Kooperation im Wettbewerb

Aktiv im Dreieck

Andere Verbände schrumpfen, dieser wächst. Die Rede ist vom Industrieverband Blechumformung (IBU) aus Hagen. Über die Erfolgsrezepte positiven Lobbyismus sprach Bänder, Bleche, Rohre mit Vorstand Dr.-Ing. Gerhard Brüninghaus und Geschäftsführer Bernhard Jacobs.

29. März 2004

Was motiviert einen vielbeschäftigten Firmenlenker mit knappem Zeitbudget, sich in einem Verband zu engagieren, Herr Dr. Brüninghaus?

Dr.-Ing. Gerhard Brüninghaus, Geschäftsführer der Brüninghaus & Drissner GmbH, Hilden: Ich habe vor allem beim Gedankenaustausch mit Verbandskollegen sehr gute Erfahrungen gemacht. Dieser Austausch hilft, eine Unzufriedenheit über den Ist-Zustand des eigenen Unternehmens zu erzeugen. Außerdem entstehen im Verband zahlreiche Meßgrößen, mit deren Hilfe sich die Verbandsmitglieder vergleichen können. Auf diese Weise lernt man auch, den eigenen Standpunkt zu bewerten!

Die Frage an den neuen IBU-Geschäftsführer: Was reizte Sie, einen Verband wie den IBU zu leiten?

Dipl.-Soz. Wiss. Bernhard Jacobs, Industrieverband Blechumformung e.V.: Der IBU besitzt einen sehr guten Ruf - auch in der Verflechtung mit dem Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung (WSM). Diese Verflechtung von 30 Fachverbänden und dem Dachverband WSM ist eine attraktive und zukunftsfähige Konstruktion. Der IBU selbst agiert in einem attraktiven Dreieck von Technik, Innovation und mittelständischem Unternehmergeist!

Pro Jahr gewinnen Sie acht bis zehn neue Mitglieder. Gemessen an der derzeitigen Mitgliederanzahl von 140 Firmen ein erstaunlicher Erfolg. Verraten Sie uns das Erfolgsgeheimnis?

Jacobs:Gerne. Zum einen bieten wir zunehmend attraktivere Dienstleistungen und vielfältige Möglichkeiten zum Informationsaustausch der Unternehmen. Zum anderen formiert sich mit Hilfe des Verbandes ein gesundes Branchenselbstbewußtsein in einer prosperierenden Branche!

Wie sieht die Arbeitsteilung zwischen IBU und WSM aus? - Dr. Brüninghaus: Alle übergeordneten Dienstleistungen aus den Fachverbänden bündeln wir eine Etage höher beim WSM, weil er diese Leistungen wesentlich effektiver anbieten kann. Dazu zählen beispielsweise Rechtsgutachten, Benchmarking, Umweltschutz- und EU-Themen!

Auf diesem Sektor konkurrieren Sie aber auch zum Teil mit den Industrie- und Handelskammern? - Dr. Brüninghaus:Das ist richtig. Daher müssen wir auch bei den Unternehmen das Verlangen wecken, unser Leistungsangebot anzunehmen. So gelingt es uns manchmal nur mit Schwierigkeiten, unsere Unternehmen zur Mitarbeit bei 100prozentig geförderten Forschungsprojekten zu motivieren!

Jacobs: Doch es gibt auch etliche Bereiche, in denen uns das Vermitteln unserer Dienstleistungen zunehmend einfacher fällt. So bietet der IBU eine bestens aufgestellte Technologieberatung durch Dr. Andy Mumm mit einer derart positiven Resonanz an, daß es manchmal schon zu Kapazitätsengpässen kommt. Wo andere aber etwas besser können, sei es Institute oder IHKs, steigen wir nicht ein, sondern kooperieren im Netzwerk. Wir konzentrieren uns dabei auf unser Kern-Know-how!

Was unterscheidet den IBU von anderen Verbänden?

