Lineare Wechselspiele

Kanalstraße Wer hat davon noch nicht geträumt? Eine schier endlose, bis zu 3 m breite Blechbahn stanzen - wo man will - und ohne den üblichen Werkzeugwechsel. Müller Stanz- und Umformtechnik hat so eine anlage ausgeknobelt, die für den Systemlieferant HS-Schoch Coilmaterial bis auf 1,5 m Breite beliebig stanzt, profiliert, schlitzt, abkantet.

22. März 2006

„Theoretisch könnten wir mit unserer neuen Anlage in nur acht Wochen den Jahresbedarf an Lkw-Palettenstaukästen für ganz Europa produzieren“, schätzt HS-Schoch-Prokurist Dietmar Beuther. Die Vorgängeranlage, die HS-Schoch in Cobbelsdorf heute nur noch für Sondereinsätze benutzt, ist Baujahr 92 und schafft Toleranzen von 1,5 bis maximal 1 mm bei Vorschüben bis 1 m/min. »Unsere neue Anlage arbeitet dagegen auf ein Zehntel genau - und das im Standardmodus bei durchschnittlich 15 m/min«, unterstreicht Dietmar Beuther. Je nach Komplexität der gewünschten Blechteile sind nach Einschätzung von Geschäftsführer Heiko Müller sogar 4 bis 40 m/min Vorschub machbar. Warum aber ausgerechnet Müller Stanz- + Umformtechnik? »Neben der Technik war uns auch die Nähe zum Hersteller sehr wichtig. Die Firma Müller ist im Falle eines Falles und war vor allem in der Anlaufphase binnen zwei Stunden vor Ort«, erläutert Dietmar Beuther. In puncto Technik und Kapazitätsgewinn nennt der Prokurist vor allem den mehr als verdoppelten Ausstoß: Früher hätte die alte Anlage 16 min für einen Kasten gebraucht, was die neue in 4 min ohne manuelle Hilfe stanzt, profiliert, biegt und ablegt. Die Anlage füttert Schoch mit dem kompletten Tagespensum. Die Reihenfolge der Einzelteile können die Bediener nach Bedarf wählen, indem sie nur die in der AV erstellten Programme anwählen. Die Standard-Programme der 80 Staukästen-Varianten sind fest gespeichert. Allerdings ist auch freie Programmierung für den Bediener machbar - und das nicht nur am Terminal, sondern Rüstzeit schonend via PC. Ein Palettenstaukasten von HS-Schoch besteht aus einem rund 1,5 m breiten und 9 m langem Blech, welches pro­filiert, gekantet, seitlich beschnitten und gestanzt wird. Bis zu neun verschiedene Stanzformen können flexibel und frei programmierbar in das Blech eingebracht werden.

Portal nur 2?m breit

Zum flexiblen Stanzen hat Müller ein Stanzportal entwickelt, das kaum breiter ist als das verwendete Blech. Traditionell sind Stempel und Matrize beim Stanzen fix. Ausladende Stanzbügel oder große O-Rahmen mit festem Werkzeugober- und Unterteil müssten in beide Richtungen komplett verfahrbar sein. Bei einem 1,5 m breiten Blech ergibt sich schnell eine Portalweite von über 3 m, was die Halle bei Schoch allein gefüllt hätte. Also ist man bei Müller den Weg gegangen, Ober- und Unterwerkzeug unabhängig voneinander zu verfahren und synchron an der Sollposition zu positionieren. „Dadurch baut das Portal mit 2 m Gesamtbreite sehr klein“, skizziert Heiko Müller einen Haupt-Vorteil seines Konzepts. Allerdings hat dies zur Folge, dass die Stanzqualität nicht mehr alleine von Stempel und Matrize abhängt, sondern zusätzlich von der Positioniergenauigkeit der beiden Werkzeugantriebe. Größte Herausforderung war es, über die ganze Breite die Positioniergenauigkeit zu halten. Bei einem Schnittspiel zwischen Stempel und Matrize von 0,1 bis 0,2 mm muss diese besser 0,05 mm liegen. Sonst wären Gratbildung und Werkzeugverschleiß zu hoch.

