»Mehr Respekt vor dem Schneiden!«

Forum/Meinungen aus der Industrie

Jeder Mensch hat im häuslichen Alltag Respekt vor dem Schneiden. Wenig Wertschätzung scheint diese Fertigungsart dagegen in der Industrie zu genießen. Ändern soll dies der Deutsche Schneidkongress.

31. August 2015
Bild 1: »Mehr Respekt vor dem Schneiden!«
Bild 1: »Mehr Respekt vor dem Schneiden!«

Sie befinden sich in der Session mit dem langweiligsten Thema dieses Kongresses«, stimmte Prof. Wolfgang Schulz vom Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT aus Aachen bereits vor Jahren die Besucher des International Laser Technology Congress (AKL) auf das Laserschneiden ein. Als ebenso langweilig scheint mancher Auftraggeber sogar das Wasserstrahl-, Plasma- oder Autogen-Schneiden anzusehen. »Es ist zwar eine gigantische Zielgruppe, doch Job-Shops erhalten häufig kein Honorar für das Zuschneiden von Stahl«, berichtete Gerhard Hoffmann, Geschäftsführer der Schneidforum Consulting GmbH & Co. KG aus Solingen. »Bezahlt werden oft nur die Materialkosten.«

Das erstaunt den Erfinder und Initiator des Deutschen Brennschneidtages, der seit 15 Jahren in Solingen stattfindet. »Doch woher kommt dieser Wertverfall?«, fragte er auf einer Pressekonferenz zum neuen Deutschen Schneidkongress in Dortmund – einer Schwesterveranstaltung zum Solinger Traditionstreffen.

Unter dem Kongress-Motto »Schneiden verdient mehr Respekt« suchte er nach kreativen Wegen, dass dieses »wichtige Gewerk im Lebenszyklus eines Produktes« in der Industrie mehr Aufmerksamkeit und Beachtung erhält. Ein Mittel zum Zweck ist ein neuer ›Oskar‹ für das Schneiden. »Der Cutting Award soll ein Anreiz für Unternehmen sein, rechtzeitig den Grundstein für eine gute Mitarbeiter-Ausbildung und Nachwuchsförderung zu legen«, erklärte Hoffmann. Auszubildende können an das Schneidforum Schnittmuster senden, die eine unabhängige Experten-Jury unter der Schirmherrschaft von Dr. Friedhelm Fischer der Handwerkskammer Koblenz beurteilt und dann Sieger in den Einzeldisziplinen in Abhängigkeit vom jeweiligen Anforderungsgrad Autogen, Plasma, Laser und Wasserstrahl ermittelt.

Nicht von ungefähr will Hoffmann mit seinem Schneid-Oskar auch den Nachwuchs in Job-Shops und anderen Unternehmen ansprechen. Denn als einen Grund für die mangelnde Wertschätzung sieht er ein altes Manko an: Es gibt im Gegensatz zum sehr angesehenen Schweißer nach wie vor keine reinrassige Ausbildung. Dann übernehmen gelernte Maschinen- und Anlagenführer das Schneiden, die oft noch nie eine Brennschneidmaschine gesehen oder gar bedient haben. In vielen Betrieben kommen noch nicht einmal diese ›gelernten‹ Facharbeiter an die Maschinen. Als weitere Gründe bezeichnet der Solinger Schneidexperte die geringe Weiterbildung des Personals, den geringschätzigen Umgang mit den Schneidanlagen und den Mangel an Wartungsverträgen. So ergab eine Umfrage des Schneidforums, dass 70 Prozent aller Schneidanlagen ohne Wartungsvertrag betrieben werden.

Wer, wie ich, seit Jahren Stammgast auf den Schneidkongressen ist, stellt bei diesen Aussagen erschreckt fest: Es hat sich noch nicht viel getan. Ich finde es daher gut, dass Hoffmann mit dem Gang nach Dortmund, dem Cutting Award, dem Hauptsponsor Erl Automation und weiteren Partnern wie Bystronic oder der Handwerkskammer Koblenz eine »Lobby für den hochwertigen Schnitt aufbaut«.

Nikolaus Fecht

Fachjournalist aus Gelsenkirchen

Erschienen in Ausgabe: 05/2015