Dr. Brüninghaus:Wir bemühen uns eigentlich jedes Jahr, etwas Neues anzugehen. Das ist zwar nicht immer sofort von Erfolg gekrönt, aber auf diese Weise erweitern wir ständig unser Angebot. Daher rühren sicherlich auch unsere Zuwachsraten!

Jacobs: Hinzu kommt aber auch, daß wir bisher nur 40 Prozent der Branche vertreten. Wir besitzen also ein relativ hohes Potential an künftigen Mitgliedern!

Nun gehören ja auch Töchter von Konzernen zu Ihren Mitgliedern. Was können Sie denn Firmen bieten, die bereits über ihre Konzernmütter bestens mit Infos und Service versorgt werden?

Jacobs:Wir bieten in erster Hinsicht eine neutrale Plattform für Kommunikation. Dort kommt im Prinzip alles zur Sprache, was den leitenden Manager im Alltag bewegt. Außerdem offerieren wir zusätzlich Einzelberatung. So kommt es beispielsweise vor, daß ein Unternehmen wegen Kapazitätsengpässen in der Bemusterung Hilfe benötigt. Dann muß der IBU schnell und zuverlässig Auskunft geben.

Dr. Brüninghaus: Außerdem gibt es innerhalb des Verbandes Kleingruppierungen von persönlich befreundeten Unternehmern, die sich dann zum Beispiel zusammen schließen, um gemeinsam eine teure 3D-Meßtechnik Schulung durchzuführen. Diese regionale Zusammenarbeit führte in Lüdenscheid sogar zur Gründung einer gemeinsamen Firma für Lasertechnik!

Jacobs:Das alles geschieht bei uns unter der Überschrift Kooperation und Wettbewerb!

Drei Viertel des Umsatzes erwirtschaftet Ihre Branche direkt oder indirekt mit der Automobilindustrie, die ja auf den global tätigen Systemzulieferer setzt. Wie kommen Ihre Verbandsmitglieder diesem Wunsch nach?

Dr. Brüninghaus: Die Großen der Branche folgen diesem Trend bereits eine Zeit. Ihre Töchter stehen schon neben den Auslandswerken der Autohersteller. Die mittleren Firmen befinden sich zur Zeit auf dem Weg hin zum internationalen Systemzulieferer. Und dieser Trend ist jetzt auch bei den kleinen Unternehmen angekommen. Es ist allerdings die Frage, ob die kleinen Firmen die finanzielle Kraft für diese Auslandsinvestitionen besitzen. Es wird meiner Ansicht nach daher zu Verschiebungen in den Produktspektren kommen!

Wie sieht es mit den weltweiten Transportkosten aus?

Dr. Brüninghaus: B Hinzu kommt: Sie spielen bei den meisten Produkten unserer Branche nur eine geringe Rolle. Das schützt uns zwar nicht vor Importen, erleichtert uns aber auch den Export. Daher gibt es auch eine Grenze für weltweite Produktionsstätten!

Wie unterstützt der Verband beim Globalisieren?

Über den internationalen Verband ICOSPA, der internationalen Gruppe der nationalen Blechumformverbände. Bei den Treffen gibt es Kooperationsbörsen für internationale Kontakte. Auch der IBU veranstaltet Kooperationsbörsen!

aWelche technischen Themen bewegen Ihre Branche? - Dr. Brüninghaus:Zu den wichtigsten Trends zählen Innenhochdruckumformung, Tailored Blanks, hochfeste Stähle und Prozeßüberwachung!

Jacobs:Als Mitgesellschafter der Forschungsgesellschaft Stahlverformung (FSV) unterstützen wir beispielsweise das Projekt keramische Ziehringe, das auch außerhalb des Verbandes auf sehr großes Interesse stößt!

Die Firmen Ihrer Branche gelten als traditionsbewußt und treu zum jeweiligen Standort. Trifft dieses Bild immer noch zu?

