Nach unten offen

Editorial

»Elektrizität und Wärme aus fossilen Energie­quellen werden in einigen Jahren unbezahlbar sein. Der Markt kann das nicht verhindern, verstockte Politiker wollen es nicht.«

02. Oktober 2012
Alt macht neu: Das Durchschnittsalter der bbr-Gestalter liegt bei 50.
Bild 1: Nach unten offen (Alt macht neu: Das Durchschnittsalter der bbr-Gestalter liegt bei 50.)

Der BWL-Professor B. galt als Säufer und Erzreaktionär. Und wenn seine Assis nicht genau registriert hätten, wessen Gesicht sie schon vor den Prüfungen gesehen hatten, wäre der Hörsaal leer geblieben. Von jenem Erzreaktionär ist mir nur ein Satz im Gedächtnis geblieben: "Die einzige Existenzberechtigung für Unternehmen ist die Versorgung der Menschen mit Waren und Dienstleistungen." Das war in den frühen 80ern. Heute gälte diese These als umstürzlerisch - nach dem Werte(um)sturz der späteren 80er. Unternehmen sind nur noch für sich selbst da.

Deshalb wollen einige ihren Strom auch nicht mehr selbst bezahlen, sondern vom Steuerzahler bezahlen lassen - noch mehr als bisher. Die >Erneuerbaren< trieben den Strompreis in die Höhe und gefährdeten die Wettbewerbsfähigkeit, behauptet die deutsche Textilindustrie. Jetzt wissen wir wenigstens, dass es die doch noch gibt. Das berechtigt aber nicht zu schiefer Argumentation.

Großverbraucher zahlen nur etwa 5 ct/kWh - gut, dafür sind die Unternehmen der Textilindustrie nicht groß genug. Kleinbetriebe und Privathaushalte legen etwa das Fünffache hin - und pro KWh fast 3,6 ct EEG-Umlage, viele Großverbraucher keine. Diese Umlage herausgerechnet, ist in den letzten zehn Jahren der Strompreis für Kleinverbraucher trotzdem um etwa 7 ct gestiegen; nicht zuletzt, weil Kohle und Gas teurer geworden sind.

Hier zeigt sich: Wir zahlen heute so viel für Elektrizität und Wärme, weil nicht rechtzeitig, also in den 70ern und 80ern, auf erneuerbare Energien gesetzt wurde. Die Begrenztheit der Ressourcen war ja schon bekannt. Aber weil Energie relativ billig war, lohnten sich scheinbar (!) weder Energiewende noch -einsparung. Weder Märkte noch Politiker schauen weit genug in die Zukunft.

Heute zahlen wir die Zeche, und die wird für unsere Kinder und Enkel noch viel höher sein: Wenn die Preise so steigen wie bisher, wird Strom in 25 Jahren das Doppelte und Heizöl (falls es das dann noch gibt) das Fünffache von heute kosten (1970 zahlte man für den Liter Heizöl 17 Pfennige!). Glaubt irgendjemand, dass die Einkommen nur annähernd so steigen werden?

Schief ist auch das Argument Wettbewerbsverzerrung durch das EEG: Kohle und Atom wurden jahrzehntelang direkt und indirekt subventioniert. Jetzt soll das plötzlich pfui-bäh sein? Der Markt wird uns vor dem Ende der Ressourcen retten.

Aber was soll man als Lobbyist mit Nachwuchs tun? Seine Branche oder seine Kinder in den Ruin treiben? Andere Möglichkeiten: eine tiefe Persönlichkeitsspaltung entwickeln. Oder sich dafür einsetzen, dass die betreuten Unternehmen endlich in Energie sparende Maßnahmen und in Energie ›erzeugende‹ Anlagen investieren. Sind denn die Textilbetriebe, aus denen jetzt so jämmerliche Klagelieder klingen, schon gänzlich mit Sonnenkollektoren oder wenigstens PV-bedeckt? Laufen dort Wärmepumpen und BHKWs? Wird die Abwärme von Kesseln und Bädern wiederverwertet? Sind die Anlagen auf dem neuesten Stand?

Zu den größten Energieverbrauchern - ich weiß, dass ich mich jetzt in die Nesseln setze, aber es ist nun mal Tatsache - gehören die Metallerzeuger, und das, obwohl sie den spezifischen Energiebedarf in den letzten Jahrzehnten drastisch senken konnten. Gerade erst hat Linde angekündigt, mit einem neuen Verfahren den Energieverbrauch (leider nur) für die Sekundäraluminumerzeugung um die Hälfte reduzieren zu können. Immerhin! Aber: Mit der Energie für die 5 g Aluminium (Annahme: 80 Prozent Sekundäranteil) zum Einwickeln eines Butterbrotes könnte man einen Mittelklassewagen vier Meter hochheben. Nun triumphiert nicht zu laut, liebe >Stahlinisten<: Zwar würde man für eine gleich dicke Stahlfolie, gäbe es sie, nur ein Drittel so viel Energie benötigt, aber das ist auch noch eine Menge.

Die Effizienz deutscher Stahlöfen ist im Weltmaßstab gar nicht so schlecht; die Chinesen brauchen spezifisch immer noch doppelt so viel Energie. Aber es gibt schon weit effizientere Verfahren als die heute hierzulande üblichen. Freilich sind Schmelzöfen langlebig, und erneuert werden sie erst, wenn ihr Betrieb so richtig weh tut, also deutlich mehr kostet als der einer neuen Anlage.

Dafür könnte unser Staat per Steuern und Abgaben sorgen, aber zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie, und das geht auch nicht, weil die anderen nicht mitmachen. Die meisten Regenten auf der Welt wollen oder können das Problem schwindender Ressourcen nicht einmal im Ansatz erkennen. Und so nützt es wenig, dass die Politiker Mittel- und Nordeuropas auf einer nach unten offenen Skala noch zu den klügeren gehören.

Hans-Georg Schätzl