Presskräften zwischen 200 und 30000 KN arbeiten. Hervorzuheben sind die Möglichkeiten der individuellen Nachrüstung mit Vorschubgeräten und anderen Peripheriegeräten. Die Peripherie stammt auch aus Italien. Das Unternehmen Millutensil zeichnet hierfür verantwortlich. GMS ist aber nicht das einzige Beispiel für die gute deutsch-italienische Zusammenarbeit.

Sicherheit auf Hausdächern

Es ist schon etwas Besonderes, wenn ein Unternehmen auf eine 250-jährige Geschichte zurückblicken kann. Der Dachsystemspezialist Wilhelm Flender GmbH (Flender-Flux) konnte 2012 auf ein solch seltenes Jubiläum zurückblicken. Zu den ersten Produkten, die in der damaligen Dorfschmiede im siegerländischen Netphen gefertigt wurden, gehörten seinerzeit Werkzeuge für die Landwirtschaft wie Äxte, Spaten, Sensen oder Beile. Aus dem ursprünglichen Allrounder der Metallverarbeitung entwickelte sich dann im Laufe der Jahre ein Spezialist für Bedachungssysteme.

Grundlage für die Fertigung war damals wie heute das Know-how, mit dem Werkstoff Stahl umzugehen, und, wie es der Flender-Flux-Geschäftsführer Armin Herres formuliert, Qualitätsprodukte zu fertigen. Zum heutigen Fertigungsprogramm gehören Halte- und Befestigungssysteme für den Blitzschutz, für Solar- und Sicherheitsanlagen, die Menschen auf und unterhalb Dächern vor Absturz oder herabfallenden Gegenständen schützen sollen. Sicherheitstechnik auf dem Dach ist entscheidend von der Qualität der Halte- Befestigungssysteme abhängig.

Es ist eine Binsenweisheit, dass zur Fertigung von Qualitätserzeugnissen neben einer genauen fachgerechten Konstruktion und Auslegung der Produkte auch hochwertige Werkstoffe gehören, die auf entsprechend angepassten Anlagen gefertigt werden. Um auch für die weitere Zukunft auf dem aktuellen Stand der Technik zu bleiben, schenkten sich die Mitarbeiter von Flender-Flux zum Jubiläum eine neue 2500-KN-Omera-Stanzmaschine, mit der nun die nicht gerade kleinen Teile zur Herstellung der Dachsysteme hergestellt werden können. Bis 600 mm lange Teile müssen auf der neuen Maschine hergestellt werden. Auch die Blechdicke von maximal 6 mm erfordert die ganze Kraft der Maschine. Laut Armin Herres sind für diese Arbeiten 50 bis 60 Hübe/Minute der Maschine optimal. Verarbeitet werden normale Stahlgüten, die heute als SJ 235 bezeichnet werden. Diese Stähle gehören zu den am häufigsten verwendeten Sorten (sogenannte Grundstähle). Aber auch Edelstahlbleche bis 4 mm Dicke werden verarbeitet.

Was hat aber den Ausschlag für die 2500-KN-Omera-Stanzmaschine mit einer Peripherie von Millutensil als ›Geburtstagsgeschenk‹ gegeben? Schließlich ist die Kobination aus Italien nicht ohne Alternative auf dem Markt. Aus Sicht des Flender-Geschäftsführers war wichtig, dass nicht nur die Presse, sondern auch die Bandzuführung inklusive Haspel und Transporteinrichtungen für Fertig- und der Abfallteile auf dem vorhandenen, relativ kleinen Raum untergebracht werden konnte. Wegen der beengten Platzverhältnisse musste eine äußerst kompakte Vorschubrichtmaschine installiert werden, die ganz ohne Schlaufen beim Materialtransport zur Presse auskommt. Ein wichtiges Argument für die Kaufentscheidung war der relativ große Arbeitstisch von rund 2000 mm × 1250 mm. Der Tisch ist damit ausreichend groß für die benutzten Umform- und Stanzwerkzeuge. Aber nicht nur die Größe des Arbeitstisches war kaufentscheidend; auch das Verhältnis von Arbeitsvermögen zur Arbeitsgeschwindigkeit ist geeignet für eine wirtschaftliche Produktion bei Flender.

Ein weiterer Vorteil war die zugesagte Inbetriebnahmezeit von Werner Gräbener und den Omera-Spezialisten. Trotz großen Zeitdrucks war die Maschine zum Jubiläum einsatzbereit. Mit der neuen Presse wurde die Flender-Produktion nicht nur insgesamt wirtschaftlicher, sondern wegen der nun realisierten Entlastung der älteren Maschine die Produktion neuer, zusätzlicher Teile möglich.

Bewährte Partnerschaft

Für die vorgelagerte Peripherie der Omera-Maschine zeichnet ebenfalls ein Unternehmen aus Italien verantwortlich. Die Millutensil Srl. aus Mailand befasst sich seit über 50 Jahren mit Maschinen und Anlagen für die Blechbearbeitung und liefert komplette Bandzuführanlagen, Haspeln, Richtmaschinen, Bandendenschweißeinheiten, Doppelhaspeln, Walzenvorschubgeräte und modulare Förderbänder.

Die ausgeklügelten Abläufe innerhalb des Systems aus Pressen und Peripherie, die besonders kompakte Lösungen ermöglichen, sind eine Seite des Maschinenkonzeptes. Auch die Sicherheit des Bedienpersonals ist nach Ansicht von Veronica Just, Vice President von Millutensil, und von Omera-General-Manager Dr. Massimo Carboniero ein ganz wichtiges Thema bei der Konzeption von Stanzanlagen. Elektronische Sicherheitssteuerungen, Lichtgitter und auch der gute, alte Drahtzaun mit speziell gesicherten Zutrittsöffnungen machen die Anlage sicher. Selbstverständlich wird, und darauf legt Werner Gräbener sehr großen Wert, ganz zu Anfang mit allen Beteiligten ein komplettes Sicherheitskonzept erarbeitet. Das ist insbesondere dann sehr wichtig, wenn es sich um Anlagensysteme von mehreren Herstellern handelt.

Hans-Ulrich Tschätsch

Fachjournalist aus Essen

Erschienen in Ausgabe: 04/2013