Mit Tradition in die Moderne

Fokus

Sie sitzen im gleichen Gebäude und haben sich dem gleichen Ziel verpflichtet: Das weit über 100-jährige Traditionsunternehmen Messer erfolgreich in die Moderne zu begleiten. Der eine als CEO Welt, der andere als CEO Europa. So lassen sich die Verantwortungen von Peter E. Schaaf und Christian Jung für die Messer Cutting Systems GmbH auf einen Nenner bringen. Vom Unternehmenssitz im südhessischen Groß-Umstadt aus gehen sie ihrem Auftrag nach.

06. Oktober 2016

Peter E. Schaaf zeichnet die engen weltweiten Verbindungen mit den Tochtergesellschaften der Cutting-Gruppe auf: »Messer Cutting Systems ist ein globaler Anbieter von Spitzentechnologie. Wir bieten Produkte und Dienstleistungen für die Metall verarbeitende Industrie, die weltweit Maßstäbe setzen. Als Vorreiter der Branche liefern wir komplette Lösungen und konzentrieren uns strategisch auf die Beratung der Kunden und auf kundenorientierte Innovationen. Im Fokus steht dabei die Digitalisierung der Prozesse und Produkte. Mit mehr als 900 Mitarbeitern sind wir an fünf Hauptstandorten mit Produktionsstätten und in mehr als 50 Ländern vertreten. Weltweit sind wir mit der breitesten Basis an installierten Einheiten der Partner der Wahl für Schneidsysteme.«

Die Produktpalette des Maschinenbauers umfasst Autogen-, Plasma- und Laserschneidanlagen inklusive Material-Handling, von handgeführten Maschinen bis hin zu Sondermaschinen für den Schiffbau, sowie Maschinen und Anlagen für das Autogenschweißen, Schneiden, Löten und Wärmen. Service, Retrofit sowie Umwelttechnik für die Systeme runden das Programm ab. Hauseigene Software-Lösungen optimieren Produktions- und Geschäftsprozesse. Der intensive Dialog mit den Kunden steht im Vordergrund – die moderne ›Messer Cutting Systems Academy‹ macht diesen Anspruch deutlich. Ergänzt wird die Produktpalette mit Lösungen von Technologie-Partnern.

 »Das Unternehmen arbeitet eng mit den Schwestergesellschaften Spectron Gas Control Systems, Eutectic Castolin und den Industriegasen zusammen«, erläutert Schaaf. »Die globale Entwicklung befindet sich in der Nähe der Europa-Zentrale, Groß-Umstadt. Jedoch kann der Entwicklungsschwerpunkt, je nach Know-how in der jeweiligen Schneidtechnologie, auch in den USA, China oder in Indien liegen.«

Exponentielle Entwicklung

Strategische Partnerschaften – überwiegend mit europäischen Unternehmen – ergänzen die Angebotspalette: Beim Materialhandling (Zu- und Abfuhr von Blechen und Bauteilen) greift die Partnerschaft mit der Friedrich Remmert GmbH, beim Rohrschneiden die mit der holländischen HGG Group. Innovative Tischsysteme werden vom Familienunternehmen Beuting bezogen.

»Einige dieser Kooperationen zielen schon jetzt in Richtung ›Industrie 4.0‹«, so sieht es Schaaf. »Die zukünftige Entwicklung wird weniger vom Maschinenbau dominiert, sondern von der Software und deren Lösungsangebote an unsere Kunden. Dies wird für uns das alles beherrschende Thema der nahen Zukunft werden, und auch Zulieferer müssen sich an diesen veränderten Konditionen messen lassen. Unsere Aufgabe wird es sein, Daten unserer Maschinen auszuwerten und diese aufbereitet den Anwendern zur Verfügung zu stellen. Ein Umstand, der die Fertigung des Anwenders wesentlich produktiver und damit wettbewerbsfähiger werden lässt.«

Wo dieser Weg jedoch letztlich hinführt, kann heute niemand genau sagen. Die Entwicklung wird, nach Aussage von Schaaf, jedenfalls exponentiell sein.

Messer-Qualität

In Sachen Technologie möchte auch Christian Jung den Fokus nicht nur auf der Maschine sehen: »Ich sehe unseren Erfolg nach wie vor auf drei Säulen basierend: Maschine, Service, Autogentechnik – alles drei Spezialgebiete von uns, aus denen wir Synergien schöpfen.

Mit unserer Säule Autogentechnik sind wir in hohem Maße unabhängig vom Maschinenbau. Hier sind die vielfältigen Arbeitsfelder, wie die Wärmtechnik mit einzigartiger Produktvielfalt und unzähligen Verfahren oder die Hüttentechnik mit ihren speziellen Anforderungen an Brenner und Gase, zu nennen.«

Technologisch ist Messer Cutting Systems mit thermischen Schneidmaschinen in allen Segmenten sehr gut vertreten. Aus der Tradition heraus existiert eine große installierte Maschinenbasis, diesen Kunden gegenüber ist das Unternehmen weiter verpflichtet: Bewährtes wird modernisiert und um neue Verfahren erweitert, die die Performance steigern. Darüber hinaus wird das vorhandene Maschinenprogramm kontinuierlich um weitere Modelle zur ›Messer-Flotte‹ ergänzt.

