Komplett automatisierte Langguttransporte

Fokus/Lagern und Konfektionieren

Die im österreichischen Telfs beheimatete Thöni Holding GmbH hat ein neues Press- und Eloxalwerk in Betrieb genommen. Mit seiner durchgehend automatisierten Intralogistik steht das Werk beispielhaft für eine moderne Profilproduktion.

22. März 2018
© Thöni
Bild 1: Komplett automatisierte Langguttransporte (© Thöni)

Die Thöni Industriebetriebe GmbH mit Sitz im österreichischen Telfs produziert seit 1984 Profile. Als Mitte der neunziger Jahre erkennbar wurde, dass die gewünschte Expansion am ehemaligen Standort aus Platzgründen nicht möglich war, wurde ein komplett neues Presswerk geplant und in Einzelschritten errichtet.

Komplett vernetzte Produktion

Zu dessen herausragenden Merkmalen gehört die konsequent automatisierte Intralogistik, für die der in Denkendorf ansässige Spezialist H+H Herrmann & Hieber verantwortlich ist. H+H ist heute mit führend auf dem Gebiet innerbetrieblicher Langguttransporte für Rohr- und Profilwerke.

Der österreichische Betrieb profitiert in mehrfacher Hinsicht von dieser Kompetenz: Unmittelbar sichtbar wird der Rationalisierungseffekt durch den geringeren Personalbedarf, die niedrigere Schrottrate und den störungsfreien Ablauf der Produktion. Darüber hinaus ist der Betrieb bei Bedarf in der Lage, die Produktion hochzufahren oder aber, wenn die Marktverhältnisse dies zwischenzeitlich einmal erforderlich machen, die Ausbringung zu reduzieren.

Am Beispiel des Tiroler Presswerkes der Thöni Holding wird zudem deutlich, dass neben Wirtschaftlichkeits- und Flexibilitätsüberlegungen auch andere Gründe für einen automatisierten Materialfluss sprechen können. In dem neuen Werk nämlich wäre eine derartige Produktion aus Platzgründen ohne eine automatisierte Intralogistik nicht möglich gewesen.

Automatische Krantransporte

Der individuell auf das Presswerk zugeschnittene Materialfluss startet, wenn die Profil- oder Rohrabschnitte unter Verwendung von Zwischenlagen automatisch in Ladungsträgern (sogenannten Körben) gestapelt werden. Von da an müssen die gefüllten Körbe in beliebiger Abfolge dem Lager, der Wärmebehandlung, einem der fünf Packplätze, dem Versand, dem Eloxalwerk oder der Verarbeitung zugeführt beziehungsweise zwischen all diesen Stationen transportiert werden.

Diese Aufgabe übernehmen vollautomatische Krantransporte (AMK). Sie entlasten die ebenerdigen Transportwege, machen teure Flurförderzeuge überflüssig, sparen Personalaufwand und reduzieren die Unfallgefahr. Allerdings sind im Unterschied zu konventionellen Krananlagen an Funktion und Zuverlässigkeit vollautomatischer Krantransporte besonders hohe Anforderungen gestellt.

Die im neuen Thöni-Presswerk installierten AMK-Anlagen können stündlich bis zu 56 Korbtransporte auf einer Fläche von 117 m x 21 m Seitenlänge erledigen. Sie arbeiten redundant; das heißt, sie stimmen die Transportaufgaben im Sinne einer optimalen Lösung miteinander ab. Eine Neuheit, die zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme europaweit einzigartig war (inzwischen von H+H auch an anderer Stelle eingesetzt), ist bei dieser Systemlösung die Anordnung der beiden Automatikkrane übereinander mit sich kreuzenden Fahrbewegungen.

Bei der Auswahl der Greifeinrichtung verfügt H+H über eine Reihe von Optionen, mit denen sich nahezu alle Aufgabenstellungen lösen lassen. In diesem Falle müssen im beliebigen Wechsel 800 Millimeter breite Ladungsträger, 1.250 Millimeter breite Ladungsträger und fertige Packstücke unterschiedlicher Art transportiert werden.

Verbindungen zu den Nachbarbereichen

Dafür sind stationäre Förderlinien installiert. Die versandbereiten Profilpakete sowie die zur Oberflächenbehandlung ausgeschleusten Körbe werden mit Hilfe eines Shuttlefahrzeugs transportiert. Die Anbindung an die benachbarte Bearbeitungshalle übernimmt ein Verschiebewagen. Zum Ausgleich der Hanglage sind Vertikalförderer installiert.

An den Übergabestellen sind zur Überbrückung von Wartezeiten Pufferlager vorgesehen. Für diese hat H+H ein spezielles Konzept entwickelt, das sich bei begrenztem Platzangebot bewährt hat. Dabei werden die Körbe mit Hilfe eines Vertikaltransports auf übereinander angeordneten Rollenbahnen geparkt. H+H bezeichnet diese Logistikkomponenten deshalb als ›Lagerturm‹.

Der Vorteil: Die Ladungsträger können mit geringem Platzbedarf und unabhängig vom Automatikkran manipuliert werden, und zwar vollautomatisch und absolut flexibel.

Mit dem im Thöni-Presswerk installierten Korb-Lagerturm können 13 Körbe über- und hintereinander gepuffert werden. Die Leistung reicht aus, um auch eine Packstation zu ver- und entsorgen. Zur Leistungssteigerung können auf dieser Verbindungsstrecke auch Doppeltransporte, also zwei übereinander gestapelte Körbe, erfolgen.

Verpackung auf Systempaletten

Aus repräsentativen Untersuchungen ist bekannt, dass der Aufwand an konventionellen Langgut-Packplätzen bis zu 30 Prozent der Herstellkosten ausmachen kann. Bei den weitestgehend automatisierten Packplätzen, ausgestattet mit einem im 30-Sekunden-Takt laufenden Papier- und Folienspender, wurden alle Möglichkeiten genutzt, die Arbeit des Packpersonals zu erleichtern und zu beschleunigen.

In diesem Falle wird eine gemeinsam mit dem Kunden entwickelte intelligente Systempalette verwendet. Auf dieser wird gestapelt und automatisch umreift. Ebenfalls werden auf der Systempalette sämtliche für den Verpackungsvorgang erforderlichen Hilfsmittel transportiert und dem Werker auf Anforderung angedient. Die fertigen Packstücke werden auf der Systempalette zum Versand transportiert.

Erst dort werden Palette und Packstück voneinander getrennt und die Systempalette wird zur Verpackung zurückgeführt.

Dr. Peter JohneFachjournalist aus Haan www.herrmannhieber.de

Zahlen & Fakten

Herrmann+hieber war in den ersten 20 Jahren nach der Gründung 1961 in verschiedenen Bereichen der Fördertechnik tätig, bevor man sich nach einer drastischen Programmbereinigung auf die Palettenfördertechnik beschränkte. 1989 erweiterte man diese Palette wieder. Zu erwähnen sind hier Langgutfördersysteme, insbesondere für den Transport von Aluminium-Strangpressprofilen.

1993 nahm H+H die Produktion vollautomatischer Kraftfahrzeug-Parksysteme auf, die im Jahre 2000 zu Lagertürmen erweitert wurden. Solche Schwerlastlager- und -kommissioniertürme stehen auch für andere Güter zur Verfügung. Weitere wesentiche H+H-Produkte sind Kipptische und Coilwender für die Blechverarbeitung.

Erschienen in Ausgabe: 02/2018