Dr. Brüninghaus: Ja. Es handelt sich nämlich nach wie vor bei der Blechumformung um einen Industriezweig, in dem der Unternehmer sehr viel Geld investieren muß zum Beispiel für Maschinen, Werkzeuge und Handling. Im Schnitt geben wir pro Arbeitsplatz eine Million Euro aus. Bei derartigen Investitionen ist die Bereitschaft zum Standortwechsel verständlicherweise gering!

Zur Tradition zählt doch sicherlich auch eine starke Bindung des Personals an die Branche? - Dr. Brüninghaus: Das stimmt. Es kommt oft vor, daß ein Mitarbeiter beim 25jährigen Betriebsjubiläum erzählt: Als ich hier anfing, dachte ich sofort: & pos;Hier bleibst du keine zwei Wochen& pos;. Jetzt bin ich immer noch da. Auf den ersten Blick wirkt unser Branche ja auch nicht sehr attraktiv. Doch nach kurzer Zeit merken halt viele Mitarbeiter, daß sie hier viele Erfolgserlebnisse erhalten können. Wenn sie beispielsweise einen komplizierten Verarbeitungsprozeß so verbessern, daß er dann optimal läuft. Das unterscheidet die Blechverarbeitung auch von Fertigungsprozessen, bei denen der Mitarbeiter die einzelnen Verarbeitungsschritte nicht mitbekommt. Hier sieht er im Prinzip jeden Lochstempel. So sind viele Mitarbeiter zu recht darauf stolz, daß ohne sie der Laden nicht laufen würde!

Vermittelt Ihre Branche diese positiven Seiten der Arbeit auch dem potentiellen Nachwuchs?

Dr. Brüninghaus: Bei den Schülern haben wir in dieser Hinsicht bisher sicherlich zu wenig getan. Wir wollen daher bei den Mitgliedsfirmen noch das Problembewußtsein wecken, daß wir beim jugendlichen Nachwuchs für unsere Branche werben müssen. Sehr elegant ließe sich das bewältigen mit Wettbewerben. Der IBU setzt dabei auf regionale Einzelmaßnahmen und unterstützt daher zur Zeit die Bildung von lokalen Gruppierungen. Diese Idee stößt im Verband auf großes Interesse!

Wie strukturieren Sie ihre Öffentlichkeitsarbeit? - Jacobs: Wir sehen dabei zwei Zielrichtungen - zur Presse und zu den Mitgliedern. Bei der Öffentlichkeitsarbeit kommt auch der Netzwerkgedanke zum Tragen. Dazu ein Blick auf ein konkretes Projekt: Wir wollen das Wissen einzelner Mitglieder auf unserer Homepage erfassen und ausgewählte Problemlösungen allen zugänglich machen. Diese Netzwerkidee wollen wir weiter forcieren. Da geht es zum Beispiel um Fragen á la wie kann ich in einem Ziehöl den Anteil umweltfeindlicher Stoffe reduzieren?.

Und die Pressearbeit?

Jacobs: Hier gilt es eine Arbeitsteilung zu beachten. Die große Politik übernimmt der Dachverband, die Themen unserer Branche behandelt der IBU. Auf beiden Ebenen werden die Aktivitäten verstärkt!

Wie sehen Ihre persönlichen Visionen für den Verband aus?

Dr. Brüninghaus:Wir befinden uns im Wandel vom regionalen Verband aus Hagen hin zur nationalen Institution, in der es zum Aufbau von weiteren regionalen Gruppierungen mit engen persönlichen Kontakten kommt!

Jacobs: Die aktuellen Bedarfe und Vorstellungen aus den Mitgliedsunternehmen werden wir aufnehmen und zu einer Gesamtschau der mittelfristigen Branchenentwicklung zusammenfassen. Außerdem sollte der Verband den Unternehmen und der Branche helfen, mit mehr Selbstbewußtsein gegenüber der Politik aufzutreten. Wir haben da etwas vorzuweisen!

Erschienen in Ausgabe: 03/2004