„Kommunikative Herausforderung“

Prof. Sebastian Turner, Partner bei Scholz & Friends, ist in der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) aktiv, dem vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall im Jahr 2000 gegründeten »Think Tank«. bbr fragt nach den Beweggründen der Initiative und wie frische Gedanken die Marktwirtschaft stärken können.

23. Mai 2008
»Nahezu alle Planwirtschaften haben sich auf den Weg zur Marktwirtschaft gemacht — und bringen uns unter einen gehörigen Wettbewerbsdruck, den wir Globalisierung getauft haben.«
Bild 1: „Kommunikative Herausforderung“ (»Nahezu alle Planwirtschaften haben sich auf den Weg zur Marktwirtschaft gemacht — und bringen uns unter einen gehörigen Wettbewerbsdruck, den wir Globalisierung getauft haben.«)

Prof. Sebastian Turner: Die soziale Marktwirtschaft sollte eine moderne Stimme bekommen, die in der Mediengesellschaft Gehör findet. Damit soll es den Menschen leichter fallen, aktuelle politische Fragen vor dem Hintergrund ihrer Wirkung für Beschäftigung und Wettbewerb zu beurteilen.

Die Agentur Scholz & Friends hat die INSM sozusagen »erfunden« und liefert mit rund 40 Mitarbeitern permanente Zuarbeit. Wie sieht Ihre Arbeit eigentlich aus?

Das ist ein wenig viel der Ehre. Die Erfinder der Initiative sind wir nicht, und ganz so groß ist unser Team auch nicht. Richtig ist, dass wir die Initiative seit ihrer Gründung begleiten. Unsere Aufgabe ist es, Kommunikationslösungen für die Aufgaben zu finden, die sich ergeben — kurzfristig und langfristig.

Sie prägten den Satz: »Die praktischen Lösungsansätze kommen von den Chaoten, die unsere Unis überlebt haben.« Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

Da fällt mir mein eigenes Studium ein. Ich habe als Mitglied eines geburtenstarken Jahrgangs alle Segnungen der Massenuniversität erleben dürfen. Es war ein Großexperiment in Sachen Wettbewerb in überregulierten Märkten. Wettbewerb um einen Sitzplatz, um Bücher, um Bibliothekzeit, um Kurse, und das in einem bürokratischen Umfeld. Diese Erfahrungen waren sehr wertvoll, als ich mich während und direkt nach dem Studium selbstständig gemacht habe.

Die Kreativität des Einzelnen sowie der kleinen und mittleren Unternehmen ist der Motor für Veränderungen in Deutschland. Wie können die Unternehmen ihre »Kreativen« denn noch besser unterstützen?

Machen lassen!

Kleine Unternehmen sollen ja stets darauf achten, dass die Kreativität der Beschäftigten nicht betriebsfremd wird. Wie soll das funktionieren?

Kreativität wird dann betriebsfremd, wenn man als Mitarbeiter nicht so recht weiß, wo es lang geht. Das deutlich zu machen ist Sache der Leitung — deswegen heißt sie ja auch so. Wenn ein Unternehmen ein klares Ziel hat und die Menschen Freiräume, dann haben die Wettbewerber nichts zu lachen.

Die Initiative ist bis zum Jahr 2010 hinein mit jährlich 10 Millionen Euro gesichert. Eines der Ziele ist ja, die Bevölkerung »industriefreundlicher« zu stimmten. Ist das gelungen?

Industriefreundlichkeit ist reichlich da. Das erkennt man daran, dass immer wenn ein wenig Industrie verschwindet, alle darüber betrübt sind. Die wirkliche Aufgabe ist, über die Rahmenbedingungen aufzuklären, in denen Beschäftigung und Wohlstand gedeihen können. Einige Punkte sind nahezu konsensual — etwa die enorme Bedeutung von Bildung, andere sind im Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten. Nehmen Sie die Fragen Mindestlohn, Steuersätze, Arbeitsanreize. Das ganze vollzieht sich unter dramatisch gewandelten Rahmenbedingungen. Die markanteste Veränderung ist uns am wenigsten bewusst: Bis 1989 konnte man die Marktwirtschaft immer einfach mit ihrem Gegenmodell, der Zwangs- und Planwirtschaft vergleichen. Das hat die Marktwirtschaft nicht ideal gemacht, aber ihre Vorzüge waren für jedermann offensichtlich. Ihr großer Erfolg — nämlich der Untergang ihres Gegenmodells — ist heute ein Stück weit die kommunikative Herausforderung. Nahezu alle Planwirtschaften haben sich auf den Weg zur Marktwirtschaft gemacht — und bringen uns unter einen gehörigen Wettbewerbsdruck, den wir Globalisierung getauft haben. Das Ergebnis ist inhaltlich ein Segen: Diktaturen sind verschwunden, und heute müssen weniger Menschen hungern als vor zwanzig Jahren. Kommunikativ ist es dafür sehr viel anspruchsvoller geworden. Eine lange Antwort auf Ihre kurze Frage. Kurz könnte man sagen: Nach dem Urteil der Medien und beispielsweise einer Studie, die von den Gewerkschaften beauftragt wurde, gab es noch nie eine wirksamere Kommunikationsinitiative für die soziale Marktwirtschaft. Wenn ich aber auf viele Umfrageergebnisse schaue, ist mein Eindruck, es gibt noch sehr viel zu tun.

Es fragte: Erik Schäfer

Vita

Prof. Sebastian Turner (geb. 4. Juli 1966) erwarb 1990 den Master of Arts/USA nach Studium der Politikwissenschaft, Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Betriebswirtschaftslehre und Journalismus an der Universität Bonn und der Duke University, USA; 1992 Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Dresden, seit 1998 Professor an der Universität der Künste, Berlin. Seit 1990 ist Turner Geschäftsführender Gesellschafter von Scholz & Friends, Dresden/Berlin und seit 2001 Partner der Scholz & Friends AG (2001-2008 Vorstandsvorsitzender, seit 2008 Aufsichtsrat). Turner ist seit 1998 Vorstandsmitglied des Art Directors Club (2000-2004 Vorstandssprecher; 2003-2006 Member of the Board, Art Directors Club of Europe) und seit 2005 Member of the Board, Berlin School of Creative Leadership.

Erschienen in Ausgabe: 05/2008