60 Hübe bei 200 kN

Die neun Lochwerkzeuge liegen zwischen 4 mm Durchmesser und einem 80 x 80 mm Rechteckstempel. Für den nö­tigen Druck sorgt ein Hydraulikzylinder: Maximal 200 kN Presskraft und 60 Hübe pro Minute dürften vielen Blechteilen genügen. Weiteres Highlight ist hinter dem Walzenvorschub das präzisionsentscheidende Messrad. „Das Messrad stellt quasi die Ist-Position des Blechs fest. So kompensieren wir vollständig Temperaturschwankungen und den Schlupf am Walzenvorschub“, erklärt Heiko Müller. Prunkstück der Anlage ist natürlich das Stanzportal. Es besteht aus zwei Lineareinheiten mit integriertem Messsystem für Ober- und Unterschlitten, die jeweils separat Stanzstempel und Matrize in Position bringen. Für noch mehr Flexibilität könnte aber auch die doppelte Zahl an Werkzeugplätzen sorgen, die für Heiko Müller „ohne Bauchschmerzen“ mit leichten Geschwindigkeitseinbußen wegen der massiveren Konstruktion denkbar sind. „Oben und unten beschleunigen wir jeweils 400 bis 600 kg mit bis zu 1g und auf 3/100stel genau“, weiß Heiko Müller. Aufgrund dieser Präzision tritt trotz mechanisch völlig losgelösten Ober- und Unterschlitten weder Gratbildung noch zu hoher Werkzeugverschleiß auf. Heiko Müller empfiehlt die Anlage für Garagentore bis Brandschutztüren: „Also überall dort, wo großflächige Bleche vom Coil verarbeitet werden sollen.“ HS-Schoch genügt die Anlage immerhin für die komplette Abwicklung der Paletten-Staukästen, die später nur noch an einer Breitseite gepunktet werden. Der 1,5 m breite Blechstreifen ist in der Abwicklung bis zu 9 m lang und müsste eigentlich wie früher am Ende der Anlage von zwei Werkern schonend in Empfang genommen werden, um Knicke oder Maschinenverwicklungen zu vermeiden. „Mit der neuen Anlage brauchen unsere Bediener keine Teile mehr abnehmen, sondern können sich voll auf die Produktion konzentrieren“, so Dietmar Beuther.

NC-Programm direkt aus CAD-System

Grund dafür sei die pneumatische Schwenkbiege-Einheit am Ende der Kanalstraße, die vollautomatisch arbeitet und von Müller auf die Maße der HS-Schoch-Staukästen angepasst wurde. „Denkbar ist natürlich auch, das Stanzportal aus dem CAD-System mit Daten zu füttern“, zeigt Heiko Müller auf. So könnten direkt NC-Programme generiert werden - samt Ausgabe der linearen Verfahrsätze für Stempel und Matrize. Potenzial hat die Konzeption noch viel: „Ab Sommer wollen wir vollautomatisch fertigen.“ Präzision und Geschwindigkeit der Anlage würden dies laut Dietmar Beuther zulassen, so dass die zweite Schicht komplett für andere Produkte, Trennbleche oder den finalen Deckel nutzbar sind. Gerade beim Deckel, dem Verschluss der Staukästen, zeigt Schoch seine logistischen Stärken: „Bis kurz vor Auslieferung können unsere Kunden ihre Wünsche äußern. Wir reagieren dann mit unserer KTL- oder Pulverbeschichtungsanlage auf die teilweise ausgefallenen Wünsche“, erkärt Dietmar Beuther. Dass Schoch einer der Großen der Branche ist, belegen die Zahlen: Rund 6000 Standard-Paletten-Staukästen bauen die derzeit rund 110 Cobbelsdorfer jedes Jahr in 80 Varianten. Dazu kommen 15000 Sonderkästen. Zudem bedient Schoch von Cobbelsdorf auch Blech-Nischen: „Schwerpunkt sind natürlich Stanz- und Blechbearbeitung samt Korrosionsschutz.“ Namhafte Abnehmer seien laut Dietmar Beuther Windkraftanlagen-Bauer, die ihre Stahl-Wendeltreppen orderten. Oder auch DC, die für den Sprinter die komplette Baugruppe »Schmutzfänger« inklusive Befestigungen beziehen. Insgesamt hat Schoch vier Produktionsstandorte und Vertriebsniederlassungen rund um die schwäbische Zentrale in Lauchheim aufgebaut.

Der Portal-Stanzer

Vom Pressenbauer zum Service-Unternehmen: Das ursprünglich 1913 gegründete Unternehmen hat sich bis heute in der vierten Generation vom Pressenbauer zum Komplettlieferanten Müller Stanz- und Umformtechnik entwickelt. Im Werk Gefrees fertigen mittlerweile rund 80 Mitarbeiter um Geschäftsführer Heiko Müller in zwei Kategorien: klassische Pressen, wie C-Gestellpressen bis zu einer Tonnage von 6.000 kN, Kniehebelpressen, Stanz- und Umformautomaten bis 10.000 kN. Dazu kommen die klassischen Automatisierungskomponenten wie Haspel, Bandrichtmaschinen, Vorschübe und Transfergeräte. Das Portfolio erweitert Müller durch Sondermaschinen, die von Heiko Müller anfangs als Ergänzung gedacht waren: „Heute decken unsere Sondermaschinen rund ein Drittel des Umsatzes ab.“ Die Innovationsfreudigkeit von Müller belegt zudem die Tatsache, dass rund 60% des Jahresumsatzes neu entwickelt sind. Es kommen also nur 40% von der Stange.

Erschienen in Ausgabe: 03/2006