Man glaubt es nicht

Editorial

»Vertrauen Sie Weissagungen immer erst hinterher!«

12. Oktober 2010

Männer habens schwer. Und nicht erst seit heute. Und nicht nur menschliche. Schon die alten Griechen und ihre Götter Männer habens schwer, sagte schon Homer. Und sagt wohl auch das homonyme Strichmännchen – aber wir schweifen ab...

Schuld sind die Frauen. Wie immer. Also auch wie damals. Da soll es einst die schöne K., Tochter des P., König von T., gegeben haben, in die sich der ebenfalls schöne Gott A. verguckt hatte. K. witterte sofort ein gutes Geschäft: Da müsse doch was gehen. Verwirrt, wie verliebte Männer nun mal sind, glaubte auch der unsterblich verknallte Unsterbliche, die Angelegenheit geschäftlich regeln zu können: Er verlieh ihr die ersehnte Gabe der Hellseherei. Doch sie zeigte dem Traummann weiter die kalte Schulter – wissen die Götter, warum! Vielleicht meinte sie, da ginge noch a bisserl mehr – geschäftlich und so. Aber nichts ging, zumindest nicht gut: A., temporär um seinen Verstand und damit um die eigene Hellsichtigkeit gebracht, war in seiner Eitelkeit gekränkt und entsprechend sauer. Doch sein Geschenk konnte er nicht mehr zurückziehen (was bis heute so ist: Die Schnäpse sind weg). Aber A. sorgte dafür, dass den (richtigen) Weissagungen der K. niemand mehr glaubte. Die Folgen sind bekannt.

Wenn im Zusammenhang mit den Weissagungen irgendwelcher ›Wirtschaftsweisen‹ von Kassandrarufen die Rede ist, dann sagt das einiges über den Bildungsnotstand einiger Wirtschaftsjournalisten. Denn den ›Weissagungen‹ jener ›Weisen‹ glaubt fast jeder, obwohl sie fast immer danebenliegen, weit daneben sogar. Die Folgen sind bekannt.

Als der notorische Glossist S. – der Name tut nichts zur Sache – an dieser Stelle ein Vielfaches der für Deutschland geweissagten 1 bis 1,5 Prozent in Aussicht stellte, mag sich mancher Leser an die Stirn getippt haben. Ähnlich war es diesem vorlauten Menschen anlässlich einer Blechmesse vor etwa einem Jahr gegangen, als er im Veranstalter- und Kollegenkreis die Prognose 3,5 Prozent Wachstum für 2010 in den Raum warf. Die mildeste Reaktion war mitleidiges Lächeln ob des verlorenen Verstandes: wieder ein Fall für die Krankenkasse!

Doch wir liegen derzeit über vier Prozent, und bis Jahresende sollen es 3,5 werden – was hieße, dass das 4. Quartal 2010 deutlich schwächer ausfiele als im Vorjahr. Das wäre aber keine Rezession und erst recht kein Grund zur Panik, sondern eine ganz normale Konsolidierung, weil die Lager wieder gefüllt sind.

Panik möchten jedoch jene Wirtschaftsfachleute schüren, die, weil gute Nachrichten schlechte Nachrichten sind, bereits die nächste, noch schlimmere Krise verkünden und begründen. Klar, die wird kommen, aber niemand weiß, wann und warum. Gründe gibt es genug: Immobilienblasen in China etwa, oder die Pleitestaaten am Mittelmeer und im Nordatlantik …

Aber vorerst läuft das Geschäft wieder. Unsere Wirtschaft, auch der Maschinenbau, wird den Einbruch bald wieder aufgeholt haben. Die Euroblech wird brummen wie noch nie. 2010 vielleicht lauter und heller als 2008 (ich ahne, was Sie jetzt mit dem rechten Zeigefinger machen).

Andere Geschäfte laufen noch besser: die der Banker zum Beispiel, die schon wieder ihre alten Spielchen spielen. Haben die denn gar nichts Gescheites gelernt, nicht einmal aus ihren größten Fehlern? Doch: wie man für Totalversagen noch Millionen-Prämien kassiert. Aber kein Neid! Die haben das (wenn auch nicht unbedingt redlich) verdient. Haben sie uns doch gezeigt, dass eine Krise nur eine Krise ist und nicht das Ende. Diese Erkenntnis sollte uns doch 3500 Mark pro Kopf der Bevölkerung für die Bankenrettung inklusive Prämien wert sein!

Nur 1 (Hamse ma ne ) Mark pro Kopf monatlich dagegen kostet uns die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze (auch für Opfer jener Börsenspieler) – eine Verhöhnung der Betroffenen. Hoffen wir, dass unsere ›Sozialhilfe‹-Empfänger so lethargisch sind wie in unserer Klischee-Vorstellung. Sonst könnten bald Steine fliegen.

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 05/2010