Der Markt ist die Nische

Ein wichtigstes Verkaufsargument ist gestern wie heute die Langlebigkeit der Anlagen, die sprichwörtliche ›Messer-Qualität‹. In diesem Zusammenhang erwähnt Jung einen italienischen Kunden, bei dem eine Maschine seit über 40 Jahren im Einsatz ist. Und kommt eine Maschine dann doch mal in die Jahre, bringt sie ein Retrofit – vom Antrieb bis zur Steuerung – wieder auf den neuesten Stand der Technik.

Auch auf dem Gebiet des Schneidens mit dem Laser ist Messer sehr gut aufgestellt: »Unser Markt ist die Nische der großen Blechformate. Etwa im Behälter- und Trailerbau, in der Lohnfertigung und in Werften. Dort schätzt man den CO2-Laser nicht nur wegen der Schnittqualität, sondern auch, weil er im Gegensatz zum Faserlaser nicht eingehaust werden muss«, so der CEO Europa.

Bleche oder Bauteile können in diesen Branchen schon mal bei 20 mal fünf Meter liegen – diese XXL-Formate schafft kaum jemand. Die aktuell zum Schneiden eingesetzten Laserleistungen der CO2-Strahlquellen liefern vor allem bei dickem Edelstahl noch immer die beste Schnittqualität. »Bei unserer Beratung für das passende Laser-System zeigen wir dem Anwender aufgrund unserer Erfahrungen, wie er am effektivsten produziert – wirtschaftlich wie qualitativ. Dies bezieht neben der Wahl des richtigen Lasers auch Material-Handling, also die Logistik um die Maschine, mit ein«, erläutert Jung.

Heute gut – und morgen?

Da der preisliche wie auch der technologische Druck in allen Bereichen des thermischen Schneidens hoch ist, muss sich der Champion fortwährend anstrengen, um ständig vorne zu bleiben. »Aber der Druck, zu performen, motiviert uns«, fügt Jung ein. »Das Erreichte ist für heute gut. Aber unserer Mannschaft ist klar, dass wir weiter vorangehen und uns stetig verbessern müssen.«

»Heute sind unsere Maschinen und Verfahren Richtschnur für viele – zuverlässig, funktionell und effektiv«, sagt Jung, »Unsere Aufgabe für morgen ist das Einbinden neuer Technologien in komplexe Fertigungssysteme. Sprich: Automatisierung, ein Handling-System oder ergänzende Software-Lösungen. Alle sich bietenden Möglichkeiten sind auszuschöpfen, um einen Prozess zu beschleunigen, zu verbessern und zu optimieren. Beim Thema ›Connectivity‹ (Anbindung) sind viele Wege gangbar. Die große Herausforderung wird dabei sein, die Schnittstellen so zu definieren, dass alle Daten kundenoptimiert genutzt werden können. Das wird ein unglaublich spannender Weg in die sich Richtung Industrie 4.0 ändernde Industrielandschaft.«

Jeder Cent zählt

Viele Kunden produzieren rund um die Uhr an sieben Wochentagen; da ist jeder Cent weniger pro geschnittenem Meter bares Geld. Hier zeigt Messer Cutting Systems den Anwendern, wo ihr Nutzen liegt, was sie an ihrem Fertigungsprozess verbessern, wie sie sicherer, schneller und kostengünstiger schneiden können. Auch lassen sich Einsparungen durch ›intelligenten Maschinenbau‹ erzielen. Da schneiden zum Beispiel mehrere Brenner oder auch Laser-Schneidköpfe parallel auf einer Maschine die Bauteile aus dem Blech. Herausragend ist hier das Schneiden von zwei Bauteilen parallel auf der Faserlaseranlage ›Powerblade‹.

Zur Unternehmensphilosophie gehört nach Jung neben der besonderen Förderung der Mitarbeiter auch die stetige Weiterentwicklung von Technologie, Maschinenbau und Software. Weiterentwicklung beinhaltet auch immer Neuentwicklung, insbesondere bei ergänzenden Werkzeugen und Monitoring-Systemen auf den Maschinen. Letztere gilt es mit vor- und nachgelagerten Produktionsmitteln in das übergeordnete System einzubinden, bis hin zur Logistik.

In der Zukunft soll die Software die Prozesse bei Kunden transparenter machen. Auch Systeme zur Diagnose der Autogenflamme, des Plasmalichtbogens, des Laserstrahls helfen, die Produktion mannlos fortzuführen. Diese Entwicklungen koordiniert Messer Cutting Systems weltweit.

Zu Christian Jungs Vertriebsgebieten gehören neben Europa noch ganz Russland, Südafrika und Vorderasien. Seine Geschäftserwartungen für die nächsten Jahre sind: »Für Russland gilt nach wie vor das restriktive Handelsembargo, der Markt in Südafrika stagniert derzeit, dagegen ist das Geschäft in Europa im Moment sehr gut.«

Ein weiterer Lichtblick ist Vorderasien. Hier, speziell im Iran, bewegt sich sehr viel. Der Nachholbedarf ist enorm, Infrastruktur und Wirtschaft müssen wieder vorangebracht werden. »Wo immer möglich, nutzen wir bei all unseren Aktivitäten die Synergien innerhalb der großen Messer-Gruppe.«

Dieter Schnee

Fachjournalist aus Frankfurt a. M.

Blechexpo Halle 13, Stand C98

Erschienen in Ausgabe: 06/2016