Nachkarten? Oder besser nach vorne schauen!

Übrigens ...Prof. Dr.-Ing. Wolfram Volk
09. März 2016

Liebe Leser,

ich weiß nicht, ob Sie gerne Karten spielen, aber wenn ja, dann kennen Sie ganz sicherlich die häufig übliche Konversation nach einem knappen Spiel: »Wie konntest Du nur den König ausspielen?«, »Hast Du nicht mitgezählt?« Dies sind wohl sicherlich noch die höflichen Varianten, die nach steigendem Alkoholgenuss durchaus viel derber ausfallen können. Ich habe es selbst schon erlebt, dass ein sonst ganz umgänglicher Freund und Kollege sich nach einer knappen Niederlage beim Schafkopf voller Wut auf den Boden geworfen hat und einen Mitspieler auf das Übelste beschimpft hat. Auch der freundliche Hinweis, dass der Mitspieler beim besten Willen nicht wissen konnte, wie die Karten jetzt tatsächlich sitzen, hat den aufgebrachten Kollegen nicht dazu bringen können, sich zu beruhigen.

Was bewegt mich nun an dieser nicht ungewöhnlichen und häufig anzutreffenden Geschichte? Wir erleben es immer wieder, dass Ereignisse, die nun einmal passiert sind und nicht wieder rückgängig gemacht werden können, noch lange Thema unserer Gespräche und Gedanken sind. Natürlich heißt es nicht zu Unrecht, dass man am besten aus Fehlern lernt, aber ich bin der Überzeugung, dass sehr schnell der Punkt kommt, an dem das intensive Nachkarten nur noch Kraft und Energie verschlingt und uns kein bisschen mehr weiterbringt. Ganz besonders ist das meiner Meinung nach der Fall, wenn ein unbeabsichtigter Fehler passiert und jeder genau weiß, dass das nicht mehr passieren soll.

So kann sich jeder sicherlich an Scherben und Glasbruch erinnern oder auch eine Delle am Auto. Natürlich ist das ärgerlich, aber dann noch lange die Vorhaltungen zu bekommen, »Wie konnte das passieren?« oder »Du Tollpatsch!« hilft dann doch nicht weiter. Bei Kindern neigen wir ganz besonders gern dazu, und es kann dann passieren, dass aus Angst vor der ›Schimpfe‹ manche sich dann gar nichts mehr trauen. Das hängt sicher von der Robustheit und Leidensfähigkeit jedes Einzelnen ab, aber meiner Erfahrung nach sind davon die sensiblen eher unsicheren Menschen ganz schnell betroffen.

Dies habe ich auch ganz häufig in meiner industriellen Vergangenheit erlebt, wenn es darum ging, Prozesse oder Produkte zu verändern und zu verbessern. Nur aus Angst, dass der Urheber derjenige ist, der dafür die Schuld bekommt, wenn es später im Serienprozess nicht funktioniert, sind viele hervorragende Ideen einfach nie ausprobiert worden.

Eine sehr gute Führungskraft hat mir mal mitgegeben, dass wir mutig sein müssen, um neue Sachen auszuprobieren, aber dass das auch bedeutet, dass wir mit Misserfolg gemeinsam leben müssen. Das bedeutet, dass wir gemeinsam gewinnen und auch gemeinsam verlieren.

Es soll dann nicht so sein, dass der Erfolg viele Väter hat und der Misserfolg entweder ein Waisenkind ist oder einen Sündenbock als Ahnen hat. Leider erlebe ich die geringe Risikobereitschaft auch immer mehr im Forschungsumfeld. Wenn wir eine richtig gute Idee haben, die in der Regel immer mit einem erheblichen Forschungsrisiko verbunden ist, bekommen wir genau diese Risiken als Gründe, warum das Projekt abgelehnt wird. Der Effekt ist, dass wir immer häufiger nur noch Themen beantragen, wo wir sicher sind, dass diese auch funktionieren werden. Ich finde, dass das nicht im Sinne einer kreativen Innovationskultur ist.

Mein Tipp ist, dass wir ganz besonders unseren manchmal unangenehmen Querdenkern auch eine Chance und Plattform geben sollten, um das volle Innovationspotenzial unserer Mannschaft zur Entfaltung kommen zu lassen. Das ist einfach geschrieben, aber viel schwerer umgesetzt. Denn wir müssen auch die Misserfolge tragen, um dies als Herausforderung für die Zukunft zu sehen. Natürlich brauchen wir auch Erfolgserlebnisse, aber am Ende ist für mich der Verzicht auf das Nachkarten der wichtigste erste Schritt. Also lassen Sie uns beim Skat, Tarock oder Schafkopf damit anfangen!

Mit den besten Wünschen

Ihr

Wolfram Volk

Erschienen in Ausgabe: 02/2016